Vielleicht fühlt sich so ein Auto an in der Waschstrasse: geschrubbt, gefitzt, durchgewalkt und aufpoliert. Anderthalb Stunden lang, aber wie im Schnelldurchlauf. So fühlen sich jedenfalls anderthalb Stunden mit Claude Longchamp an. Und weil man kein Auto ist und sich der Waschvorgang übers Wort vollzieht, fühlt sich alles wie eine Kopf-und-Kropf-Schrubbete an. Man weiss es nicht, aber die Vermutung steht: Auch Claude Longchamp wurde dabei etwas durchgeschäumt.

Da war wirklich alles drin. Das, womit uns Longchamp seit Jahr und Tag verblüfft am Bildschirm, am kommenden Wochenende zum letzten Mal: bei wahnwitzigem Tempo mit dieser Souplesse; mit der Wirkung völliger Durchsicht, mitten im Chaos; mit Sätzen wie auf Knopfdruck, druckreif, kaum je schablonenhaft; mit dieser fast magisch anmutenden Verschmelzung unmöglich zu vereinender Gegensatzpaare: Ereignis und Reflexion, Info-Analyse und Entertainment, Sachlichkeit und Ironie.

Da spuckt der Computer erst die Hochrechnung aus, dort deutet Longchamp schon simultan das Resultat. In exakt jenen 37 Sekunden, die ihm die Regie zur Verfügung stellt. Bei Sekunde 37 macht Longchamp auch grammatikalisch den Punkt. Wobei man immer spürt: Er hätte das auch 37 Minuten lang durchgehalten, nicht weniger dicht. Und als der Computer mal gar nichts zeigt, sagt Longchamp live: «Das ist alles, was uns bisher vorliegt – nichts.»

Redekunst hierzulande war wie Maulhalten am Alpstein

Das sind stupende Gaben, ganz generell. Auch im Welschen, wo der Name Longchamp geläufig ist. Selbst in Frankreich, wo Longchamp Burgunder im Stammbaum fand. Davon erzählt er mit Behagen: Monsieur le Maire von Malapalud, Kanton Waadt, habe vom Misthaufen herab zu ihm gesagt: «Longchamp? Nichts Besonderes hier.» Die Mutter war Freiämterin, der Vater Händler für Autowasch-Anlagen. Claude, aufgewachsen in Freiburg, ging in Buchs zur Bezirksschule und in Aarau an die Kanti.

Und was zählt Gewandtheit in der Deutschschweiz? Da bringen Meister «d’Schnörre nid abenand», wie unsere Alpstein-Ciceros in der Reklame für Appenzeller Käse. Brauen hochziehen und grimmig blicken – mehr Prägnanz braucht’s nicht. Wer draufloslabert wie ein deutsches Maschinengewehr, hat nie recht. So funktionierte jahrzehntelang die einheimische Politik: kein Blendwerk, keine Omertà. Aber eine gutschweizerisch gehütete Zunge in einem gutschweizerischen Steckgrind. Und dann kam Longchamp. Akkurat am 6. Dezember 1992. Drum war das wie ein Impakt.

«Verkünder des Demos» – ob das Fernsehen diese neue Rolle erfand oder Longchamp fürs Fernsehen, ist eine ähnlich müssige Frage wie die von Huhn oder Ei. Fest steht: Es passte auf Anhieb. Aber der Neue musste gesittet vor die Kamera. Nicht ohne Krawatte, zur Not mit Fliege. Und keinesfalls schon bei den ersten Hochrechnungen um 13 Uhr. Schnelle Konkurrenz – Facebook, Twitter, Online-Pushs – war ohnehin noch paradiesische zehn Jahre entfernt.

Zur Debatte stand an jenem Tag der EWR. Nichts weniger und nichts mehr als die Zukunft der Schweiz «in einer rasend sich verändernden Welt». Egal – noch hatte altes Brauchtum Vorrang, eine Heimatkonserve: «Die sechs Kummerbuben»; Longchamp machte in einem Vortrag dann sieben draus. So oder so ein würziges Aperçu für einen Mann, der das «Story-Telling» liebt, aber auch lebt. Er braucht ja keinen Schalter, wie ihn Batteriesprecher brauchen; er ist von sich aus stets auf tutti. Den gebetsmühlenhaften Rat seines Fachs – «Bleibt authentisch!» – personifiziert er exemplarisch.

