Am 26. August 1960 schaltete Bundespräsident Petitpierre im aargauischen Würenlingen eine «geheimnisvolle Maschine» an. Es handelte sich um die erste Atomanlage der Eidgenossenschaft, die einige Jahre später in den Besitz des Paul-Scherrer-Instituts übergehen sollte. Die heimische Industrie, so sagte es der Moderator des Schweizer Fernsehens, «hat mit dem Bau des Reaktors bewiesen, dass sie fähig ist, mit den neuesten, schwierigsten Aufgaben der Energieerzeugung fertig zu werden». 

Die schwierigsten Aufgaben der Energieerzeugung – sie sind heute andere als damals. Sahen sich die Ingenieure vor sechs Jahrzehnten vor allem mit technischen Hürden konfrontiert, heissen die Herausforderungen heute: Subventionen, rekordtiefe Strompreise, Frankenstärke.

Nicht sehr technisch, aber offenbar ungleich schwieriger zu bewältigen. Das dürfte spätestens seit Anfang dieser Woche klar sein, als der grösste Stromkonzern des Landes in zwei Schritten einräumte, mit ebendiesen Aufgaben nicht mehr fertig zu werden.

Alpiq hat die Waffen gestreckt. Der Konzern öffnet Investoren aus dem In- und Ausland die Türe zum eigenen Herzen – und zugleich zum Herzen der Schweizer Stromversorgung: zu den Stauseen und Laufwasserkraftwerken. Alpiq verdient nichts mehr an ihnen, deshalb steht jetzt fast die Hälfte des Kraftwerksparks zum Verkauf. Das ist der erste Schritt.

Atomkraftwerke Eigentümer

Nicht für die Öffentlichkeit

Mit dem zweiten Schritt wollte man sich eigentlich noch etwas gedulden. Zuerst, das war der Plan, sollte eine Lösung für die allseits beliebten Wasserkraftwerke gefunden werden. Dann kämen die in der Bürgergunst stark gefallenen Atomkraftwerke dran. Und das ist auch bitter nötig. Denn auch wenn Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin am Montag vor den Medien jegliche Fragen zur Rentabilität der Alpiq-Kernkraftwerke elegant dazu nutzte, um auf das Leid der Wasserkraftwerke zu verweisen, hilft es ja auf Dauer nichts: Bei Strompreisen von unter drei Rappen pro Kilowattstunde schreiben auch die Kernkraftwerke mit ihren Produktionskosten von 4,5 Rappen im Fall Gösgen und 5,5 Rappen in Leibstadt Verluste. Der Zauber ist verflogen, die Kernkraftwerke bringens nicht mehr.

Schritt zwei, der dieses Problem adressiert, ist eher ungewollt an die Öffentlichkeit gelangt. Er steht auf einem Papier, das die «Basler Zeitung» am Montag publik machte. Es ist der Plan, den Kernkraft-Klotz vom eigenen Bein zu lösen und stattdessen einem anderen umzubinden. Dieser Glückliche, wie soll es anders sein, ist der Steuerzahler respektive die Steuerzahlerin.

Das kennt man doch bereits

Wer die europäische Diskussion um die Zukunft der Atomenergie in den letzten Monaten und Jahren verfolgt hat, dem kommt das irgendwie bekannt vor. In Deutschland schmiedeten die grossen Energiekonzerne zuerst den Plan einer Art «Bad Bank» für ihre unrentabel gewordenen Kraftwerke. Vergleichbar ist das hinsichtlich des unternehmerischen Handelns der Beteiligten. Einen gewaltigen Unterschied gibt es allerdings: Während die deutschen Energieriesen E.ON, RWE und Co. grösstenteils private Unternehmen sind, gehören die Schweizer Energiekonzerne hauptsächlich den Kantonen – und damit letztlich den Bürgern. Ob diese nun direkt für die Verluste der Kraftwerke haften, oder ob ein staatlicher Betrieb zwischengeschaltet ist, dürfte am Ende – und im Gegensatz zur Situation in Deutschland – egal sein.

