In einer Woche jährt sich der Tag, an dem der amerikanische Popstar Prince tot aufgefunden wurde. Der Musiker starb in einem Lift seines Anwesens im Bundesstaat Minnesota an einer Überdosis Fentanyl. Ein verschreibungspflichtiges opiathaltiges Schmerzmittel, mehr als hundert Mal so potent wie Morphin. Prince ist einer von Zehntausenden, die in den Vereinigten Staaten jedes Jahr an einer Überdosis Opiate sterben. Oft beginnt der Konsum mit einem Arztrezept und endet in der Sucht. Behörden und Fachleute sprechen von einer Epidemie.

In der Schweiz und vielen europäischen Ländern fehlten bislang Daten zur Verschreibung von starken Opiaten. Nun liefert eine neue breit angelegte Studie des Inselspitals Bern und der Universität Zürich zum ersten Mal überhaupt konkrete Zahlen. Ein Forschungsteam um die Wissenschafterin Maria M. Wertli konnte mithilfe von Kundendaten der landesweit grössten Krankenversicherung Helsana nachzeichnen, wie sich die Zahl der Rezepte für starke Opiat-Schmerzmittel zwischen 2006 und 2013 mehr als verdoppelt hat. Stellten Schweizer Ärzte vor elf Jahren im Schnitt 4700 Rezepte auf 100'000 Einwohner aus, waren es sieben Jahre danach bereits 10 400. Das entspricht einem Anstieg von 121 Prozent.

Nicht mitgerechnet haben die Forscher jene Krankenversicherten, die im Rahmen einer Suchtbehandlung opiathaltige Ersatzmedikamente wie Methadon beziehen.

Droht eine Epidemie?

Bei dem von Popstar Prince konsumierten Medikament Fentanyl schnellte die Zahl der Verschreibungen auf 100'000 Einwohner – in Morphin-Einheiten gemessen – gesamtschweizerisch um 91 Prozent in die Höhe. Das in den USA als Problemmedikament bekannte Oxycodon wurde viermal so oft verschrieben.

Je nach Kanton stellten die Wissenschafter grosse Unterschiede bei der Verschreibungspraxis fest: Einen auffällig hohen Anstieg gab es in Freiburg (+270%), im Jura (+260%), in Uri (+220%), Basel-Stadt (+219%) und Schaffhausen (+201%). Wie erklärt sich dieser Zuwachs? Verschreiben Schweizer Ärzte die stark abhängig machenden Präparate zu wenig restriktiv? Droht eine Epidemie wie in den Vereinigten Staaten?

Der Umgang mit starken Opiaten sei hierzulande sicher lockerer geworden, sagt Studienautorin Wertli. Als sie im Jahr 2000 als Assistenzärztin zu arbeiten begonnen habe, hätten viele Patienten aufgrund der Suchtgefahr eine Behandlung mit Morphin abgelehnt. «Sie nahmen lieber Schmerzen in Kauf.» Heute sei der Einsatz opiathaltiger Medikamente zur Behandlung von akuten Schmerzen, Schmerzen bei Krebserkrankungen sowie am Ende des Lebens breit akzeptiert. Eine Suchtepidemie wie in den USA sei dennoch unwahrscheinlich: Wenn ein Arzt hierzulande ein Opiat verschreiben wolle, müsse er für jede Packung ein neues Betäubungsmittelrezept ausstellen mit Kopie zuhanden der Akten, der Apotheke und der Krankenkasse.

Eine Gefahr ortet Wertli aber in Fällen, in denen Ärzte chronische und unspezifische Schmerzen bei nicht krebsartigen Krankheiten über längere Zeit mit starken Schmerzmitteln behandeln. In Dänemark habe sich gezeigt, dass die Verschreibung von hochdosierten Opiaten mit erhöhten Sterberaten der Patienten einherging. In der Schweiz fallen laut der Forscherin rund 80 Prozent aller Verschreibungen in die problematische Kategorie der Nicht-Krebs-Erkrankungen. «Wir müssen daher annehmen, dass die Zunahme bei den Opiatverschreibungen vor allem in diesem Bereich erfolgt ist.» Bei Hinweisen auf eine Überversorgung könnten gezielte Schulungen von Fachpersonen und Patienten in den betroffenen Kantonen sinnvoll sein. Wertli arbeitet bereits an einer Fortsetzung ihrer Studie, um mehr über die Verschreibungspraxis herauszufinden.

«Doctor Shopping» als Gefahr

«Man muss unbedingt ein Auge auf diese Entwicklung haben», sagt auch Philip Bruggmann, Chefarzt der Inneren Medizin der Arud Zentren für Suchtmedizin. Er empfiehlt Ärzten, vor dem Verschreiben von Opiaten die Patienten auf suchtrelevante Risikofaktoren zu prüfen. Im Schnitt seien etwa fünf bis zehn Prozent gefährdet. «Es gibt Menschen, die familiär vorbelastet sind, psychische Erkrankungen aufweisen oder schon nach anderen Substanzen süchtig sind.»

Sollte ein Patient nach einer ärztlich verordneten Opiat-Behandlung trotzdem abhängig werden, sei es wichtig, die Abgabe nicht abrupt abzubrechen. Bei einem kalten Entzug würden viele Menschen einfach den Arzt wechseln, der ihnen das Medikament wieder verschreibt. «Doctor Shopping» nennt sich das Phänomen. «Oft wäre in solchen Fällen eine Substitutionstherapie sinnvoller», sagt Bruggmann. Also das langsame Entwöhnen mit schwächeren Opiaten.

Bruggmann betont, der Anstieg der Opiat-Verschreibungen in der Schweiz müsse nicht nur schlecht sein. Wertlis Studie stelle bei nicht opiathaltigen Schmerzmitteln wie Paracetamol ebenfalls einen Anstieg fest. Dies deute auf eine «neue Philosophie bei Schmerztherapien» hin, also einer aggressiveren Bekämpfung von Schmerzen. «Es wäre falsch, deswegen Opiatverschreibungen restriktiver zu handhaben.» Ein solcher Schritt wäre zum Nachteil von Patienten, die darauf angewiesen seien.