Schweiz

Alles Bio oder was? Bauern sind schneller als Konsumenten – Überangebot bei Bio-Milch

Viele Bauern wollen Bio-Milch produzieren - auch, weil der Preis für konventionelle Milch tief ist.

Viele Bauern wollen Bio-Milch produzieren - auch, weil der Preis für konventionelle Milch tief ist.

Viele Bauern haben auf Bio umgestellt oder produzieren nach Label-Vorgaben. Doch der Absatz harze, klagt die Branche. Verhindern die Konsumenten den grossen Bio-Boom?

Die Bauern sind unter Druck. Sie sollen weniger Pestizide spritzen, den Tieren mehr Platz bieten: So lautet der öffentliche Tenor. Der Zeitgeist müsste also für die Bio-Bauern sprechen, Produkte wie Bio-Milch oder Kalbfleisch mit Tierwohl-Label müssten reissenden Absatz finden. Doch das tun sie nicht, klagen die Bauern.

Beispiel Bio-Milch: Weil es zu viel davon gibt, besteht eine Warteliste für Landwirte, die auf Bio umstellen. Das ist kein Einzelfall. Für Wirbel sorgte vor gut einem Jahr etwa die Ankündigung von Coop, die Menge der Naturafarm-Schweine zu reduzieren – wegen sinkender Nachfrage.

Frust bei den Bauern

Beim Bauernverband heisst es, bei verschiedenen Bio- und Label-Produkten übersteige das Angebot die Nachfrage. Die Konsumenten kaufen also nicht so viel Bio, wie produziert wird. Sprecherin Sandra Helfenstein sagt: «Das macht es für die Bauern besonders frustrierend: Wirft man ihnen doch gerne vor, sich zu wenig zu bewegen und zu wenig umwelt- und tierfreundlich zu produzieren.»

Stellen die Bauern aber auf Bio um, bleiben sie wegen des Überangebots unter Umständen auf den höheren Kosten sitzen, klagt die Branche. «Offensichtlich zählt am Schluss im Laden oft vor allem der Preis», vermutet Helfenstein.

Deutlich äusserte sich kürzlich der Präsident des Rindfleischproduzenten-Verbands Swiss Beef Schweiz, Franz Hagenbuch, in einem Leserbrief: Immer wieder werde vorgegaukelt, dass die Konsumenten gerne bereit seien, für nachhaltig produzierte Nahrungsmittel mehr zu bezahlen. «So ein Schwachsinn!», schrieb er. Auf Nachfrage erklärt Hagenbuch, natürlich gebe es Konsumenten, die Bio- und Label-Produkte trotz höherem Preis kauften. Das sei aber eine Minderheit.

Gerade in den Hochpreissegmenten übersteige das Angebot die Nachfrage deutlich. «Es wird immer unterstellt, dass das Heil für die Bauern in noch mehr Tierschutz und noch mehr Ökologie besteht», sagt er. Offensichtlich sei das aber nicht so. Der Grund dafür liege nebst dem Preis im hohen Standard der Basisproduktion nach ökologischem Leistungsausweis.

«Das stimmt überhaupt nicht»

Gibt es zu viel Bio? Ist den Konsumenten das eigene Portemonnaie tatsächlich näher als das Tierwohl? So pauschal stimmt das keineswegs. Laut Bio Suisse, dem Dachverband der Schweizer Knospe-Betriebe, gibt es nur punktuell ein Überangebot an Bio-Produkten. Sprecher David Herrmann sagt: «In den letzten Monaten hat sich die Botschaft verfestigt, der Bio-Markt sei gesättigt. Doch das stimmt überhaupt nicht.»

Der Bio-Markt wachse, betont er. «In den letzten Jahren haben sehr viele Bauern umgestellt, es gab erfreulicherweise einen richtigen Boom. Auch die Konsumenten kaufen mehr. Aber die Bauern sind schneller in der Umstellung als die Konsumenten.» Deshalb gebe es teilweise ein Überangebot.

Aktuell gebe es beispielsweise eine Warteliste für Milchbauern, die ihre Milch in den Bio-Kanal liefern möchten. Auch bei Kalbfleisch bestehe ein Überangebot. Hingegen gebe es beispielsweise zu wenig Bio-Birnen und Bio-Zuckerrüben.

Bio Suisse sieht grosses Potenzial

Trotz Überangebots in manchen Bereichen ist Bio Suisse überzeugt, dass der Bio-Markt noch viel Potenzial hat. David Herrmann sagt, es brauche mehr Kommunikation: «Wir müssen den Konsumenten bewusst machen: Nicht Bio ist teuer, sondern konventionelle Produkte sind zu günstig, weil Umweltschäden – beispielsweise Pestizide im Wasser – nicht eingerechnet sind.»

Tatsächlich ist der Preis für Konsumenten ein wichtiger Faktor: Laut der Umfrage «Biobarometer Schweiz» des Forschungsinstituts für biologischen Landbau ist der teurere Preis eine «relevante Kaufbarriere». Die Umfrage zeigt aber auch, dass viele dennoch zu Bio-Produkte zu greifen: Etwa ein Viertel macht dies sehr häufig oder fast immer, über die Hälfte zumindest gelegentlich.

Und gemäss den neusten Zahlen des Bundes gaben Konsumenten 2018 erstmals über drei Milliarden Franken für Bio-Lebensmittel aus (siehe Infobox). Auch Coop und Migros bestätigen den Boom. Die Nachfrage nach Bio-Produkten sei allein im letzten Jahr um über 8 Prozent gestiegen, heisst es bei Coop.

Insgesamt lag der Bio-Marktanteil bezogen auf den Umsatz zuletzt bei zehn Prozent. Luft nach oben gäbe es also noch – wenn die Konsumenten mitspielen. David Hermann von Bio Suisse sagt, es brauche auch Geduld: «Der Mensch hält gern an seinen Gewohnheiten fest. Der Wandel geht nicht von heute auf morgen.»

Autor

Maja Briner

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