Nicht am Boden den Kügelchen nachrennen

Longchamp weiss, worin sein Geheimnis liegt – und macht kein Geheimnis draus. «Die Bilder», sagt er. Metaphorische Anschaulichkeit. Zu sehen etwa, als er uns den Kniff verrät, wie man bei plötzlichem Stocken, mitten im Satz, den Faden wieder finde: «Nicht den Kügelchen der Kette nachrennen, die wegen des Schnitts auf den Boden gekullert sind. Nur den Faden wieder finden, neu anknüpfen.»

Einmal ist das Longchamp passiert. Einmal hat’s ihm die Sprache verschlagen, bei der Abstimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative. Die Frage war, ob man ein Ergebnis bereits ins Land posaunen soll, mit Prozentabweichungen lediglich hinter dem Komma. Oder warten, bis daraus ein ganzer Prozentpunkt wird. Nun gibt ein Claude Longchamp das Ehrenmegafon des Demos nicht einfach aus der Hand. Er riskierte es mit Kommastellen – und rang kurz nach Atem. Selber erinnern wir uns nicht, und wiederum steht zu vermuten: Auch sonst hat es kaum jemand bemerkt.

Longchamp will kein Druide sein, kein Orakel von Delphi. Dafür ist er, obwohl katholisch geboren, nicht fromm oder romantisch genug. Er will erster Verkünder sein. Er wehrt sich geballt, wenn man ihm allzu forsche Gangart unterstellt oder gar Hasard. Am glühendsten, wo man Fehler mal einfach in die Luft bläst, was der Billigkeit halber öfter geschieht. Selten nimmt sich mal einer die Mühe und versucht, Unschärfe aufwendig nachzuweisen. Etwa Urs P. Gasche auf Infosperber: «Die Pseudo-Wissenschaft von Claude Longchamp».

Das Geflecht bei Betrachtung mit der Lupe

Solche Kritik beruht auf klassisch aufklärerischer Skepsis; unter dieser Lupe wird manches Geflecht fadenscheinig. Sie wird in diesem Fall mit dem Namen Longchamp verknüpft, zieht aber im Grunde ganz allgemein die Schummrigkeit von Umfragen und deren Auswertung in Zweifel, nicht anders als bei Gutachten, Statistiken und Studien.

Um bei Umfragen jede auch noch so harmlose Retusche zu vermeiden, müsse man der Branche generell das Handwerk legen – auch so eine Idee: Nie wieder Polls! Nie wieder sonntags den Urnen-Kaffeesatz lesen! Nur noch «Tagesschau» um halb acht, ganz im Stil von Alfons Matt selig, mit der Tabakpfeife im Mund. Oder wie die Angelsachsen sagen: «Just give the news and don’t care.»

Longchamp verweist, nicht weniger anglo-sarkastisch, auf die Realität: Bei der heutigen Netzverbundenheit rinnt’s aus allen Poren. Da macht niemand nirgends mehr irgendwas dicht. Longchamp verkneift sich drum auch nicht seinen diebischen Stolz. Den Wahlsieg Macrons hatte der alte Fuchs, dank neuster Mittel wie Google-Polls, auf Twitter eine halbe Stunde vorher verbreitet als Frankreich, getreulich nach Gesetz – die Fingerübung eines Profis.

Ein Beispiel mit Sex und grosser Zorn, nicht wegen Sex

Aber dann implodierte etwas, ehe die Sache explodierte. Leute in Erdbebenzonen sagen, an der ungewöhnlichen Stille kurz zuvor erkenne man den unmittelbar nachfolgenden Ausbruch. So etwas passierte auch hier. Auf unsere letzte Frage sagte Longchamp nämlich knapp: «So – jetzt wird’s ganz penibel.» Dann folgte diese Stille …

Und darauf allerhand, was nicht ins Protokoll gehört. Keine Schlötterlinge, damit wir uns recht verstehen. Wir wurden vorübergehend wohl zum Sack, worauf ein Meinungsforscher endlich mal eindreschen darf mit gelöster Brust. Longchamp, mehr an sich selbst gerichtet, nicht an uns, mässigte sofort den Ton – «Da crashe ich einfach durch» – und brachte dann jenes Argument, dessen ewiger Wiederholung er so überdrüssig schien.

