Ein gesunder Senior darf sich in der Schweiz mit der Hilfe eines Arztes umbringen, wenn dies sein freier und fester Wille ist. Die Gesetze definieren nicht, wie alt oder krank jemand dafür sein muss. Man spricht von einer der liberalsten Regelungen der Welt. Sie ist liberal, weil sie eigentlich fast nichts regelt. Der Bundesrat und das Parlament haben mehrmals entschieden, dass kein Gesetz dazu nötig sei.

Doch den meisten Ärzten ist es dabei nicht wohl; sie wünschen sich eine Orientierungshilfe. Eine grosse Bedeutung kommt deshalb den Ethik-Richtlinien der Schweizer Akademie für Medizinische Wissenschaften (SAMW) zu. Normalerweise werden diese von der Schweizer Ärztevereinigung FMH als Standesregeln anerkannt und gelten somit für alle Mitglieder des Berufsverbands.

Bisher definierte die SAMW: Ärzte sollen nur Suizidhilfe leisten, wenn eine tödliche Krankheit vorliegt. Anfang Juni hat das Gremium nach langer Beratung und Vernehmlassung neue Richtlinien publiziert. Nun definiert es nicht mehr eine tödliche Krankheit als Voraussetzung, sondern ein unerträgliches Leiden.

Die FMH-Ärzte wehrten sich in der Vernehmlassung gegen die neuen Richtlinien, doch sie blitzten mit ihren Bedenken ab. Nach der Veröffentlichung wandten sich FMH-Präsident Jürg Schlup und der Zürcher Ärztepräsident Josef Widler mit Interviews in der «Basler Zeitung» und im «Tages-Anzeiger» an die Öffentlichkeit.

Schlup warnte vor «unlösbaren Problemen» für die Ärzte. «Unerträgliches Leiden» sei ein subjektiver, unbestimmter Begriff. Es entstehe eine Grauzone: «Ein behandelnder Arzt müsste ein persönlich verantwortetes Urteil fällen, ob das Leiden des Patienten unerträglich ist. Das stellt ihn vor grosse Schwierigkeiten.»

Widler wurde noch deutlicher. Die SAMW mache die Beihilfe zum Suizid zu einer ärztlichen Tätigkeit, unabhängig davon, ob jemand an einer tödlichen Krankheit leide, sagte er. Dagegen wehrt er sich: «Wir sind der Meinung, dass Suizidbeihilfe nicht zur Aufgabe des Arztes gehört.»

Aussprache im Juli

Der Protest der Ärzte zeigte Wirkung, zumindest ein bisschen. Die SAMW lud die beiden Kritiker und ihre Organisationen zu einer Aussprache Mitte Juli ein. Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Richtlinien hatten die Ärzte in einem Protestschreiben gedrängt, den Termin abzusagen. Die SAMW antwortete, sie sehe keinen Diskussionsbedarf. Mit dem Medienrummel ist dieser nun doch entstanden.

Die Ärzte werden bei der SAMW mit ihrem Anliegen allerdings erneut abblitzen. Michelle Salathé, Ethik-Chefin der SAMW, sagt: «Der Senat der SAMW – der zu einem grossen Teil aus Ärztinnen und Ärzten besteht – hat die Richtlinien in dieser Form genehmigt; diese sind nun in Kraft und werden nicht mehr geändert.» Ob die SAMW-Richtlinien im Herbst von der FMH-Ärztekammer in die Standesordnung aufgenommen werden oder nicht, sei aber allein Sache der FMH: «Wie der aktuelle Diskurs zeigt, sind FMH und SAMW voneinander unabhängige Organisationen.» Vor dieser Debatte war dies kaum spürbar. Die SAMW-Richtlinien wurden von den FMH-Ärzten jeweils abgenickt.

Freitod-Aktivisten sind uneins

Auf den Ärzteprotest reagierten zudem die Freitodorganisationen. Exit-Vizepräsidentin Marion Schafroth und Eternal-Spirit-Präsidentin Erika Preisig antworteten in den gleichen Zeitungen mit Gastbeiträgen. Beide Frauen sind Ärztinnen.

Schafroth warf Widler vor, die Richtlinien falsch verstanden zu haben, da er glaube, damit werde den Ärzten die Verantwortung übertragen, zu entscheiden, «ob für den Patienten ein Leiden unerträglich ist». «Falsch!», schrieb sie. Das Gegenteil sei gemeint: «Der Entscheid liegt nicht bei einem patriarchal agierenden Arzt, sondern beim Patienten.»

Preisig wies darauf hin, dass die alten Richtlinien unter dem Präsidium von Markus Zimmermann, einem katholischen Ethiker, entworfen wurden. Dieser habe das wirkliche Leiden nicht erlebt. Die neuen Richtlinien wurden hingegen unter der Leitung des Intensivmediziners Daniel Scheidegger erarbeitet. Preisig: «Haben wohl die Erlebnisse von 20 Jahren Arbeit auf der Intensivstation Scheidegger bewogen, sich für liberalere, mehr dem Schweizer Gesetz entsprechende Richtlinien einzusetzen?»

Doch sind die neuen SAMW-Richtlinien für Freitodorganisationen tatsächlich ein Fortschritt? Hans Wehrli, ehemaliger Exit-Präsident und Zürcher FDP-Stadtrat, widerspricht: «Die Richtlinien der SAMW sind menschenrechtswidrig, verfassungswidrig und gesetzwidrig.» Aus seiner Sicht genügen die gesetzlichen Regelungen. Weitergehende Vorschriften einer Standesorganisation, die das Selbstbestimmungsrecht einschränken, lehnt er ab. Exit helfe seit 30 Jahren Leuten, die wegen Altersbeschwerden sterben wollen. Dafür brauche es keine neuen Richtlinien.

Wehrli teilt die Bedenken der Ärzte: «Wie schwer ein Leiden ist, kann nur der Leidende selber feststellen. Ein Arzt kann das nicht diagnostizieren, denn das Leiden ist nicht messbar.» Die Ärzte gerieten in eine Rolle, für die sie nicht ausgebildet seien: «Ein Arzt lernt im Studium nicht, wie man subjektives Leiden beurteilt.»