Atomkraftwerke
Alpiq-Chef: «Ich habe die AKW-Debatte lanciert»

Alpiq-Chef Giovanni Leonardi spricht im Interview mit der az über neue AKWs, Strompreise und den Handel mit Stromderivaten.

Sven Millischer und Marcel Speiser
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Das Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi stellt Gösgen das beste Zeugnis der drei AKW-Standorte aus. Welche Note gibt sich Alpiq selbst?

Giovanni Leonardi: Ich gebe uns die Note fünfeinhalb. Aber wir stehen erst am Anfang des Behördenprozesses. Das Ensi-Gutachten ist zwar ein erster Meilenstein, doch abgerechnet wird am Schluss.

Sind Gösgens Chancen gestiegen?

Leonardi: Nein. Die Ausgangslage hat sich nicht verändert. Die Betreiber haben mit dem Niederamt, Beznau und Mühleberg drei gleichwertige Projekte.

Wann raufen sich Alpiq, Axpo und BKW endlich zusammen?

Leonardi: Bevor wir Ende 2011 mit dem Geschäft in den Bundesrat gehen, ist die Standortfrage vom Tisch. Davon bin ich überzeugt. Dabei wird es maximal zwei Projekte geben. Welche Standorte letztlich das Rennen machen, hängt auch von den Konsultativabstimmungen in den Kantonen ab.

Auf welchen Reaktortyp setzen Sie?

Leonardi: Sicherheit ist das oberste Gebot. Wir dürfen in der Schweiz keine Prototypen einsetzen, sondern müssen einen bewährten Reaktortyp kaufen.

Alpiq hat die Finanzierbarkeit von zwei AKWs am Kapitalmarkt angezweifelt. Stehen Sie dazu?

Leonardi: Eine Finanzierung ist möglich. Aber wir schätzen die Aufnahmefähigkeit des Schweizer Kapitalmarktes als beschränkt ein. Wir können nicht zwei Anlagen gleichzeitig vernünftig finanzieren. Die Projekte müssen gestaffelt realisiert werden.

Gleichzeitig zwei AKWs vom gleichen Typ zu bauen, wäre günstiger.

Leonardi: Wenn wir zwei Anlagen vom gleichen Typ bauen, kommt das sehr wahrscheinlich günstiger. Aber wenn wir sie gleichzeitig finanzieren müssen, kommt es sehr wahrscheinlich teurer. Darum die Staffelung.

Alpiq will doch staffeln, damit Gösgen als jüngste Anlage überhaupt Chancen hat, erneuert zu werden.

Leonardi: Nein. Die Schweiz ist klein. Es geht um gigantische Projekte – wir sprechen von 6 bis 8 Milliarden Franken pro neues Kernkraftwerk. Wir müssen für diese Projekte je die besten Köp-
fe des Landes zusammenziehen, auch deshalb ist der parallele Bau von zwei Kernkraftwerken nicht sinnvoll.

Warum werden dann drei geplant?

Leonardi: Es gibt politische Risiken. Deshalb ist es klug, mit drei Projekten zu starten. So ist gewährleistet, dass die zwei besten realisiert werden können.

Wird über zwei AKWs abgestimmt, haben Mühleberg und Beznau die besseren Karten.

Leonardi: Das sagen Sie. Wie sich das Volk auch immer entscheidet, wir akzeptieren das Abstimmungsresultat.

Unter der Voraussetzung, dass Alpiq an den Projekten beteiligt wird.

Leonardi: Ich gehe davon aus, dass jedes neue AKW ein Partnerwerk sein wird.

Welche Bedingungen stellt Alpiq?

Leonardi: Nochmals. Wir befinden uns im Einigungsprozess.

Alpiq spekuliert also darauf, dass Axpo oder BKW einen Rückzieher machen.

Leonardi: In Sachen Rückzieher müssen Sie Axpo und BKW fragen. Für den Moment aber ist es gut, dass wir drei gleichwertige Projekte auf dem Tisch haben.

Je länger die Stromkonzerne nicht mit einer Stimme sprechen, desto schlechtere Karten haben sie dereinst vorm Volk.

Leonardi: Im Grundsatz sind sich die drei Gesuchsteller einig: Die Schweiz braucht mittelfristig zwei neue AKWs. Wir müssen einfach noch viele Details klären.

In der AKW-Debatte hat sich bislang vor allem Axpo-Chef Heinz Karrer exponiert. Warum lassen Sie ihn im Regen stehen?

Leonardi: Das ist Geschichtsklitterung. Ich stand als Erster bereits 2007 im Regen, um bei Ihrem Bild zu bleiben. Damals sagte ich: Wir brauchen in der Schweiz zwei neue AKWs. Ich habe die Debatte lanciert, und wir haben konsequent unser Gesuch eingereicht.

Alpiq gehört zu einem Viertel dem französischen Energieriesen EDF. Warum bauen Sie die AKWs nicht mit ausländischer Beteiligung?

Leonardi: Es geht um die Schweiz und deren Versorgungssicherheit. Das ist die zentrale Aufgabe eines jeden nationalen Stromkonzerns. Der Bedarf für zwei neue Kernkraftwerke zur Deckung des inländischen Verbrauchs ist durch den Bundesrat nachgewiesen.