Was hatten wir denn gefragt? «Wenn sich am Telefon irgendwer erkundigt», so hatten wir gefragt, «wie oft ich Sex habe am Tag, sage ich doch auch: neunzig bis hundert Mal. Oder ich sage, als humaner Zeitgenosse: Nein, Trump wähle ich nicht. Und als aufgeklärter Akademiker: Nein, es braucht kein Minarett-Verbot.» Bei jener Vorlage war die Kluft zwischen Umfrage- und Abstimmresultat besonders gross.

Über den Fake-Sex echauffierte sich Longchamp nicht. Hingegen fand er empörend, dass wir die FAZ noch nicht gelesen hatten, die am gleichen Tag des Gesprächs erschien. Ein guter Hinweis, in der Tat. Die FAZ leistete an jenem Tag in einem langen Artikel jene Ameisenarbeit, die sich wenige aufbürden, wenn eine Annahme augenfällig genug erscheint. Die FAZ wies nach, dass es eben gerade nicht zutraf, dass Wähler in Umfragen aus Scham ihre Prioritäten verleugnet hatten – mindestens nicht im Fall Trump.

Offene Meinungsforen bei verschlossenen Meinungsdaten

«Das hat in den letzten Jahren komplett gedreht», sagt Longchamp, «die Leute geben inzwischen frank und frei Auskunft darüber, was sie denken. Sie haben sich daran gewöhnt, wegen regelmässiger Wortmeldungen auf sozialen Plattformen, Online-Foren und Blogs.» Warum also hält Longchamps Institut GfS seine Daten unter Verschluss (die Fragebögen, Grafiken und Berichte stehen zur Verfügung, hingegen nicht die Daten, es sei denn bei Anfrage mit Begründung)? Man könnte sie ja auch ins Netz stellen, wie das Skeptiker fordern, unter Anonymisierung der Daten. Einfach, um zu sehen, wie gefragt wurde. Man weiss ja längst, wie eklatant die Ergebnisse auseinanderdriften, je nachdem, wie man fragt.

Noch einmal greift Longchamp zum Laserschwert, um diese Praxis zu verteidigen: «Ihr Verleger sagt ja auch nicht, wie er seine Druckmaschine einrichtet.» In anderen Worten: Betriebsgeheimnis. Ähnlich, wie Longchamp seine politische Einstellung heute hinters Stimm- und Wahlgeheimnis stellt; das ehemalige Vorstandsmitglied der SP Schweiz, bei dem Ruth Dreifuss, damals noch Gewerkschafterin, eine der ersten Kundinnen war. Longchamp sagt: «Das geht Sie nichts an.»

Die Schroffheit dieser Aussage ist erprobt. Die Verdatterung des Gegenübers erspart dem Meinungsforscher womöglich einen sinnlosen Exkurs. Auch ist der Verdruss, immer wieder politischen Spiesser-Moralismus erdulden zu müssen, irgendwo nachfühlbar. Trotzdem erstaunt es schon, wenn der bekannteste, vielseitig aktive Politologen-Hansdampf um den eigenen politischen Standpunkt den roten Vorhang des Beichtstuhls zieht.

Der Mann mit der Mappe wollte nur auf den Zug

Nun hört Claude Longchamp auf. Die Abstimmung vom nächsten Sonntag wird in der Rolle seine letzte Sendung sein. Schrittweise zog er sich aus seiner Firma zurück und hat sie an Mitarbeiter verkauft. Er geht auf Weltreise, wird davon bloggen hie und da. 2019, läuft’s nach Plan, erscheint ein Buch. Thema ist ein untergegangenes Reich, die Burgunder. Eventuell eröffnet Longchamp dann auch in Bern eine Bar für Polit-Gossip. Die «Nacht der langen Messer», diese inzwischen fast folkloristische Vorwahl-Posse, fände dann eventuell an seinem Tresen statt. Jedenfalls mische er sich mit Sicherheit wieder ein, sagt Longchamp, wenngleich nicht in die Tagespolitik.

