Mathias Küng

Die Aargauer Ärzte wollen Medikamente abgeben können. Versuche, das Abgabe-Verbot (Verbot der Selbstmedikation) zu kippen, wurden bei der Beratung des Gesundheitsgesetzes «abgeschmettert», so Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes (AAeV). Schon länger diskutieren die Aargauer Ärzte über eine mögliche Initiative, welche die Medikamentenabgabe erlauben soll. Bis 1. Februar läuft eine Mitglieder-Urabstimmung. AAeV-Präsident Iselin erwartet «einen klaren Auftrag der Basis, was zu tun ist». Der Schlüsselsatz der Initiative lautet: «Ärztinnen und Ärzte können mit Bewilligung des zuständigen Departements eine Privatapotheke führen.» Einschränkend heisst es weiter, Arzneimittel dürfe man «lediglich für den eigenen Praxisbedarf abgeben».

Apotheker: Zusammenarbeit gefährdet

Von dieser Urabstimmung aufgeschreckt, haben die Apotheker jetzt an 650 frei praktizierende Ärzte einen Brief verschickt. Die Initiative habe zum Ziel, «die generelle Selbstdispensation via Volksentscheid zu erzwingen», schreiben die Apotheker. Letztlich gehe es dabei um «partnerschaftliche Zusammenarbeit oder Kleinkrieg». Die heutige Zusammenarbeit garantiert ihres Erachtens eine optimale Gesundheitsversorgung. Von der Initiative befürchten sie eine schlechtere Versorgung der Patienten. Vom Vorgehen der Ärzte seien sie «sehr enttäuscht». Dies gefährde die gut funktionierende Zusammenarbeit. Man wolle «keine Zürcher Zustände», mahnen sie. Dort sei nach einem gut zehn Jahre dauernden Abstimmungskampf zur Medikamentenabgabe das Verhältnis zwischen den beiden Leistungserbringern «richtiggehend vergiftet», sagt Fabian Vaucher, Präsident des Aargauischen Apothekerverbandes, dieser Zeitung gegenüber. Beide Berufsstände hätten in diesem Kampf an Ansehen eingebüsst. Man solle lieber über gemeinsame innovative Projekte nachdenken, schlägt Vaucher vor.

Sollten die Ärzte ihre Initiative im Aargau mit Erfolg durchziehen, kündigt er an, dass die Apotheker «alle Rechtsmittel bis zum Bundesgericht ausschöpfen werden». In den Augen der Ärzte sei dies zwar pure Zwänge-rei, für die Apotheken «geht es aber um die reine Existenz», so Vaucher. Die Apotheker glauben, dass die Gewinner eines Streits «einzig und allein die Krankenkassen» wären. Und sie argumentieren weiter, in Kantonen mit Selbstmedikation seien die Medikamentenkosten höher.

Ärzte: Patient soll entscheiden können

Iselin lässt das Kostenargument nicht gelten. Die Zahlen seien je nach Quelle widersprüchlich. So komme es vor, dass in Apotheken bei der Substitution verordneter Originalpräparate teurere Generika abgegeben würden als bei selbstdispensierenden Ärzten. Kosteneinsparungen bestünden insbesondere bei älteren Langzeitpatienten (Bluthochdruck, Diabetes) durch die Vermeidung unnötiger Wechsel des Präparats. Die Medikamentenabgabe könne zwar eine wesentliche Einkommensquelle für Ärzte darstellen, dies sei aber nicht der Hauptzweck, «sondern die Medikamentenversorgung und Aufhebung nicht kundenfreundlicher Verbote». Mit der von der Initiative angestrebten Wahlfreiheit könne der Patient dann selbst entscheiden, wo er Medikamente beziehe. Dass der Patient wirklich frei wäre, glaubt Apotheker Vaucher allerdings nicht, da er ja vom Arzt abhängig sei.

«Beide Berufsgruppen in Defensive»

Der Ausgang der Diskussion ist für Iselin trotz Medikamentenabgabe-Verbotsplänen auf Bundesebene offen. Es gehe nicht nur um die Medikamentenabgabe, «sondern auch um die rechtliche Klärung der beruflichen Tätigkeit des Arztes und um eine Abgrenzung zur Tätigkeit des Apothekers». Iselin sieht diese allfällige Initiative «auch als Signal, dass in der Gesetzgebung in Bund und Kantonen bei den Medizinalberufen einiges nicht stimmt». Darin liege der Hauptgrund für «unnötige Auseinandersetzungen zwischen Ärzten und Apothekern». Beide Berufsgruppen befänden sich in vielfacher Hinsicht in der Defensive. Das sei ungesund. Der AAeV pflege trotz diesen Differenzen den Dialog mit dem Apothekerverband. So sei man letzte Woche in einem Spitzengespräch übereingekommen, gemeinsam die Notfallorganisation im Kanton Aargau zu planen.