Offen für Unkonventionelles

Der Aufschrei in der Schweiz blieb denn auch einigermassen erträglich, als Alpiqs Ideen – oder besser: die Pläne ihrer Lobbying-Strategen – bekannt wurden. Die Umweltorganisation Greenpeace hat dies noch nicht einmal überrascht. Sie sperrt sich nicht grundsätzlich gegen die Übernahme der verlustreichen Kernkraftwerke durch den Staat – unter einer Bedingung, allerdings. Diese lautet: Die Anlagen müssten früher vom Netz. «Für unkonventionelle Lösungen, die uns diesem Ziel näher bringen, bin ich offen», sagt Greenpeace-Atom-Experte Florian Kasser. Zwar sei es problematisch, wenn die Konzerne «nach derartigen Jubeljahren, wie sie sie in den vergangenen Jahren hatten, sofort nach dem Staat rufen». Doch letztlich haben sich die Umweltschützer den Atomausstieg zuoberst auf die Fahne geschrieben.

So pragmatisch blicken indes nicht alle auf den Fall. Der liberale Think-Tank Avenir Suisse etwa hält so gar nichts von möglichen Plänen zur Verstaatlichung. Projektleiter und Energieexperte Patrick Dümmler nennt dies «eine sehr schlechte Idee». Unter anderem deshalb, weil die Konzerne gar nicht vollständig in Bürgerhand seien. In der Tat: Rund ein Drittel von Alpiq liegt nicht in Händen der Bürger. Ein Teil liegt beim französischen Versorger EdF und ein anderer Teil ist an der Börse. Im Falle einer Verstaatlichung defizitärer Kraftwerke würden demnach die Bürger diesen Eigentümern grosse finanzielle Lasten abnehmen.

Den politisch Verantwortlichen unterstellt Dümmler eine «verfehlte Eigentümerstrategie».

Avenir Suisse habe bereits vor fünf Jahren zu einem Rückzug des Staates aus den Stromkonzernen geraten. Damals, als noch mächtig Geld mit Atom- und Wasserstrom verdient wurde, hätte die öffentliche Hand mit Verkäufen einen grossen Gewinn erzielt.

Inzwischen, so Dümmlers Vorwurf, sei ein beträchtlicher Teil an Volksvermögen vernichtet worden. Dümmler plädiert nun dafür, die Konzerne pleitegehen zu lassen und so nach dem verlorenen Geld nicht auch noch das Vertrauen in die Marktwirtschaft aufs Spiel zu setzen.

Konträre Debatten

Was bleibt, ist Ernüchterung. Es mutet schon seltsam an, dass in den politischen Kreisen in Bern eine Beschränkung der Laufzeiten für Kernkraftwerke abgelehnt wird, just in den Tagen, in denen man sich bei den Betreibern überlegt, wie man die Anlagen am elegantesten losbekommt.

Um zu erkennen, dass die Atomindustrie ihren Charme zumindest in Europa nahezu vollständig verloren hat, muss man gar nicht mehr die Gefahr der Anlagen mit dem Verweis auf Katastrophen in Tschernobyl oder Fukushima bemühen. Man muss auch nicht mehr nach England blicken, wo das neue Kernkraftwerk Hinkley Point nur deshalb gebaut wird, weil es unverschämt hohe staatlich garantierte Abnahmepreise bekommt.

Über Sinn und Unsinn einer Vollverstaatlichung der ohnehin schon weitestgehend verstaatlichten Kosten der Atomenergie lässt sich streiten. Spätestens seit dem Alpiq-Papier und der darin enthaltenen, offensichtlichen Kapitulation vor der energiepolitischen Realität lässt sich jedoch eines festhalten: Für die Entzauberung der Atomenergie braucht es den Verweis auf Fukushima oder Hinkley Point nicht mehr.

Ein Blick in die Bilanzen der hiesigen Stromproduzenten reicht inzwischen aus.