Zunahme an Rettungsflügen
Alarm auf dem Wanderweg: Wanderer beschäftigen die Rega

Die Zahl der Rettungsflüge steigt, vor allem dort, wo man es nicht erwarten würde.

Andreas Maurer
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Rega-Einsatz am Klöntalersee im Kanton Glarus: Jährlich sterben viel mehr Leute beim Wandern als beim Klettern.Rega

Rega-Einsatz am Klöntalersee im Kanton Glarus: Jährlich sterben viel mehr Leute beim Wandern als beim Klettern.Rega

Eine Wanderin stürzte am Pfingstsonntag auf dem Zürcher Hörnli. Zwar verletzte sie sich auf dem beliebten Ausflugsberg nur leicht, sie konnte aber nicht mehr weitergehen. Die nächste Strasse war nah, für einen Krankenwagen allerdings dennoch zu weit weg. Die Einsatzzentrale bot deshalb eine Rega-Crew der St. Galler Basis auf.

Ebenfalls an einem Sonntag verunglückte Ende März ein 43-jähriger Wanderer auf der Wasserflue bei Erlinsbach AG. Weil ein Verdacht auf eine Rückenverletzung bestand, wurde er vom Rega-Helikopter mit einer Rettungswinde aus dem Wald gezogen und ins Spital geflogen.

Wegen Sonntagsspaziergängern wie diesen steht die Rega im Dauereinsatz. Das Rettungsflugunternehmen registriert einen Rekord: Im vergangenen Jahr flogen die Helikopter 900 Einsätze wegen Wanderern. In den Jahren vor 2015 waren es normalerweise weniger als 700 Flüge pro Jahr. Für die Zunahme sind weniger die Gebirgsgänger als vielmehr die Wanderer im Flachland verantwortlich. Die Zahl der Einsätze im Mittelland stieg 2016 um fünfzig Prozent. Mittlerweile gerät jeder dritte Wanderer, der die Hilfe der Rega benötigt, im Mittelland in Not.

Schuld ist der Wanderboom

Der Grund für die Zunahme ist nicht etwa, dass die Wanderer deutlich unvorsichtiger geworden wären, sondern dass es immer mehr von ihnen gibt. Schweizweit geben 2,7 Millionen Menschen an, regelmässig zu wandern; das sind 44 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2000 waren es erst 25 Prozent. Vor allem bei jungen Städtern ist das Wandern angesagt. Sportsoziologe Markus Lamprecht erhob diese Zahlen im Auftrag des Bundesamts für Strassen und des Dachverbands Schweizer Wanderwege. Gegenüber dieser Zeitung stellte er unlängst fest: «Das Wandern ist kein kurzfristiger Hype, sondern ein Mega-Trend.»

Rega-Sprecher Harald Schreiber sagt: «Das Einsatzaufkommen der Rega widerspiegelt die Wetterverhältnisse sowie das Freizeitverhalten der Menschen in der Schweiz.» An schönen Wochenenden und Feiertagen steigen die Einsatzzahlen an. Viele Wanderer, die von der Rega abgeholt werden müssen, haben zudem keinen Unfall, sondern einen medizinischen Notfall erlitten, zum Beispiel einen Herzinfarkt. Ein weiterer Grund für die Zunahme sind die Smartphones. Die Rega kann heute einfacher als früher alarmiert werden. Ein Klick genügt.

Fussverletzungen und Todesfälle

Die meisten Wanderunfälle sind nicht gravierend. Den grössten Anteil machen mit 35 Prozent Unterschenkel- und Fussverletzungen aus. An zweiter Stelle der Rega-Statistik kommen mit 25 Prozent allerdings bereits die Kopfverletzungen.

Immer mehr Wanderungen enden sogar tödlich. Die Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU verzeichnet einen Höchstwert. 63 Wanderer starben im Jahr 2015. Es ist die gefährlichste Bergsportart. Halb so viele Leute kommen beim Bergsteigen ums Leben. Sogar nur vier pro Jahr sind es beim Klettern. Der Grund für den Unterschied ist aber auch hier, dass es viel mehr Wanderer als Kletterer gibt.

Für die Rega sind die sich häufenden Flüge in Wandergebiete derzeit noch gut zu bewältigen. Der Anstieg wird durch einen Rückgang in anderen Bereichen kompensiert. So flog die Rega zuletzt weniger Einsätze wegen Wintersport- und Verkehrsunfällen.

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