Grosse Würfe haben im politischen System der Schweiz mit seinen ausgebauten Mitspracherechten einen schweren Stand. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der AHV, bei der seit 20 Jahren keine Reform mehr gelang. Den jüngsten Anlauf stoppte das Stimmvolk im vergangenen Herbst. Und die Neuauflage, bei welcher der Bundesrat eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um bis zu 2 Prozentpunkte vorsieht, steht bereits wieder im Gegenwind von links bis rechts.

Vorschlag ist nicht ganz neu

In dieser festgefahrenen Situation lancieren die Politikwissenschafter Silja Häusermann und Thomas Widmer von der Uni Zürich einen alternativen Vorschlag. In einem Beitrag für die «Schweizerische Zeitschrift für Politikwissenschaft» bringen sie die Idee eines bildungs- respektive einkommensabhängigen Rentenalters ins Spiel. Die Idee: Personen, die über einen hohen Bildungsstand respektive über ein hohes Einkommen verfügen, müssten länger arbeiten als solche mit tiefem Bildungsstand oder Einkommen.

Personen mit einer höheren Berufsausbildung, einem Fachhochschul- oder Universitätsabschluss seien eher in der Lage und auch interessiert, «über das bisher übliche Rentenalter hinaus weiter erwerbstätig zu sein», schreiben die Politologen. Wer eine weiterführende Ausbildung absolviere, der sei vielfach in Berufen tätig, die für den Körper vergleichsweise weniger belastend seien. Wegen des späteren Berufseintritts seien die gut Ausgebildeten zudem im herkömmlichen System weniger lange erwerbstätig.

Ganz neu ist der Vorschlag nicht. Ein differenziertes Pensionierungsalter in Abhängigkeit vom Bildungsstand war Teil einer Studie, die der Bund 2012 veröffentlichte. Ein tieferes Rentenalter gilt heute bereits für das Bauhauptgewerbe. Bauarbeiter können sich gemäss einer Vereinbarung der Sozialpartner aus dem Jahr 2002 mit 60 Jahren pensionieren lassen.

Für die SP-Sozialpolitikerin Silvia Schenker ist der Vorschlag der Politologen «durchaus interessant» – falls er meine, dass sich Angestellte in weiteren physisch belastenden Berufen wie etwa der Pflege früher als heute pensionieren lassen könnten. Ein nach dem Bildungsstand oder dem Einkommen abgestuftes Rentenalter ist für die Baslerin also zwar denkbar. Aber nicht, wenn damit eine Erhöhung des Rentenalters von heute 65 (Männer) beziehungsweise 64 (Frauen) verbunden ist. Die Politikwissenschafter gehen hingegen von einer Rentenaltererhöhung aus.

Negative Anreize als Schwäche

CVP-Ständerat Konrad Graber (LU) spricht von einem guten Ansatz, der Ähnlichkeiten aufweise mit einem Vorschlag des Bundesrates beim letzten Anlauf für eine Rentenreform. Die Landesregierung schlug vor, Personen mit tiefen bis mittleren Einkommen, die lange gearbeitet haben, die vorzeitige Pensionierung zu erleichtern. Das Parlament wollte davon aber nichts wissen. Modelle für eine Rentenaltererhöhung gebe es viele, so Graber. Bei der anstehenden Reform müsse man sich aber auf die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 beschränken. Eine deutliche Abfuhr kommt von FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter (SG): Die Idee sei interessant, aber nicht praktikabel. «Einmal abgesehen von Abgrenzungsproblemen, die sich ergeben dürften, untergräbt sie die Solidarität in der AHV.» Die Politologen haben selber einige Schwächen ihres Vorschlags identifiziert: Dazu zählten die negativen Bildungs- und Einkommensanreize.