Schiffsunglück
Aline Tüfer: «Chaos und Panik auf der Costa Concordia»

Aline Tüfer und ihr Freund Fabio Schorta haben die Katastrophe auf dem Luxusliner «Costa Concordia» überlebt. Die junge Davoserin erzählt, wie sie es auf das Rettungsboot geschafft haben.

Pierina Hassler
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Aline Tüfer. Marco Hartmann

Aline Tüfer. Marco Hartmann

Freitagabend 21 Uhr. Die achttägige Kreuzfahrt der «Costa Concordia» neigt sich dem Ende zu. Die meisten der 4200 Passagiere sitzen in einem der vielen Speiserestaurants beim Nachtessen. Auch Aline Tüfer (18) und ihr Freund Fabio Schorta (18). Das Paar geniesst den letzten Abend ihrer Ferien, schon am nächsten Tag müssen die zwei mit dem Zug zurück in die Schweiz. Aber es kommt anders als geplant.

Horror statt Romantik

Statt Romantik auf einem Luxusdampfer erlebt das junge Paar den blanken Horror. «Eigentlich hatten wir riesiges Glück, dass wir noch eine Rechnung bezahlen mussten», sagt Aline. «Statt direkt in die Bar oder ins Casino wie üblich, mussten wir nach dem Nachtessen zuerst ins Zimmer auf Deck 7 gehen, um Geld zu holen.» Auf der «Costa Concordia» erhalten die Passagiere eine Karte, die mit Geld geladen wird. Am Schluss der Reise wird abgerechnet.

21.45 Uhr. «Plötzlich krachte es fürchterlich, das ganze Schiff zitterte», erzählt Aline. «Das Licht ging aus, kurz darauf wieder an.» Die junge Davoserin ist in Sachen Kreuzfahrten ein «alter» Fuchs. «Ich war schon dreimal auf so einer Reise.» Darum macht sie sich auch keine grossen Sorgen.

Im Gegenteil. Das Licht geht wieder aus, dann wieder an. Die beiden entschliessen sich, ihre Schwimmwesten mitzunehmen und Richtung Deck 4 zu den Rettungsbooten zu laufen. «Der Strom fiel dauernd aus und in den Durchsagen sagten sie etwas von Motorschaden und Ruhe bewahren, da dachten wir, sicher ist sicher. Fabio sagte, wenn doch etwas Schlimmeres passiere, seien wir bei den Rettungsbooten am besten aufgehoben.»

«Männer haben uns weggeschubst»

Als das Pärchen durch die Gänge läuft, kommen ihnen Menschen mit Schwimmwesten entgegen. Weil aber auf Deck 4 niemand für Ordnung sorgt, kommt nicht aufs Rettungsboot, wer sich nicht vordrängt. Das Schiff neigte sich immer mehr und mehr. «Wir versuchten, so schnell wie möglich in ein Boot zu klettern. Aber das war sehr mühsam», so Aline. «Wir mussten uns richtig durch die Menge boxen, denn erwachsene Männer haben uns regelrecht weggeschubst.» Andere Passagiere erzählten von Panik unter den Passagieren. Von Leuten, die geschrien hätten. Von älteren oder behinderten Menschen, die keine Hilfe bekommen hätten, oder von Crewmitgliedern, die sich vordrängten, statt anderen zu helfen.

23.30 Uhr. Aline und Fabio schaffen es auf ein Boot. «Unser Glück war, dass wir schon vor dem offiziellen Alarm zu Deck 4 gelaufen sind, denn dieser kam erst viel später, wer weiss, was mit uns passiert wäre», sagt Aline. «Aber dann sassen wir ewig im Boot, bis es endlich ins Wasser gelassen wurde.» Die «Costa Concordia» liegt zu dieser Zeit schon so schief, dass ihr Rettungsboot ständig an den Schiffsrumpf knallt.

Die Schiffbrüchigen werden auf die kleine Insel Giglio gebracht. «Dort bekamen wir zu trinken, wurden registriert und anschliessend aufs Festland nach Savona gebracht.» Das Pärchen übernachtet in einer Turnhalle. Von Savona nehmen Aline und Fabio am Samstag den Zug heim. «Weil wir ja unsere Rechnung nicht bezahlen konnten, hatten wir Gott sei Dank Bargeld dabei. Sonst mussten wir alles auf dem Schiff zurücklassen.»