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Alleinstehende müssen Familien querfinanzieren: «Je früher Singles sterben, desto rentabler sind sie»

Sylvia Locher kämpft seit 20 Jahren für die Anliegen von Alleinstehenden.

Sylvia Locher kämpft seit 20 Jahren für die Anliegen von Alleinstehenden.

Politiker fördern sehr gerne Familien. Das geschieht zu stark auf Kosten der Alleinstehenden, sagt Sylvia Locher, Präsidentin von Pro Single Schweiz. Sie fordert: «Dies muss endlich geändert werden.»

Sie hat sich die härtesten Gegner ausgesucht, die man in der Schweizer Politik finden kann: Volksvertreter, die Familien fördern wollen. En masse findet man sie, von links bis rechts.

Doch Sylvia Locher, 64 Jahre alt, Single, lässt sich davon nicht abschrecken. Im Gegenteil. Sie redet sich gerade in Rage. Locher, Präsidentin von Pro Single Schweiz, sitzt in einem Café im Zürcher Hauptbahnhof und rechnet vor, welche Kosten der Staat Singles aufbürdet, um Familien zu unterstützen. «Woher nimmt der Staat das Recht, dass ich alleine aufgrund meines Zivilstandes mehr zahlen muss?», fragt sie.

«Je früher Singles sterben, desto rentabler sind sie»

Soeben hat Locher ein Buch veröffentlicht, in dem sie detailliert auflistet, was Alleinstehende in der Schweiz – direkt oder indirekt – zugunsten von Familien bezahlen. So berappen Singles genau gleich viel Fernsehgebühren wie die fünfköpfige Familie.

Steuerabzüge wiederum gibt es vor allem für Familien. Und: «Wenn ich sterbe, bekommt niemand eine Witwenrente. Im Gegenteil: Der Staat erhebt noch grosszügig Erbschaftssteuern auf das Vermögen von Singles.» Eltern dagegen können ihren Kindern Geld und Besitz praktisch steuerfrei vererben.

Längst ist Lochers Liste nicht zu Ende, doch ihr Fazit ist klar: Singles rentieren für den Staat. «Je früher sie sterben, desto rentabler sind sie für die Sozialversicherungen.» Dabei sei für sie selbstverständlich, dass auch Alleinstehende die nächste Generation unterstützten, etwa bei der Bildung, versichert Locher.

«Ich will die Kinder unterstützen. Aber warum muss ich noch für die Eltern mitfinanzieren?» Sie fordert, dass jedes Individuum, egal ob Mann oder Frau, egal ob verheiratet oder nicht, vom Staat gleich behandelt wird. «Heute haben wir ungleich lange Spiesse.»

Sind Singles wirklich egoistischer?

Mit ihren Aussagen eckt Locher schnell an. Oft hört sie dann, dass Singles Egoisten seien. «Ich stehe für mein Leben hin», sagt sie. «Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich ein selbstgewähltes Leben habe?» Jeder Vierte in der Schweiz lebt ohne Partner.

32 Prozent der Einwohner sind ledig. Bei den 18- bis 65-Jährigen, die im Erwerbsalter den grössten Teil der Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, sind es gar 39 Prozent. Politisch fällt das trotzdem kaum ins Gewicht. Das verwundert die Präsidentin von Pro Single Schweiz nicht: 70 Prozent der Bundesparlamentarier sind selbst Väter oder Mütter.

Locher fährt kein Auto und ist seit 30 Jahren nicht mehr geflogen: «Meine Wurzeln sind links-grün.» Doch nun gelte «je länger, je liberaler». Gleichbehandlung heisst für sie, dass das AHV-Alter für Frauen auf dasjenige der Männer angehoben werden muss und dass Hinterlassenenrenten angepasst werden.

«Bevor und nachdem Frauen Kinder haben, könnten sie arbeiten. Aber oft machen sie es nicht, weil sie nicht müssen.» Es klingt radikal liberal. Bringt Locher ihre Forderungen ein, heisse es von links meist gleich «Sozialabbau», man wolle den Frauen etwas nehmen.

Der Sozialstaat baut auf veralteten Rollenbildern auf

Damit steht der Verband Pro Single Schweiz – einst gegründet, um für die Gleichstellung unverheirateter Frauen zu kämpfen – paradoxerweise in einem Clinch zu denjenigen Parteien, die am stärksten für die Gleichberechtigung kämpfen. Locher: «Besonders Frauenorganisationen haben sich über Jahrzehnte – auch im Hinblick auf die Gleichstellung von Mann und Frau – für die Verbesserung der Situation der Ehefrauen eingesetzt.

Indirekt fördern sie damit jedoch die Abhängigkeit der Ehefrauen von ihren Männern», sagt sie und verweist dabei gerne darauf, wie sehr sich etwa bei den Sozialversicherungen das klassische Familien- und Rollenmodell wie Blei in die Gesetzestexte gegossen hat.

«Der Mann ist noch immer der Versicherer der Frau. Von ihm und seinem Verdienst hängt die finanzielle Situation der Ehefrau ab. Dabei ist es nicht der Ehemann, der bezahlt, sondern wir Singles», sagt sie etwa zur Hinterlassenenrente. Für Locher ist klar: Das heutige Familienmodell hinkt, etwa bei der vor 70 Jahren konzipierten AHV, der gesellschaftlichen Entwicklung weit hinterher.

«Dies muss endlich geändert werden», fordert sie von der Politik. Doch, dass rasch etwas geschieht, glaubt Locher, auch mit Blick auf die Gesellschaft, nicht. Bewusst alleine zu leben, weicht von der Norm ab. «Von Herzen wünsche ich Dir bald deinen Partner», steht auf Geburtstagskarten für Singles oder es heisst: «Single, aber ganz nett.»

Von solchen Sätzen lässt sich Locher nicht beeindrucken: «Ich lebe nicht aus Not alleine. Es ist eine eigenständige Lebensform und ich lebe sie gerne.»

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