Kritik

Algorithmus verteilt Asylsuchende – Sprache spielt weiterhin keine Rolle

Asylsuchende sollen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Asylsuchende sollen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Der Bund verteilt Asylsuchende ab Herbst testweise per Algorithmus auf die Kantone. Ziel ist eine höhere Erwerbsquote. Ausgerechnet die Sprachkenntnisse werden aber nicht berücksichtigt. Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli übt Kritik.

Anfang 2017 schlug die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe Alarm: Auf die Kantone und Gemeinden komme in den nächsten Jahren eine erhebliche finanzielle Zusatzbelastung zu, wenn die «sehr tiefe» Erwerbsquote von Personen aus dem Asylbereich nicht rasch gesteigert werden könne. Von den erwerbsfähigen anerkannten Flüchtlingen sind heute 27 Prozent erwerbstätig, bei den vorläufig Aufgenommenen beträgt die Quote 31 Prozent. Gezählt werden dabei auch Personen, die Praktika und Vorlehren absolvieren und aufgrund ihres tiefen Einkommens oft trotzdem auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Ab Herbst will der Bund nun einen neuen Ansatz zur besseren Arbeitsmarktintegration testen, wie das Schweizer Fernsehen am Donnerstag berichtete. Es handelt sich um einen datengestützten Ansatz, entwickelt von der ETH Zürich. Ein Algorithmus ermittelt, in welchem kantonalen Arbeitsmarkt die Charakteristika und Fähigkeiten einer geflüchteten Person am ehesten gesucht sind. Die Frage der Arbeitsmarktintegration soll bei der Kantonszuteilung also ein stärkeres Gewicht erhalten.

«Ghettoisierung» verhindern

Heute erfolgt die Zuteilung nach einem gesetzlich festgelegten Schlüssel: Dem bevölkerungsreichsten Kanton Zürich werden 17 Prozent aller schutzsuchenden Personen zugeteilt, während auf den Kanton Appenzell Innerrhoden nur 0,2 Prozent entfallen. Den Pool bilden alle registrierten Asylsuchenden. Die Verteilung geschieht nach dem Zufallsprinzip, wobei Kernfamilien nicht getrennt werden. Ausserdem achtet der Bund darauf, die Nationalitäten gleichmässig auf die Kantone zu verteilen. So ist sichergestellt, dass sich Personen aus demselben Herkunftsland nicht an einem Ort konzentrieren. Die Sprachkompetenzen werden bei der Verteilung nicht berücksichtigt. Ein Asylsuchender aus dem französisch geprägten Maghreb wird also nicht prioritär in der Romandie untergebracht. Und daran wird sich mit dem Pilotversuch nichts ändern: «Die Nationalitäten werden weiterhin gleichmässig verteilt», sagt Martin Reichlin vom Staatssekretariat für Migration (SEM) – dies unabhängig von den Sprachkenntnissen. «Diese Praxis verhindert, dass es zur Bildung von Parallelgesellschaften kommt», sagt Reichlin.

Der Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli (ZH) kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: «Ein Ghetto entsteht wenn überhaupt dann, wenn Menschen nicht dieselbe Sprache wie die Einheimischen sprechen.» Der Integration sei es zudem eher zuträglich, wenn Asylsuchende auf die Erfahrungen von Landsleuten zurückgreifen könnten, die bereits mit den Schweizer Gepflogenheiten vertraut seien. «Das Sprachroulette wird also gegen jede Logik beibehalten», sagt Glättli. Damit werde ein wesentlicher Teil des Potenzials der datengestützten Verteilung verschenkt.

Ergebnisse in zwei bis drei Jahren

Die ETH hatte im Januar mitgeteilt, dass sich die Erwerbsquote mit der Kantonszuweisung per Algorithmus um über 70 Prozent steigern liesse. «Mit der Vorgabe, die Nationalitäten gleichmässig zu verteilen, reduziert sich der Effekt um rund 20 Prozentpunkte», sagt der verantwortliche Professor Dominik Hangartner. Die Studie, die der ETH-Mitteilung zugrunde lag, fokussierte zudem ausschliesslich auf vorläufig Aufgenommene, die verglichen mit anderen Flüchtlingsgruppen eine hohe Erwerbsquote aufweisen. Dass der Bund beim Pilotversuch nun alle Asylsuchenden mit guten Chancen auf ein Bleiberecht berücksichtigen will, wirkt sich gemäss Hangartner ebenfalls negativ auf die erwartete Erwerbstätigkeit aus.

Der Algorithmus wird bei 1000 Asylsuchenden getestet. 1000 Personen, die gemäss bisheriger Praxis verteilt werden, bilden die Vergleichsgruppe. Ergebnisse erwartet das SEM in zwei bis drei Jahren.

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