Gesundheitskosten 
Alain Berset setzt sich durch – der Bundesrat spart bei den Spezialärzten

Angesichts der Abstriche, die vor allem Spezialärzte bereits im nächsten Jahr machen müssen, betonte Bundesrat Alain Berset, dass es bei den Kürzungen nicht ums Sparen geht. Vielmehr bestünden Fehlanreize im Tarifsystem.

Anna Wanner
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KEYSTONE

Der Bundesrat will bei ärztlichen Leistungen 470 Millionen Franken sparen. Dazu hat er verschiedene Positionen des Ärztetarifs Tarmed angepasst. Bereits ab dem nächsten Jahr werden die neuen Positionen gelten, welche die Prämienzahler umgerechnet um 1,5 Prozent entlasten sollen. Der Versicherungsverband Curafutura gibt an, dass die Prämien 2018 anstatt um 4 bis 5 Prozent nur um 2,5 bis 3,5 Prozent steigen werden. Angesichts der Abstriche, die vor allem Spezialärzte nun machen müssen, betonte Bundesrat Alain Berset, dass es bei den Kürzungen nicht ums Sparen geht. Vielmehr bestünden Fehlanreize im Tarifsystem. Zudem seien gewisse Leistungen heute nicht sachgerecht finanziert, sondern zu teuer. Das bedeutet, die Versicherten bezahlen zu viel. Berset versicherte jedoch: «Für den Patienten bedeuten die Kürzungen keine Qualitätseinbussen.»

Ausnahme Kinderärzte

Nicht alle Ärzte sind gleichermassen betroffen. Gemäss Berechnungen von Curafutura müssen die Gastroenterologen, Radiologen und Plastischen Chirurgen gefolgt von Kardiologen und Ophtalmologen am meisten Abstriche machen. Hingegen können sich die Grundversorger über eine Besserstellung freuen. Zudem entschied Berset nach vehementen Protesten von Kinderärzten und Psychiatern, die bereits geplanten Kürzungen doch zu streichen – und so auf zusätzliche Einsparungen in der Höhe von 130 Millionen Franken zu verzichten. «Jene, die am lautesten geschrien haben, konnten zeigen, dass die Massnahmen nicht sachgerecht waren», erklärte Berset. Pikant: Kinderärzte und Psychiater wären im Vergleich weit weniger betroffen gewesen von den Tarifänderungen als die erwähnten Spezialisten. Pascal Strupler, Chef des Bundesamts für Gesundheit, sagte, man müsse nicht unbedingt davon ausgehen, dass die Lautesten Recht bekommen hätten. Man könne es auch umgekehrt sehen. «Es gibt auch Fachgesellschaften, die aus gutem Grund nicht laut geworden sind.» Sprich: Die finanziellen Einschnitte halten auch sie für berechtigt.

Weniger Raum für Beschiss

Dass es die einen Ärzte stärker trifft als die anderen, liegt daran, dass vor allem übertarifierte technische Leistungen beschnitten werden, während ärztliche Grundleistungen wie Gespräche aufgewertet werden. Die Stärkung der Grundversorgung hat aber auch einen anderen Grund: Die sogenannten Dignitäten werden abgeschafft, eine längere Ausbildung nicht mehr belohnt. Egal ob Hausarzt oder Spezialist: Jeder Arzt verdient für eine bestimmte Leistung ab 2018 denselben Lohn. Weiter wird die Produktivität bei Operationen angehoben sowie die Minutage bei Eingriffen dem realen Aufwand angepasst. Die Konsequenz: Heute dauert beispielsweise der Eingriff bei einem Grauen Star viel weniger lang als zur Zeit der Einführung des Tarmeds. Trotzdem wird noch die ursprüngliche Zeit verrechnet. Das soll sich nun ändern.

Gleichzeitig hat der Bundesrat auch Anpassungen beschlossen, die alle Ärzte betrifft. So darf die Tarifposition «in Abwesenheit des Patienten» nur noch eingeschränkt angewendet werden: Es muss zwingend eine Erklärung angegeben werden. Laut Berset wird diese Leistung heute geradezu inflationär abgerechnet: «Die Zahlen haben sich seit 2004 ohne ersichtlichen Grund verdoppelt», sagte er.

Opposition kommt übermorgen

Freilich stossen die gestern kommunizierten Entscheide auf Widerstand. Wobei sich die Ärztevereinigung FMH gestern nicht dazu äussern wollte. Zusammen mit den Haus- und Kinderärzten, den Chirurgen und Psychiatern werden sie erst morgen Stellung nehmen. Ein Vorgeschmack gibt der Spitalverband Hplus, der von einer «weiteren Verschlechterung» spricht. Die angepassten Leistungen seien «weder sachgerecht noch kostendeckend».

Der Streit geht weiter. Doch die Ärzte, Spitäler und Versicherer müssen sich zuerst finden und ein eigenes Projekt präsentieren, bevor sich der Tarif nach ihrem Gusto ändert.