Herr Amstutz, die Luftwaffe hat eine tragische Serie von Flugzeugabstürzen. Woran könnte das liegen?

Adrian Amstutz: Was die einzelnen Abstürze verursacht hat, kann ich nicht sagen. Ich orte aber ein generelles Problem: die Überregulierung. Sie ist in der Luftfahrt extrem ausgeprägt. Das hat zur Folge, dass sich der Pilot zu viel um Regulierungen kümmern muss, statt seine Intuition und Automatismen trainieren zu können. Diese sind gerade in Notsituationen matchentscheidend für die Sicherheit und die Auftragserfüllung. Die Spirale der Überregulierung dreht immer schneller und droht wie jede Masslosigkeit gefährlich zu werden. Also zurück zum Notwendigen!

Wie stellen Sie sich das vor?

Die Regulierungen müssen darauf beschränkt werden, was wirklich reguliert werden muss. Klar können wir heute nicht mehr praktisch ohne Regulierungen herumfliegen wie vor 70 Jahren. Heute prasseln aber in kurzen Zeitabständen immer neue Regulierungsberge auf die Piloten ein, dass sie diese kaum mehr verarbeiten können. Dadurch erhöht sich zwar die Sicherheit der Regulationsbürokratie, aber nicht die der Piloten.

Weshalb?

Die Regulierungsbehörden – das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (Easa) – werden immer grösser. Sie produzieren immer mehr Regulierungen – mit einem Ziel: Dass man ihnen keine Fehler nachweisen kann, wenn etwas passiert. Das Ziel ist aber nicht die Sicherheit der Regulierer in ihren Büros, sondern die Sicherheit von Piloten und Passagieren.

Was ist der Kern des Problems?

Als ehemaliger Fallschirmgrenadier weiss ich, dass man in einer Notsituation keine Zeit mehr hat, Reglementen nachzustudieren. Piloten müssen ständig Wachsamkeit, Intuition und Automatismen trainieren können. Doch heute wird jeder Handgriff, den sie tun, aufgezeichnet. Alles ist nachkontrollierbar und kann gegen den Piloten verwendet werden Er befindet sich im Dauerstress, ja kein Reglement zu verletzten.

Der Stress ist nicht das Fliegen selbst?

Nein. Der Stress besteht darin, die Karriere nicht mit einem Reglementsfehler zu gefährden. Das ist eine gravierende Fehlentwicklung. Aus Menschen kann man keine Roboter machen. Jeder Mensch macht Fehler. Entscheidend ist, dass man den Fehler zeitgerecht korrigieren kann.

Lässt sich die Überregulierung korrigieren?

Das muss man. Das System wird sonst garantiert kollabieren. Es fragt sich nur, ob es zuerst zu grossen Unfällen kommen muss, bis die Regulierungsbehörden auf ihren Kernauftrag zurückgeschraubt werden. Es braucht Regulierungen, aber keine bürokratischen Monstergebilde wie das Bazl oder die Easa.

In der Armee gibt es ein schlechtes Klima unter höhere Offizieren. Hat die Absturzserie damit zu tun?

Diese Aussage ist so pauschal sicher nicht korrekt.

Aber Klima-Probleme existieren?

Ich orte ein generelles Problem. Die höheren Offiziere taten immer so, als ob sie ihren Auftrag – die Verteidigung des Landes – mit den finanziellen Mitteln erfüllen könnten, die ihnen die Politik zur Verfügung gestellt hat. Dabei wussten sie ganz genau, dass das nicht möglich ist. Noch in der Diskussion zur Weiterentwicklung der Armee (WEA) hörte man von den Profis im obersten Armeekader aus Angst vor einem möglichen Karriereknick nicht in aller Klarheit, was dann diese Armee noch kann.

Wie erklären Sie sich dieses Klima?

Gerade bei den Höheren Stabsoffizieren der Armee (HSO), also bei den Profis, herrscht die Unkultur vor, dass Überbringer schlechter Nachrichten geköpft werden. Das ist doppelt falsch. Erstens lässt sich so kein optimaler Lern- und Entwicklungsprozess in Gang setzen. Und zweitens machen die falschen Leute Karriere – jene, die schlechte Nachrichten zu verdecken suchen. Die konstruktiv-kritischen Offiziere laufen Gefahr, einen Karriereknick zu erleiden. Diese Schweigekultur, verbunden mit der Nullfehlertoleranz, ist verheerend.

Es gibt keine Fehlerkultur?

Man lebt auch hier eine Reglementshörigkeit, verbunden mit einer unmöglich erfüllbaren Nullfehlerkultur. Mit dieser Kultur kann sich die Armee nicht weiterentwickeln und, noch schlimmer, im Ernstfall nicht bestehen. Und sie ist unehrlich dem Volk gegenüber. Das Volk erwartet gerade im Ernstfall den Schutz der Armee und nicht die pedantische Erfüllung der Reglemente. Aber das alleine reicht natürlich nicht. Es braucht auch entsprechende Finanzmittel.

Wie viel Geld braucht es Ihrer Meinung nach?

Das weiss ich noch nicht. Mit jährlich 5 Milliarden kann man nur den verteidigungsuntauglichen Status quo der Armee weiterführen. Zum Schutz der Menschen in der Schweiz vor Gefahren aus der Luft braucht es zwingend neue Kampfflugzeuge, eine Boden-Luft-Abwehr und bei den Bodentruppen die Erneuerung veralteter Kampfmittel. Bei der Entwicklungshilfe haben wir Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich und im Asylwesen Nachtragskredite von Hunderten von Millionen Franken. Nur für die Sicherheit unserer eigenen Menschen und unserer Infrastrukturen fehlt seit Jahrzehnten das Geld. Das ist schizophren.

Es geht um einen harten Verteilkampf?

Genau das ist eben falsch. Es geht um die Frage, was Priorität hat in unserem Land. Priorität haben die Sicherheit der Menschen und der Schutz der Infrastrukturen. Auf diese Sicherheit sind – bis auf einige ausländische Turbomanager, die längst über alle Berge sind, wenn es kracht – ausnahmslos alle Menschen und Firmen in der Schweiz angewiesen.

SVP-Verteidigungsminister Guy Parmelin will jetzt offenbar das Departement wechseln. Was sagen Sie dazu?

Ich weiss als Fraktionschef nichts davon. Die Departementsverteilung ist Sache des Bundesrates.

Das VBS wurde von vier SVP-Bundesräten in Serie geführt ...

Weil die anderen dieses Departement nicht übernehmen wollen. Sie kennen ihr eigenes Lumpenspiel sehr genau: Man kann der Armee zugunsten eigener Departementswünsche die Mittel ohne Volksaufstand entziehen. Das ist absolut verantwortungslos.