Christian Nünlist

30 Jahre früher hatte Stalin noch verächtlich gefragt: "Der Papst? Wie viele Divisionen hat er denn?" 1979 nahm man das katholische Kirchenoberhaupt aber ernst, denn am 16. Oktober 1978 war mit dem polnischen Kardinal Karel Wojtyla erstmals im Kalten Krieg ein Osteuropäer Papst geworden. Er hatte sich quasi selbst nach Polen eingeladen, denn 1978 hatte er einen Papstbesuch von Paul VI. gefordert.

Johannes Paul II. besuchte Polen noch zwei Mal - 1983 und 1987 - und vermittelte zwischen der demokratischen Opposition und der kommunistischen Führung. Kurz nach dem Mauerfall traf er am 1. Dezember 1989 Gorbatschow im Vatikan. Gorbatschow war der erste Sowjetführer, der in Rom empfangen wurde. Der Papst spielte im Prozess, der zum Ende des Kommunismus in Polen führte, eine zentrale Rolle. Die Stasi bezeichnete Johannes Paul II. in internen Dokumenten als "König von Polen", ein deutlicher Hinweis, welche Angst man im ganzen Sowjetblock vor der Signalwirkung des polnischen Papstes hatte.

Tatsächlich war Johannes Paul II. ein wichtiger Wegbereiter der friedlichen Revolution von 1989 in Osteuropa. Sein historischer Polenbesuch markiert im Rückblick den Beginn der polnischen Freiheitsbewegung und führte zur Entstehung der Gewerkschaft Solidarnosc. Seine Wirkung blieb aber insgesamt auf Polen und die DDR beschränkt, das heisst, auf die osteuropäischen Länder, in denen die katholische Kirche einen gewissen Einfluss hatte.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.