Alle Jahre wieder
Albisgüetlitagung: Wenn Christoph Blocher Mythen mit Pathos serviert

Der Polit-Event im Zürcher Schützenhaus Albisgüetli verliert nicht an Beachtung. Obwohl das Konzept immer dasselbe ist. Grund dafür ist unter anderem Blochers Freude an pathetischen Inszenierungen.

Michael Rüegg
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Scheinwerfer, Kameras und Mikrofone sind auf ihn gerichtet: Christoph Blocher versammelt an der Albisgüetlitagung jeweils seine Hausmacht.

Scheinwerfer, Kameras und Mikrofone sind auf ihn gerichtet: Christoph Blocher versammelt an der Albisgüetlitagung jeweils seine Hausmacht.

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Christoph Blocher liegen Traditionen zweifellos am Herzen – nicht zuletzt die selber begründeten. So sagt er in der neusten Aufgabe seines eigenen TV-Formats «Teleblocher» über die bevorstehende Albisgüetlitagung: «Sie ist eine gute Tradition». Die Idee: Erst spricht Blocher, dann der oder die jeweilige Bundespräsident, beziehungsweise -präsidentin. Das wärs auch schon.

Der Erfinder des «grössten und bedeutendsten politischen Anlasses der Schweiz», wie die SVP Zürich die Tagung nennt, hat sich eine Bühne geschaffen, auf der er grösstmögliche Aufmerksamkeit geniesst. Denn wer nach Blochers Meinungen sucht, wird problemlos auch anderswo fündig: 333 Folgen à rund 25 Minuten umfasst etwa «Teleblocher» mittlerweile – das sind fast sechs Tage Blocher nonstop. So oder so: Es ist praktisch unmöglich, Zeitungen und Fernsehen zu konsumieren, ohne dabei Blochers Meinungen zu erfahren.

Ausverkauftes Haus

Und doch, im Albisgüetli ist es irgendwie anders. Dort präsentiert Blocher die Crème de la Crème seiner politischen Weisheiten. Wenn der alte Hohenpriester ruft, stehen seine Anhänger Schlange. Die Tickets für die Tagung sind nur gegen Geld erhältlich und in der Regel im Nu ausverkauft. Wobei die meisten Gäste sich weniger für die Rede des jeweiligen Bundespräsidenten als für Blochers Worte interessieren. Demütig spricht er Jahr für Jahr von seinem Lampenfieber, das ihn im Vorfeld packt.

Soviel zu Gastgeber Blocher. Dass Bundesräte in Zürich öffentlich sprechen, ist an sich auch keine Seltenheit, Vorträge und andere Auftritte in der Hauptstadt der Schweizer Wirtschaft sind beinahe an der Tagesordnung. Doch spricht ein Bundespräsident im Zürcher Schützenhaus, traben die Journalisten scharenweise an. Die Kombination aus Blocher und Bundespräsident macht offenbar den Reiz aus. Wobei sich längst nicht immer ein Regierungschef oder eine Regierungschefin die Ehre gab. Moritz Leuenberger etwa kam nur 2001, in seinem ersten Präsidialjahr. 2006 lehnte er ab. 2007 lud die Partei Micheline Calmey-Rey nicht ein. Während ihres zweiten Präsidialjahres 2011 durfte sie doch noch sprechen. Ihr Auftritt wurde allerdings überschattet durch eine Attakcke auf SVP-Nationalrat Ernst Fehr. Er wurde von einer Gruppe Autonomer verhauen.

2012 war die bei der SVP als Hochverräterin verschriene Eveline Widmer-Schlumpf Bundespräsidentin. An ihrer Stelle lud die Zürcher Sektion Bankier Oswald Grübel ein. Er machte weniger von sich reden als Christoph Blocher, der den Anlass dafür nutzte, sich für sein Vorgehen im Fall des früheren Nationalbank-Chefs Philipp Hildebrand zu erklären. Problematisch wäre es für das Konzept der Albisgüetlitagung erst geworden, wenn Blocher nicht aus dem Bundesrat abgewählt und durch Widmer-Schlumpf ersetzt worden wäre. Dann nämlich hätte er wohl zwei Reden halten müssen, einmal als er selbst und einmal als Bundespräsident.

Hollywoodreife Inszenierungen

Christoph Blocher und seine Getreuen legen unter dem Gebälk des Schützenhauses jeweils eine filmreife Inszenierung hin. Vergangenes Jahr sprach Blocher in Anlehnung an Mozarts Zauberflöte etwa von «diesen heiligen Hallen». Der Pathos katalysiert den Mythos. Und für Mythen schlägt Blochers Herz zweifellos. Derart, dass er kürzlich in einem Interview mit der «Südostschweiz am Sonntag» gar die Meinung vertrat, Mythen enthielten mehr Wahrheit als die Realität.

«2014 ist ein europapolitisches Jahr» schwärmte Blocher bereits in seiner eigenen Talkshow. Hier ist nicht nur er selber in seinem Element, Europa ist auch die Wurzel, auf der die Albisgüetlitagung gedieh. Ob der gewiefte Politiker den Abend für die Bewerbung der Masseneinwanderungsinititiative nutzen wird, ist jedoch nicht ganz sicher. Er weiss nur zu gut, wenn alle Kameras und Mikrofone erwartungsvoll auf ihn gerichtet sind, kann er sagen, was er will. Und für Überraschungen ist er alleweil nicht unbekannt.