Man erwartet: einen niedergeschlagenen Mittfünfziger, einen gebrochenen fast. Es kommt: ein deutlich schlankerer und gelösterer Mann, als man ihn in Erinnerung hat.

Es ist ja auch schon eine Weile her seit der letzten Begegnung. Ein Jahr fast. Ein Jahr, in dem für ihn mehr passiert ist, als man gemeinhin erwartet hatte. Ein Jahr, in dem aus dem Nationalrat und SP-Fraktionspräsidenten der Leiter für Bildung im Strafvollzug wurde.

Der Wendepunkt in seinem Leben, er ist einfach zu datieren. Auf den 18. Oktober 2015, einen kühlen Sonntag. Andy Tschümperlin isst mit seiner Frau und seinen Kindern zu Mittag. Richtig stillsitzen kann er nicht, es ist der Tag der Nationalratswahlen. Freunde erachteten seine Wiederwahl als Formalität, Tschümperlin aber antwortete stets: «Das ist der Kanton Schwyz. Da weiss man nie.»

Und glaubte dennoch nicht so recht ans Scheitern. Schliesslich sass er doch schon seit acht Jahren in der grossen Kammer, schliesslich stand er der zweitgrössten Partei des Landes als Fraktionschef vor. Einen Sturz verspürt man erst beim Aufprall.

Dann kommen die Resultate aus den ersten ausgezählten Gemeinden. Tschümperlin ahnt, dass das nicht gut kommt. Er kann seinen Wähleranteil zwar halten oder teilweise gar ausbauen, im Gegensatz zu den von Fukushima geprägten Wahlen vor vier Jahren brechen die per Listenverbindung verbrüderten Grünen jedoch ein.

«Spiegelung» von den Coaches

Als er weiss, dass er die Wiederwahl verpassen wird, geht er ins Wahlzentrum nach Schwyz. «Ich wollte die Sache abschliessen. Am gleichen Tag noch», sagt er. Bereits warten Journalisten auf ein Statement des famos Gescheiterten. Doch das Endresultat steht noch aus, so lange will sich Tschümperlin noch nicht äussern.

Fast drei Stunden lang bilden Familie und Freunde einen Kreis um ihn und beschützen ihn vor Fragen und Fotografien. Der 54-Jährige lächelt verschmitzt, als er das erzählt. Er hat ihnen, den Medien, ein Schnippchen geschlagen.

Denn die lokale Presse trägt in seinen Augen Mitschuld an seiner Abwahl – zu viel Kritik an seiner Person, zu kleine Plattform im Vergleich zu den anderen Schwyzer Kandidaten, keine andere Zeitung als Alternative. «Ich mache mir echt Sorgen um die Schweizer Medienlandschaft», sagt er.

Den geplanten Auftritt in der SRF-Elefantenrunde sagt er ab, er bittet den Medienchef der Partei, sonst jemanden hinzuschicken. Das Leben danach, es hat bereits begonnen. Aber wie startet man einen neuen Abschnitt, so ganz ohne Gebrauchsanleitung, so ganz ohne Erfahrung?

2012, als er Fraktionschef wurde, gab Tschümperlin seinen Posten als Schulleiter auf und war fortan Berufspolitiker mit einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten. Und jetzt also plötzlich das Nichts, zum ersten Mal in seinem Leben.

«Mir war sofort klar», sagt er, «dass ich professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will.» Er besuchte ein Führungscoaching, liess sich «spiegeln», wie er es nennt. Das Durchforsten der Stellenanzeiger konnten ihm die Coaches aber auch nicht abnehmen. «Zum Glück hatte ich in dieser Zeit meine Familie», sagt der vierfache Vater.

Kinder verteidigen ihn

Sowieso, die Familie. Andy Tschümperlin erwähnt sie im Gespräch mehrfach. Für sie sei die Abwahl mindestens so schlimm wie für ihn selbst gewesen, schliesslich hätten sie ihn monatelang im Wahlkampf unterstützt.

Nicht einfach in einem Kanton, wo sich jeder kennt und der «Sozi» aus Schwyz von vielen argwöhnisch betrachtet wird. «Gerade meine Kinder mussten mich in ihrem Umfeld oftmals verteidigen», sagt er.

Tschümperlin hilft während einiger Wochen seinem Vater im Garten, schläft wieder mehr, geht für einen mehrwöchigen Sprachaufenthalt nach Südfrankreich. In ein eigentliches Loch fällt er nicht. Finanziell kann er sich das leisten, weil seine Frau arbeitstätig ist und er etwas Geld aus der Überbrückungshilfe für abgewählte Parlamentarier kriegt.

Dann erblickt er es, das Inserat, das seinem Leben eine neue Wendung geben wird. Das Arbeiterhilfswerk sucht einen «Leiter für Bildung im Strafvollzug». Das wär doch was, denkt er sich – und ist damit nicht allein.

Mehrere Freunde machen ihn auf die Stelle aufmerksam. Tschümperlin bewirbt sich und kriegt den Job prompt. Ob seine Bekanntheit oder sein politisches Engagement ausschlaggebend waren, weiss er nicht. «Geschadet hat es sicher nicht», sagt er und lacht.

Seit Anfang Mai arbeitet er nun in Luzern. Die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren beauftragt ihn und sein Team, den Lehrplan «Basisbildung im Strafvollzug» schweizweit umzusetzen.

Gut 40 Lehrpersonen unterrichten die Häftlinge im Alter von 18 bis 71 Jahren. Tschümperlin stellt die Pädagogen ein, begleitet sie, setzt die Leitplanken. In den jeweiligen Vollzugsanstalten ist er aber selten anzutreffen.

Einwände, dass der Unterricht den Haftalltag zu wenig abschreckend machen könnte, lässt er nicht gelten. «Schon Victor Hugo sagte: ‹Baut eine Schule, dann kann man ein Gefängnis schliessen.› Bildung sorgt unter anderem dafür, dass die Insassen weniger rückfällig werden, wenn sie mal frei sind», sagt er.

Der Job gefällt ihm, Tschümperlin fühlt sich gebraucht und gefordert. Er bleibt offen für Neues, für den Moment reicht ihm sein Beruf aber neben Familie und Hobbys. Wenn ihm etwas auf der Zunge liegt – etwa die «überaus ungerechte» Unternehmenssteuerreform III, der Umgang mit Migranten oder die Altersreform –, verschafft er seinem Ärger auf Facebook Luft.

Bald soll auch noch ein Blog mit seinen Gedanken zur Schweizer und Schwyzer Politik dazukommen. Tschümperlin kann es doch nicht ganz lassen. Der Startschuss für einen Neubeginn der Politkarriere? Der passionierte Berggänger sagt den Satz, den sowohl Politiker wie auch Geheimdienstagenten stets griffbereit haben: «Sag niemals nie.» Derzeit sehe es aber nicht danach aus.

Die eigene Homepage, die hätte er immerhin schon, wenn er es sich anders überlegen sollte. Sie müsste im Falle eines Comebacks aber noch etwas aufgefrischt werden. Auf der Startseite steht derzeit: «Am 18. Oktober 2015 sind Wahlen. Wir stehen vor wichtigen Weichenstellungen.» Als er die Zeilen schrieb, hätte er nicht gedacht, dass der Zug nicht mehr nach Bern fahren würde.