Alpsommer
Die Leiden der Schweizer Älpler: Weil der Frühling so kalt war, müssen viele noch im Tal bleiben

Die Alpen werden heuer überall in der Schweiz später bestossen - teilweise bis zu zwei Wochen. Bei den Älplern grassiert deshalb das Alpfieber. Ist ihr Sommer schon ruiniert?

Dominic Wirth
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Der Winter lastet noch schwer auf der Natur um die Grüscher Alp.

Der Winter lastet noch schwer auf der Natur um die Grüscher Alp.

Adrian Werder

Es brodelt in Adrian Werder, jeden Tag ein bisschen mehr. In einem normalen Jahr wäre er jetzt schon auf dem Grüscher Älpli, hoch oben im Prättigau, 1600 Meter über Meer. Aber heuer hält sich der Schnee hartnäckiger als sonst. Darum sitzt Werder immer noch zu Hause in St. Antönien. Und kämpft mit einem Leiden, das er Alpfieber nennt. «Der Drang wird mit jedem Tag grösser», sagt er.

Adrian Werder.

Adrian Werder.

zVg

Wie Werder geht es gerade so manchem Älpler im Land. Weil das Wetter nicht mitspielt, der Frühling kalt war und reich an Niederschlag, verzögert sich der Beginn der Alpsaison überall in der Schweiz. Andrea Koch vom Schweizerischen Alpwirtschaftlichen Verband sagt, dass viele Alpen im Land später bestossen werden. «Es kann dabei um ein paar Tage gehen, aber auch um zwei Wochen», so Koch.

Adrian Werder macht sich am Samstag auf den Weg, das ist zumindest der Plan. Früher lässt das der Schnee nicht zu. Gerade auf den höher gelegenen Weiden - sie liegen teilweise auf über 2200 Metern - hat er die Natur noch fest im Griff. Werder ist etwa eine Woche später unterwegs als sonst. Es gibt auf dem Grüscher Älpli noch viel zu tun. Weiden müssen eingezäunt, der Kessel zum Käsen gesäubert, die Ställe vorbereitet werden. Erst dann ist die Alp bereit für den Sommer, die schönste Zeit im Jahr für Werder, einen jungen Mann, 28 Jahre alt, der schon vor seiner elften Saison als Älpler steht.

Die kleine Tochter sagt jetzt oft «Alp, Alp»

Irgendwann im Juni, so um den 20., geht es dann richtig los. Dann kommen alle auf die Alp. Die 100 Milchkühe. Die 30 Mutterkühe mit Kälbern. Die 50 Ziegen. Die 44 Schweine. Und nicht zuletzt die Familie von Werder. Die Frau und die zwei Kinder, 2 Monate alt erst der Sohn, 2 Jahre die Tochter. Seit ein paar Tagen kennt das Mädchen vor allem noch ein Wort: «Alp, Alp».

Ein Bild aus dem letzten Sommer: Kühe auf der Grüscher Alp.

Ein Bild aus dem letzten Sommer: Kühe auf der Grüscher Alp.

Adrian Werder

Dazu kommen noch zwei Helfer, «leidenschaftliche», wie Werder sagt, und das ist ihm wichtig. Sie verbringen den Sommer mit der Familie in den Bergen. Dort taktet die Natur die Tage, hier die Tiere, da das Wetter. Um drei, halb vier Uhr morgens geht der Wecker. Feierabend ist um sieben Uhr abends. Wenn es gut läuft.

Doch was wird das für ein Alpsommer? Ist er schon ein wenig ruiniert, bevor er richtig anfängt, weil der Frühling so kalt war wie schon lange nicht mehr? Mitnichten, sagt Adrian Werder. Ein weiterer Kälteeinbruch wäre zwar schlecht. Doch wenn der ausbleibt, besteht durchaus Hoffnung auf einen guten Alpsommer. Das saftigste Gras und die besten Kräuter, sagt Werder, wachsen nämlich dann, wenn es rasch warm wird, nachdem der Schnee von den Weiden geschmolzen ist.

8,5 Tonnen Käse will Gwerder diesen Sommer produzieren.

8,5 Tonnen Käse will Gwerder diesen Sommer produzieren.

Adrian Gwerder

Das schmeckt man dann auch in der Milch. Und vor allem im Käse, der der ganze Stolz von Werder ist. 8,5 Tonnen will er bis Ende Sommer verarbeiten, dazu 900 Kilo Alpbutter und 600 Kilo Ziger. Dass er nicht weiss, ob es auch so kommt, macht für ihn die Faszination des Älplerlebens aus.