Das Namensschild des Millionärs ist nicht mehr dort, wo es einst stand. Es wurde versetzt. Von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Vom Rand des Tisches in die Mitte ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit. Die Folge des Tausches: Guido Fluri setzt sich zuerst an den falschen Platz, bis er seinen Fehler bemerkt.

«Hast du die Namensschilder vertauscht?», wendet sich der Geschäftsmann fragend an Diana Wider, Generalsekretärin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes). Hat sie, ihres dafür ganz an den Rand, an Fluris ursprünglichen Platz.

Die Versetzung der Namensschilder ist gerechtfertigt, ja logisch. Ohne Geschäftsmann Guido Fluri hätten sich die Medien gestern Dienstag nicht im Saal Lulu im Restaurant Au Premier am Zürcher Bahnhofplatz 15 versammelt. Denn Guido Fluri hat es wieder getan: Der Geschäftsmann packt ein Problem an, während die Behörde noch gelähmt daneben steht und erntet dafür deren Dank, aber vor allem jenen der betroffenen Menschen, die von seinem Engagement profitieren. Dies war bei der Wiedergutmachungsinitiative der Fall, als er sich für Entschädigungszahlungen für frühere Verdingkinder einsetzte, und es ist jetzt wieder der Fall, wo er versucht, Mängel der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) zu beseitigen.

Unabhängige Hilfe

Das frischgeborene Baby seiner Stiftung heisst Kescha. Es ist eine unabhängige Anlaufstelle für all jene, die sich von der Kesb schlecht behandelt fühlen – jemanden suchen, der sie berät und für sie vermittelt (siehe Kasten). Dafür hat Fluri sich breite Unterstützung geholt. Nebst der Stiftung Kinderschutz Schweiz hat er auch die Kokes, das Verbindungsorgan aller kantonalen Kesb, mit ins Boot geholt.

Bewusst nimmt die Behörde aber nicht Platz im Vorstand und somit am Steuer, sondern lediglich im Beirat. Kescha soll unabhängig von der Kesb sein, und dies soll von den Hilfesuchenden auch so wahrgenommen werden. Was, wenn Kokes gegen eine unabhängige Anlaufstelle gewesen wäre? «Ich hätte sie trotzdem geschaffen», sagt Fluri. «Für die Betroffenen.»

Vom Kinderheim zum Millionär

Guido Fluri ist durch Immobiliengeschäfte reich geworden. Aufgewachsen ist er aber in einfachen Verhältnissen, wurde als Kind selber fremdplatziert. Seine Mutter litt bereits früh unter Schizophrenie und konnte sich wegen ihrer Krankheit nicht um ihren Sohn kümmern. Die Folge: Der heute 50-Jährige kam ins Kinderheim. Eine Zeit, die der Unternehmer als «unschön» bezeichnet. Manchmal musste Guido Fluri nackt im Keller übernachten, wurde geschlagen. Später kam er zu seinen Grosseltern. Eine glückliche Zeit.

Sein ehemaliges Kinderheim in Mümliswil hat er mittlerweile gekauft, das Gebäude in eine Gedenkstätte umgewandelt. Somit wurde es zum Sinnbild seiner sozialen Tätigkeit. Die Guido-Fluri-Stiftung ist vor allem in jenen Bereichen tätig, von denen der Namensgeber selber betroffen war, wo er weiss, wie es sich anfühlt. Schizophrenie. Gewalt gegen Kinder. Hirntumor. Auch Fluri hatte einen, einen gutartigen. Er begann aber zu wachsen, beeinträchtigte immer mehr die Gesundheit von Fluri, bis er im letzten Jahr herausoperiert werden musste. Einer seiner Jugendfreunde hatte weniger Glück. Er starb 2007 an einem bösartigen Hirntumor.

Herr Fluri, dient Ihre soziale Tätigkeit dazu, Ihre Schicksalsschläge zu verarbeiten? «Mit 50 Jahren ist die Verarbeitung abgeschlossen», sagt der Geschäftsmann. «Vor 10 Jahren war dies noch anders.» Fluri nennt einen anderen Grund, der ihn antreibt. «Ich will meinen Beitrag in der Gesellschaft leisten.»

Auch Kescha soll die Gesellschaft ein Stückchen besser machen. Die neue Anlaufstelle soll vor allem ein Ohr für die Betroffenen sein «und somit weitere Eskalationen vermeiden», sagt Fluri. Er spricht damit die tragischen Ereignisse in Flaach im Jahr 2015 an. Die beiden Kinder von Natalie K. wurden auf Intervention der Kesb von den Eltern getrennt und in ein Heim gebracht. Als die Kesb Wochen später die von der Mutter geforderte Rückplatzierung ablehnt, begeht Natalie K. die unfassbare Tat. Sie erstickt ihre beiden Kinder. Ein halbes Jahr später nimmt sich Natalie K. im Gefängnis das Leben.

Kesb stärken

«Die Arbeit der Kesb ist schwierig», sagt Fluri. «Wenn sie zu früh eingreift, ist es falsch, aber auch wenn sie zu spät eingreift.» Es gehe ihm nicht darum, der Kesb zu schaden. Denn für einen guten Kindes- und Erwachsenenschutz brauche es professionelle und empathische Behörden. Und diese gebe es nur, wenn die Betroffenen und die Gesellschaft Vertrauen in die Arbeit der Kesb hätten. Darum hält Guido Fluri nichts von den Anti-Kesb-Initiativen.

Fluris Weg ist der konstruktive, nicht die Konfrontation. Wie bereits bei den Verdingkindern. Statt den Erfolg mit der Volksinitiative zu suchen, akzeptierte er den Gegenvorschlag, der zwar weniger hohe Entschädigungen für die Verdingkinder einbrachte, dafür aber viel schneller als über eine Volksabstimmung. Er sagte zum «Migros Magazin»: «Ich wollte lieber ein neues Gesetz statt einen Scherbenhaufen.» Einen Scherbenhaufen will er auch diesmal vermeiden. Darum greift der Millionär ein. Für die Betroffenen.