Hier wär man gerne krank. Oder jedenfalls lieber, als anderswo. In der Praxis von Verena Gantner in Muri AG hängen gerahmte Bilder aus fremden Ländern. Im Wartezimmer gibt es Kinderspielzeug und heimeliges Interieur. Die Praxis wirkt unprätentiös, geerdet und warm. Kein Design, kein Schischi. Weit weg von durchgestylten Arztpraxen, die den Charme einer Abflughalle eines Flughafens haben. Diese Praxis sieht nach guten alten Zeiten aus.

Doch die Praxisvon Verena Gantner ist nur optisch eine aus der guten alten Zeit. Vom Interieur abgesehen, ist sie eine Praxis aus der Zukunft. Sie ist Teil des Ärzte-Netzwerkes Medix-Aargau. Netzwerke wie dieses sind das Kernstück der Managed-Care-Vorlage und Ziel der Kritik der Gegner: unpersönlich, bürokratisch, geldgierig, versicherungsgesteuert. Verena Gantner kennt die Vorwürfe. Nachvollziehen kann sie sie nicht. Sie habe sich diesem Netzwerk angeschlossen, weil sie die Ärzte dahinter kenne und hinter der Philosophie stehen könne: gute Medizin zu vernünftigen Preisen. Ganz einfach.

Die Arbeit hat sich verändert

Und ja: Ihre Arbeit habe sich verändert, sagt sie. Der Austausch mit den Kollegen aus dem Netzwerk ist institutionalisiert. Man trifft sich mindestens zwanzigmal im Jahr und diskutiert über fachliche Fragen und aktuelle Fälle. «Davon profitieren meine Patienten», sagt Gantner. Für ihre Patienten selbst habe sich nichts geändert, ausser das sie jetzt ein Hausarztmodell wählen könnten, das es vorher in der Region kaum gab, sagt Gantner. Die meisten Patienten seien so oder so immer zuerst zu ihr gekommen, bevor sie einen Spezialisten konsultierten.

Geändert hat sich aber die Kontrolle über die Ärzte innerhalb des Netzwerks. Als unabhängige Ärztin könne sie sich bei der Beurteilung von Ärztekollegen nur auf das Feedback von Patienten oder Ärzteberichte verlassen. In einem Ärztenetzwerk gebe es dagegen haufenweise Zahlenmaterial. Die Qualität und die Preise liessen sich so viel besser kontrollieren und vergleichen: «Und ich sage Ihnen, da gibt es grosse Unterschiede – bei beidem», meint Gantner und schmunzelt.

Ethische Fragen

Ums Sparen gehe es nie in erster Linie: «Ich bin Ärztin, das würde meiner Ethik komplett widersprechen.» Gantner hat sich in einem Nachdiplomstudium mit ethischen Fragen im Zusammenhang mit Ärztenetzwerken auseinandergesetzt und ist überzeugt, dass Netzwerke aus ethischen Gesichtspunkten mehr als vertretbar sind. Der Spareffekt sei ein Nebeneffekt: «Indem der Arzt durch Transparenz dazu gezwungen wird, Unsinn wegzulassen, spart das Gesundheitssystem viel Geld. Ärzte machen viel Unsinn», sagt Gantner und schmunzelt.

Der Grund dafür liege im Verhältnis zwischen Patient und Arzt. Ein Doktor werde nie dafür kritisiert, etwas zu untersuchen, so Gantner. Der Arzt hat immer recht. Bei Kopfweh schnell ein MRI, zur Abklärung. Und schon klingelt die Kasse. «Auf einem MRI finden sie immer etwas, dass sie weiteruntersuchen können», sagt Gantner. Und die Kasse klingelt bereits wieder. Das meint Verena Gantner mit «Unsinn».

Verena Gantner machte ihr Staatsexamen 1978. Seit 1985 ist sie in Muri. Und das immer noch gern, sagt sie. Wenn man sich die Ohren zuhalten würde, während sie über die Zukunft des Schweizer Gesundheitssystems spricht, könnte man glauben, dass sie sich keine Sorgen macht. Denn sie lächelt, wenn sie fragt: «Wenn wir diese Mini-Reform, die niemandem wehtut, nicht durchbringen, wie sollen wir dann jemals eine Reform durchbringen?» Seit Gantner in 1985 in Muri begann, verschwand hier eine Arztpraxis nach der anderen. Der Ärztenachwuchs wurde immer spärlicher. Die Kosten trotzdem höher. «Man braucht kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass es dieses System irgendwann verbläst.» Und das werde dann richtig schmerzhaft.