Und an diesem Punkt gruppieren wir ein paar Annahmen um. «Kei Luscht», um Bundesrat Maurer zu zitieren, fällt als Motiv des Rückzugs bei Longchamp definitiv weg. Keine Sinnkrise, keine Grunderschütterung im Glauben ans Metier. Auch kein plötzlicher Temperatursturz beim für ihn so positiven Fieber Demokratie und Politik. Ganz einfach: Als er noch Zeit zum Reisen hatte, hatte er kein Geld. Und dann ging’s vom Studium übergangslos ins eigene Geschäft.

Genau da, an der Schwelle von der Universität zur eigenen Firma, Stunden nur, bevor er auf eigenen Beinen stand, brach er gleich beide davon. Auf fürchterliche Art. «Zwanzig Sekunden», sagt Longchamp, «bestimmten fortan mein Leben.» Die Operation war kompliziert und lang. Sechs Monate sass er im Rollstuhl. Als er sich daraus wieder erhob, sagte der Arzt: «Um mit sechzig nicht wieder Platz zu nehmen darin, werden Sie mit sechzig das Leben ändern müssen.» Das tut Claude Longchamp jetzt, darauf lief es hinaus.

Es war damals sein letzter Arbeitstag gewesen an der Uni Bern. Sie wurde gerade umgebaut. Alle Türen waren zu, einen Schlüssel hatte Longchamp nicht mehr. Das Fenster über dem Boden stand 140 Zentimeter hoch. Longchamp war Jugend-Sprintmeister gewesen über 100 und 200 Meter, mit der Staffel sogar Rekordhalter.

Selbst politisiert hatte ihn der Sport. 1968, als die zwei schwarzen Olympiamedaillen-Gewinner im Sprint, Tommie Smith und John Carlos, auf dem Siegerpodest für Black Panther die schwarze Faust reckten; anderntags wurden sie disqualifiziert.

Der Zug ins Zürcher Schauspielhaus ging um 18.44 Uhr. Longchamp hatte da mit seiner Frau abgemacht. Er war sportlich und das Fenster 140 Zentimeter hoch. Er nahm die Mappe und sprang. Landete auf einer Rampe, verdrehte beide Beine, das Geräusch in den Knochen hat er noch heute im Kopf. Er war ohnmächtig und blutüberströmt, als Leute ihn fanden. Letzter Arbeitstag – Suizid, dachten sie; die Mappe daneben sahen sie in der Aufregung nicht.

Pacemaker fürs Sprechtempo von uns allen

Da geht also ein Mann ganz pragmatisch, im Sinn abgewogener Notwendigkeit. Er hält sich an die Gesundheit, ans Leben. Claude Longchamp hat sich und sein Metier mehr als nur etabliert, trotz aller Holz-DNA hiesiger Politik. Zu jener Zeit hätte niemand darauf gewettet, dass ein welscher Typ mit deutscher Salvenrhetorik, amerikanischen Umfragemoden und der Fliege eines Barkeepers auf dem Senioren-Kreuzfahrtschiff im Alpenland Furore macht.

Ein Fünfkampf-Olympiateilnehmer hatte die Fliege dem Neuen im Abstimmungs-Studio erstmals umgebunden, der Wachtmeister und SVP-Nationalrat Werner Vetterli (1929–2008). Der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geissler sagte uns mal in München: In den letzten zwanzig Jahren habe sich das Sprechtempo der Leute nahezu verdoppelt. Claude Longchamp war sicherlich einer der Pacemaker hier. Mehr noch: Bald passten sich viele seinem Stil und seiner Vorgehensweise an.

Heute gibt’s neue Medien, neue Datentechniker, neue flotte Deuter. Aber – zum dritten Mal – die Vermutung steht: Niemand dürfte in der Lage sein, einen Longchamp über Nacht zu ersetzen. Die Konkurrenz muss insgeheim auf zwei Dinge hoffen. Erstens, dass sich politologische Instrumente ständig neu schärfen lassen.

Und zweitens, dass man Zampanos meist schnell vergisst, die durch die Fernsehwelt gegaukelt sind. Bei Claude Longchamp sollte man sich da nicht zu sicher sein. Man frage im Alpstein die Mimen vom Appenzeller Käse: Die verraten ihr Geheimnis auch nicht. Vielleicht gibt’s gar keins. So war halt Longchamp.