Eritrea
Aktivistin: «Ich begäbe mich in Gefahr, würde ich nach Eritrea zurück»

Die Menschen in ihrem Heimatland würden wie Sklaven gehalten, sagt Aktivistin Veronica Almedom. Und sie erhebt heftige Vorwürfe gegen das Genfer Generalkonsulat, das selber illegale Heimreisen organisiere.

Denise Lachat
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Veronica Almedom, Aktivistin beim Verein «Stop Slavery in Eritrea», über ihr Heimatland.

Veronica Almedom, Aktivistin beim Verein «Stop Slavery in Eritrea», über ihr Heimatland.

AZ

Frau Almedom, als anerkannter Flüchtling in der Schweiz braucht man zum Reisen eine Bewilligung. Reisen ins Fluchtland sind selbst in Notfällen verboten, also illegal.

Veronica Almedom: Absolut. Es handelt sich aber um eine kleine Minderheit; auf 30 000 Eritreer in der Schweiz kommen vielleicht 30 illegale Reisen. Die Mehrheit der Eritreer hat Angst vor einer Rückkehr ins Land.

Wie kommen die Leute denn zu ihren Reisepapieren?

Dank des Doppelspiels des Generalkonsulats in Genf, das ihnen die Reisepapiere ausstellt. Das funktioniert auch in anderen Ländern gleich. Denn: Haben die «Verräter» ihr Land einmal verlassen, sind sie Bares wert. Sie unterzeichnen einen «Letter of regret» für die Rückreise ins Land und werden so von der Polizei nicht behelligt, liefern dafür bei der Einreise aber zwei Prozent ihres Einkommens ab.

Haben Sie denn keine Angst davor, nach Eritrea zurückzukehren?

Ich selber kann nicht mehr nach Eritrea reisen nach all dem, was ich heute öffentlich ausspreche.

2010 waren Sie zum letzten Mal in Eritrea. Da gaben Sie noch keine Interviews?

Nein. Aber ich kann nicht länger schweigen. Mein Volk leidet unter einer humanitären Krise und setzt seine Hoffnungen in die Diaspora, damit etwas geschieht. Wer nach Eritrea reist, trifft auf freundliche, herzliche Menschen, doch das ist nur der sichtbare Teil. Über den unsichtbaren spricht kaum jemand.

Ein Land mit zwei Gesichtern?

Sie wären begeistert von der Schönheit und der vielfältigen Landschaft Eritreas, das Land könnte eine perfekte Tourismusdestination sein und hätte auch wirtschaftliches Potenzial. Doch wenn ich heute zurückkehren würde, begäbe ich mich in ernsthafte Gefahr.

Was haben Sie für Erinnerungen von Ihrer letzten Reise?

Ich war dreimal zu Besuch bei meinen Verwandten in Eritrea und habe die Armut und die Verzweiflung der lokalen Bevölkerung ebenso gespürt wie die harte Hand der Diktatur. Im Ausgang sah ich, wie Polizisten junge Männer zur Ausweiskontrolle auf den Boden warfen und schlugen. Und ich kenne Dutzende von Familien, deren Söhne von heute auf morgen verschwunden sind. Wer wissen will, wo sie sind, riskiert, selber ins Gefängnis geworfen zu werden. Manchmal haben sie Glück und erhalten sie lebend zurück, weil sie jemanden in der Regierung kennen. Es herrscht ein Klima der Angst.

Sie kämpfen mit Ihrem Verein gegen Sklaverei. Das tönt extrem.

Das ist leider keine Übertreibung. Der Nationaldienst in Eritrea gilt gemäss Völkerrecht als moderne Form der Sklaverei. Im Übereinkommen zur Abschaffung der Zwangsarbeit, das übrigens von der Regierung Eritreas ratifiziert worden ist, spiegelt sich die aktuelle Lage in Eritrea. Auf Geheiss der Einheitspartei werden die Menschen zur Arbeit gezwungen – unter Androhung von Strafe, falls die aufgetragene Arbeit nicht ausgeführt wird.

Was heisst das in der Praxis?

Seit 2002 müssen alle Männer und Frauen in Eritrea während einer unbeschränkten Dauer im Nationaldienst arbeiten. Das beginnt mit dem obligatorischen Militärdienst. Achtzehnjährige werden von ihren Familien weggeholt und für ein Jahr in ein Militärcamp mitten in der Wüste verfrachtet. Die Ausbildungsmethoden sind brutal, die Hitze ist mit 50 Grad Celsius auch ohne Training unerträglich. Viele Mädchen werden als Sexsklavinnen missbraucht.

Mädchen werden ebenfalls eingezogen?

Ja, zum Teil schon mit 16 Jahren. Sie sind vollkommen der Willkür der Offiziere ausgeliefert. Auch junge Männer müssen beim kleinsten Mucks mit schlimmsten Strafen rechnen. Der «Helikopter» gehört zu den besonders grausamen: Das Opfer wird an Armen und Beinen zusammengebunden, aufgehängt und mit Zuckerwasser bespritzt. Die Haut juckt, der Zucker zieht die Insekten an – unmenschlich. Viele überleben das Camp nicht.

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