Abzockerei auch bei Pro Litteris

Der Chef der Urheberrechtsgesellschaft Pro Litteris hat ein Jahresgehalt von 308 000 Franken. Zu viel, finden Autor Alex Capus und Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.

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Pro-Litteris-Direktor: Kassieren auf Kosten der Kunst

Pro-Litteris-Direktor: Kassieren auf Kosten der Kunst

Gieri Cavelty

Behaupte noch einer, mit Schriftstellerei liesse sich kein Geld verdienen:
308 000 Franken beträgt das Jahreseinkommen von Ernst Hefti, Direktor von Pro Litteris. Diese Urheberrechtsgesellschaft mit 23 Angestellten kümmert sich um die Reproduktionsrechte von Autoren und bildenden Künstlern. Konkret: Gestützt auf das Urheberrecht kassiert Pro Litteris von jeder Schweizer Firma eine jährliche Gebühr und verteilt das meiste Geld unter den Urhebern.

Im Fall von Alex Capus sind es «einige hundert Franken pro Jahr», wie der Verfasser mehrerer Erfolgsromane sagt: «Jedenfalls ist es ein symbolischer Betrag.» Umso stossender findet Capus das Gehalt des Pro-Litteris-Chefs: «308000 Franken sind überrissen. Wenn man nur schon das Durchschnittseinkommen eines Künstlers bedenkt!» Andere wählen noch deutlichere Worte. Einem Lyriker entfährt gar ein prosaisches «Schweinerei». Nur namentlich zitieren lässt sich ausser Capus keiner. Die Schweizer Literaturszene ist klein, da mag man nicht so rasch den Nestbeschmutzer geben.

Job ohne Risiko

Wo die Künstler schweigen, meldet sich jetzt die Politik zu Wort. In einem Vorstoss verlangt SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer eine Beschränkung der Saläre bei den Verwertungsgesellschaften. Der Pro-Litteris-Chef nämlich ist nicht einmal der grösste Verdiener auf Kosten der Kulturschaffenden: Der Generaldirektor der für die Musik zuständigen Suisa bekommt 360 000 Franken (Ausgabe vom letzten Montag). «Solche Einkommen stehen in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand und zum Risiko», findet Leutenegger Oberholzer, und sie vergleicht die Tätigkeit bei einer Verwertungsgesellschaft mit der Funktion in der Bundesverwaltung. An der Verwaltung sollen sich die Löhne bei Pro Litteris und Co. in Zukunft denn auch orientieren. «Diese Gehälter sind ja immer noch nicht bescheiden», meint die SP-Frau. «Der Chef des Bundesamtes für Kultur erhält immerhin gut und gerne 250 000 Franken. Etwas Bewegung ist in die Lohnfrage bereits gekommen. Bei der Suisa heisst es auf Anfrage: Der Lohn des neuen Generaldirektors, der im Sommer den Posten antritt, werde tiefer ausfallen. Die grosse Bescheidenheit wird bei der Suisa allerdings auch dann nicht ausbrechen. Dem Vernehmen nach bezieht der neue Chef rund 300000 Franken.

Dass die Lohndebatte überhaupt in Gang kommt, ist im Übrigen ebenfalls auf Leutenegger Oberholzer zurückzuführen. Sie hat während der Revision des Urheberrechtes darauf gedrängt, dass die Gehälter in den Jahresberichten ausgewiesen werden müssen. Seit 2009 ist dies nun der Fall. Herumgesprochen haben sich die Gehälter allerdings noch kaum: Von den zehn angefragten Schriftstellern hat lediglich einer den Lohn des Pro-Litteris-Chefs zuvor schon gekannt. Die Empörungsschreie könnten also erst noch kommen. Eine prominente Schriftstellerin jedenfalls sagt: «Ich kann es mir nicht vorstellen, dass die Gehaltfrage an der nächsten Jahresversammlung kein Thema sein wird. In diesem sozusagen halböffentlichen Rahmen werden wir Autoren bestimmt sehr viel mehr wagen als in den Medien.»