Auch drei Tage nach der Schlägerei zwischen serbischen und albanischen Fussballspielern und Anhängern bewegt der Zwischenfall die Gemüter.

Wer hat wen provoziert? Und was war die Absicht?

Bereits die Ausgangslage war suboptimal: Zum Spiel waren ausschliesslich serbische Fans zugelassen, albanische Journalisten seien am Flughafen festgehalten und erst auf Intervention des Botschafters freigelassen worden.

Auch wurden schon vor dem Anpfiff albanische Flaggen verbrannt. Als dann im Belgrader Partizan-Stadion gegen Ende der ersten Halbzeit eine Drohne übers Feld schwirrte, an der eine grossalbanische Flagge befestigt war, fühlten sich die serbischen Spieler derart provoziert, dass das Spiel zu einem gewaltsamen Gerangel verkam und abgepfiffen werden musste.

Kein Grossalbanien, dafür die EU

Das sei nur die halbe Geschichte. Ilir Gjoni, albanischer Botschafter in der Schweiz, empfindet die Darstellung als einseitig.

«Wir können dieses Bild nicht auf uns sitzen lassen.» Es sei weder bestätigt, dass die Drohne von einem Albaner gesteuert wurde, noch gäbe es Hinweise, dass die Provokation von der albanischen Seite ausging.

Im Gegenteil. Wer sich das ganze Spiel angeschaut habe, der wisse, dass beim Abspielen der albanischen Hymne gepfiffen und gebuht wurde, dass die albanischen Fussballspieler mit Feuerwerk und Flaschen beworfen und während vierzig Minuten Singchöre angestimmt wurden, die zum Töten von Albanern aufriefen.

Mit seinem Ärger ist Gjoni nicht alleine. Auch Naim Malaj, der Botschafter von Kosovo, bedauert die Aggressionen. «Das ist ein Schritt zurück», sagt er.

Dabei seien heute die Kosovaren bereit, die blutigen Erinnerungen hinter sich zu lassen und sich mit den Serben zu versöhnen. «Wir brauchen Frieden. Das haben die Leute begriffen.»

So sind sich die beiden Botschafter einig, dass eine Vereinigung aller Albaner in einem Grossalbanien überhaupt kein Thema sei.

Es gebe weder Staaten noch Parteien, die eine solche Union anstrebten. Vielmehr mache Albanien einen Schritt auf Serbien zu: «Nach 68 Jahren Funkstille haben wir einen Besuch unseres Premierministers beantragt», sagt Gjoni. Kommende Woche ist ein Treffen in Belgrad vereinbart.

Alles Hooligans?

Die Reaktionen während des Spiels würden völlig überbewertet, wiegelt ein schweizerisch-serbischer Ethnologe ab, der nicht mit Namen in der Zeitung erscheinen will.

Er nervt sich an der ganzen Debatte: Es sei nicht ernst zu nehmen, wenn Fussballer über ein Grossalbanien philosophierten. Ausserdem handle es sich bei den Provokateuren um Hooligans, wie sie an anderen Spielen ebenfalls anzutreffen seien. Die Geschichte werde hochgekocht. Nur: «Zu welchem Zweck?», fragt er.

Auch der Albanien-Kenner Rolf Alther sagt, die Situation soll nicht dramatisiert werden. Es handle sich um Saubannerzüge, wie es sie auch in der Schweiz gebe.

Alther verweist darauf, dass in der Schweiz Albaner friedlich mit Serben zusammenleben – wobei es sich bei den rund 180 000 ethnischen Albanern hauptsächlich um Kosovaren (87 000) oder Mazedonier (62 600) handelt. Denn es leben gerade mal rund 1500 albanische Staatsbürger in der Schweiz.