Szenarien
AKW-Betreiber: «Gegen alle Gefahren gewappnet»

Halten die Werke Erdbeben, Hochwasser und Abstürzen stand?

Sermin Faki und Lorenz Honegger
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Das Atomkraftwerk im solothurnischen Gösgen.

Das Atomkraftwerk im solothurnischen Gösgen.

«Ich bin überzeugt, dass Gösgen gegen alle externen Gefahren, mit denen man in der Schweiz rechnen muss, gewappnet ist», sagt Bruno Elmiger, Mediensprecher des Atomkraftwerks Gösgen. Die Kollegen der anderen vier Schweizer AKW stimmen ihm zu.

Eine nukleare Verseuchung, wie sie jetzt in Japan droht, schliessen die Betreiber aus. Auch nach einem Erdbeben der Stärke 7, einer Jahrhundertflut, einem Flugzeugabsturz und einem Terroranschlag. Der Unterschied zum Grossteil der 440 restlichen AKW auf dem Globus liegt laut Sprecher Elmiger in den Notstandssystemen, über die alle fünf Schweizer Anlagen verfügen. Sie seien besonders gesichert und lägen etwa unterirdisch in Bunkern oder erhöht für den Fall einer massiven Überschwemmung.

In Mühleberg heisst dieses System «Susan»: Es sorgt mit zwei eingebunkerten, autonomen Dieselgeneratoren und einem geschützten Kommandoraum für die nötige Kühlung im Reaktor, falls die regulären Kühlsysteme ausfallen. Auch gegen Hochwasser glaubt man sich in Mühleberg gewappnet, wie Martin Pfisterer, Mitglied der Geschäftsleitung des Energieunternehmens BKW, welche das AKW 14 Kilometer vor den Toren der Bundeshauptstadt Bern betreibt: «Sollte beispielsweise das Stauwehr im Wohlensee brechen, wird der Wasserpegel in der Anlage etwa vier bis fünf Meter erreichen. Deshalb wurden alle relevanten Sicherheitsbauten oberhalb dieser Höhe gebaut», so Pfisterer.

Milliarden für Nachrüstungen

Ob das auch für das AKW Beznau gilt, das auf einer Insel in der Aare liegt? Die Betreibergesellschaft Axpo lässt auf schriftliche Anfrage – mündliche Auskünfte werden keine erteilt – lediglich mitteilen, dass das Kernkraftwerk Beznau seit seiner Inbetriebnahme umfassend sicherheitstechnisch nachgerüstet wurde. «Die regelmässigen Nachrüstungen haben einen Investitionsumfang von insgesamt 1,5 Milliarden Franken. Die Notstandssysteme sind sowohl gegen Erdbeben wie auch gegen Überflutung ausgelegt.»

Selbst auf einen Flugzeugabsturz – etwa gelenkt durch Terroristen – fühlen sich die AKW gut vorbereitet. So sagt Pfisterer von der BWK: «Natürlich gäbe es beim Absturz eines Grossraumflugzeuges massive Schäden. Gemäss Reaktor-Auslegung würde das Containment den Austritt von Strahlung jedoch verhindern.» Containment ist der Sicherheitsbehälter, der den Reaktordruckbehälter umschliesst, um die Umwelt im Falle eines Störfalls vor radioaktiver Kontaminierung zu schützen.

Bruno Elmiger vom AKW Gösgen teilt diese Einschätzung. «Dieser Störfall könnte beherrscht werden.» Zwar gebe es Waffensysteme, die das Containment aufbrechen könnten. Doch diese lägen ausnahmslos in den Händen von Atommächten – also Staaten, von denen ein Angriff auf ein Schweizer AKW höchst unwahrscheinlich sei.

Auch für den Fall, dass das Notstandsgebäude ausfalle, übe der Notfallstab regelmässig, sagte Elmiger. Zudem gebe es Vorbereitungen für einen solchen Fall: So seien in Gösgen Leitungen eingezogen, durch die eine Feuerwehr im absoluten Notfall Wasser direkt in die Dampferzeuger leiten könne, um Nachzerfallswärme abzuführen.

Kritiker bleiben skeptisch

Atomkritiker überzeugen die Angaben der AKW-Betreiber nicht. Zum einen, sagt Sabine von Stockar, Projektleiterin für den Bereich Atomenergie bei der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES), müssten Schweizer AKW für ein Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala gewappnet sein. Zum anderen seien beispielsweise im AKW Mühleberg verschiedene Nachrüstungsaufträge aus dem Jahr 2007 noch nicht umgesetzt worden. Ausserdem bemängelt sie generell, dass die Sicherheitsvorkehrungen stets nur jene Szenarien abdeckten, die es in der Realität schon einmal gegeben habe. Auch in der Schweiz leiste man sich aus Kostengründen keine «Sicherheit auf Vorrat.»