Sie sprechen die Versorgungssicherheit an. AKW-Gegner sagen, die Stromlücke lasse sich auch ohne neue Atomanlagen schliessen.

Leonardi: Sehen Sie, die bestehenden AKWs decken heute 40 Prozent des inländischen Strombedarfs. Auch mit Laufzeitverlängerungen stossen wir früher oder später an die Kapazitätsgrenzen. Ganz zu schweigen von den langfristigen Lieferverträgen mit Frankreich, die sich nicht erneuern lassen.

Schweizer Stromkonzerne produzieren heute schon ein Drittel ihrer Kapazitäten im Ausland. Wieso schliessen Sie die Lücke nicht mit Import-Strom?

Leonardi: Wir haben nicht die Netzkapazitäten, um genügend Strom aus dem Ausland zu importieren.

Also braucht die Schweiz neue AKWs, weil sie zu wenige Strommasten hat?

Leonardi: Nicht nur. Die Versorgungssicherheit ist mit Anlagen im Ausland nicht garantiert. Je weiter weg der Strom produziert wird, desto weniger kommt in der heimischen Steckdose an.

Dennoch produziert Alpiq 40 Prozent des Stroms im Ausland.

Leonardi: Unser Engagement im Ausland ist strategischer Natur. Jedes Unternehmen will sich entwickeln. Als sich der europäische Markt vor ein paar Jahren öffnete, haben wir die Chance gepackt.

Chance? Die Strompreise in Europa sind seit längerem rückläufig.

Leonardi: Wegen der Finanzkrise ist der Verbrauch kurzfristig zurückgegangen. Es gibt Überkapazitäten, auch weil zahlreiche neue Anlagen ans Netz gingen. Das ist ein vorübergehendes Phänomen.

In der Schweiz gibt sich Alpiq umweltfreundlich, setzt auf Wind und Wasser. Im Ausland produziert Ihr Unternehmen aber fast ausschliesslich mit Kohle und Gas.

Leonardi: Wir passen uns den jeweiligen Verhältnissen an. Auch im Ausland betreiben wir Windkraftanlagen. Wenn aber beispielsweise die italienische Regierung auf Gas setzt, dann richten wir uns danach aus. Gleichzeitig hat Alpiq den strategischen Beschluss gefasst, den CO-Ausstoss pro Kilowattstunde zu reduzieren. Wir werden künftig mehr in die Wind- und Wasserenergie investieren.

Alpiq handelt auf eigene Rechnung mit Stromderivaten. Solcher Eigenhandel ist bei den Banken höchst umstritten.

Leonardi: Ich weise auf einen grossen Unterschied zum Finanzmarkt hin. Stromderivate sind stets mit Produktionsanlagen hinterlegt. Auch wenn ein Elektrizitätswerk in Konkurs ginge, würde dies nicht zu einem Stromausfall führen.

Aber gehört Stromderivate-Handel eigentlich zu den Aufgaben eines Unternehmens, das mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand ist?

Leonardi: Grundsätzlich basieren alle Stromgeschäfte auf Verträgen. Der Derivatehandel hilft, die Preise zu glätten. Das ist im Interesse unserer Kunden.

An der europäischen Strombörse gehen die Preise seit langem zurück. Warum steigen hierzulande die Elektrizitätstarife?

Leonardi: Aufgeschlagen haben nicht in erster Linie die Energiepreise, sondern die Steuern und Netzabgaben darauf. Sie machen heute zwei Drittel der Elektrizitätstarife aus.

Mit anderen Worten: Ist die Politik schuld an den steigenden Preisen?

Leonardi: Das Parlament hat den reinen Energiepreis künstlich gesenkt, aber gleichzeitig Abgaben wie Wasserzinsen oder Systemdienstleistungen erhöht. Dies hat letztlich den Preisschub bei den Endkundentarifen verursacht.

Ist die teilweise Öffnung des Strommarktes also gescheitert?

Leonardi: Die Liberalisierung hat Kinderkrankheiten. Die Preise in der Grundversorgung sind bislang so günstig,
dass nur wenige Grosskunden in den freien Markt wechseln. Dieser macht heute nur ein Prozent des gesamten Stromverbrauchs aus.

Hat eine vollständige Liberalisierung überhaupt Chancen, wenn sich schon jetzt abzeichnet, dass die Tarife für Endkunden ansteigen werden?

Leonardi: Die Schweiz ist die Stromdrehscheibe Europas. Wir können und werden uns nicht isolieren. Europa braucht die Schweiz, aber auch wir brauchen Europa.

Das gilt vor allem für Stromkonzerne wie Alpiq. Sie exportieren teure Spitzenenergie aus den Pumpspeichern und kaufen dafür billigen Atomstrom ein.

Leonardi: Gewiss machen wir gute Geschäfte. Aber auch die Bevölkerung profitiert, indem Alpiq in der Schweiz Arbeitsplätze schafft, Steuern zahlt und mit grenzüberschreitender Handelstätigkeit die Versorgung optimiert.