Sein Lächeln ist etwas gequält, die Augen schauen müde. Zwölf Stunden dauerte der Flug aus Los Angeles. Für einen Smalltalk ist der ehemalige Vize-Präsident der USA, Al Gore, nach der Ankunft in Zürich trotzdem zu haben. Das ändert sich, als er feststellt, dass sein Gegenüber ein Journalist ist. Sein Blick geht ins Leere, er läuft weg und murmelt: «Heute gebe ich keine Interviews.»

Auf der Bühne ist es wieder der Gore, denn man aus seinen Dokumentationen kennt. Energisch, eloquent, raumeinnehmend. Der 70-Jährige sprach diese Woche auf Einladung des Forschungszentrums Wyss im Museum für Gestaltung in Zürich. Vor Ort war auch der Namensgeber des Zentrums und Mann der vergangenen Woche: Milliardär Hansjörg Wyss. Der gebürtige Berner sorgte mit seiner Ankündigung, eine Milliarde US-Dollar für den Umweltschutz zu spenden, weltweit für Schlagzeilen. Gore ist voll des Lobes ob seines «guten Freundes». Was Hansjörg leiste sei «just amazing». Er tue, was eigentlich die Politiker tun müssten: die Umwelt schützen. Natürlich sparte auch Wyss nicht mit Nettigkeiten. «Hätte es 2000 eine Nachzählung der Stimmen in Florida gegeben, würden wir heute in einer anderen, besseren Welt leben», sagt der 83-Jährige in Anspielung auf den knappen Ausgang der Präsidentschaftswahl vor 18 Jahren. George Bush zog mit hauchdünnem Vorsprung ins Amt ein, Gore musste sich geschlagen geben.

Doch diese Enttäuschung liegt längst hinter ihm. Für seinen Kampf gegen die Klimaerwärmung erhielt er 2007 den Friedensnobelpreis. Wer ihm in Zürich zuhört, weiss warum. Er zählt Flutkatastrophen in Europa auf (Deutschland, Frankreich, England), zeigt wachsende Extremwerte der Temperaturen (samt Wasserlieferungen für durstige Schweizer Alp-Kühe) und sprich von einstigen Jahrtausendereignissen, die mittlerweile jährlich eintreten würden (Mega-Stürme mit meterhohem Hagel in 15 Minuten).

Ende der Schweizer Gletscher

Die Schweiz lässt er bei seinen Ausführungen nicht aussen vor. «In Zürich wird die Anzahl Hitzetage stark zunehmen, um 41 Prozent bis 2050.» Und bei den Berggletschern würde jeder hautnah erleben, was die Klimaerwärmung bedeutet. «Das gesamte Eis, der gesamte Schnee der Schweizer Alpen steht auf dem Spiel», sagt er. «Aber werdet nicht depressiv», ruft er den Zuschauern zu. «Was uns Hoffnung macht, dazu komme ich gleich.» Doch zuerst müsse er die Folgen der extremen Dürre benennen, denn sie werden eine neue Bewegung auslösen. «Noch in diesem Jahrhundert wird es eine Milliarde Klimaflüchtlinge geben, wenn wir nicht handeln.» Die ersten politischen Konsequenzen seien bereits sichtbar. «Ob Angela Merkel zurückgetreten wäre, wenn es keine Flüchtlingsbewegung gegeben hätte, wage ich zu bezweifeln.»

Hoffnung, dass es nicht zu einer Massenflucht aus verdorrten Landstrichen kommt, macht Gore die technische Entwicklung. «Wir sind, was die erneuerbaren Energien anbelangt, viel weiter, als wir es je prognostiziert haben.» Nun gelte es, weiter zu forschen. Darin sei die Schweiz vorbildlich. Neben der Grundlagenforschung würden an den Hochschulen konkrete Ideen entwickelt, um die Welt besser zu machen. Investoren müssen mit Visionen den Weg weisen und herausragende Forschung ermöglichen. Wiederum nennt Gore Milliardär Wyss als bestes Beispiel.

Wie man einen Smalltalk charmanter beendet als Gore, zeigte an diesem Abend übrigens ebenfalls der medienscheue Hansjörg Wyss. «Hatten Sie einen guten Flug?», wird er gefragt. «Wäre ich sonst hier?», sagt er dem Journalisten. Ein freundliches Lächeln. Dann geht er auf die Bühne.