In den letzten 65 Jahren haben sich 15 Mönche eines sexuellen Übergriffes schuldig gemacht. In diesem Zeitraum befanden sich rund 300 Mönche im Kloster. Die Zahl der Opfer dürfte sich auf rund 40 belaufen. Dies teilte die unabhängige Untersuchungskommission mit, die im Auftrag von Abt Martin Werlen die Geschehnisse ausgearbeitet hat.

Neun Mönche vergingen sich an Minderjährigen. Der grösste Teil dieser Übergriffe entfällt auf die 60er und 70er Jahre und geht zu Lasten von drei Mönchen. Der Leiter der Untersuchungskommission, der ehemalige Zürcher Sonderstaatsanwalt Pius Schmid, sagte, sein Gremium habe sich nicht auf das Kloster in Einsiedeln beschränkt, sondern auch die von ihm betreuten Schulen, Pfarreien und Institutionen im In- und Ausland untersucht.

Werlen zeigte sich über die Anzahl Fälle erschreckt. «Jeder Fall ist einer zuviel», bekräftigt der Abt gegenüber der az. Obwohl die Öffentlichkeit auf konkrete Zahlen gedrängt habe, sei es ihm nie um die nackten Zahlen gegangen, sondern «um die Menschen» dahinter, sowohl auf Opfer- als auch Täterseite.

«In unserer Gemeinschaft haben wir ein Tabu enttabuisiert, wir sind viel offener geworden, und sexuelle Übergriffe zur Sprache zu bringen, ist bei uns kein Tabu mehr», sagt Werlen. So habe er in jeder Kapitelsitzung das Thema angesprochen, gemeinsam seinen konkrete Fälle besprochen worden, ebenso wie der Umgang der Mitbrüder damit.

«Dadurch ist unsere Gemeinschaft sehr gewachsen», bekräftigt der Abt. Gefreut habe ihn insbesondere, wie sehr die jüngeren Brüder Verantwortung für Taten älterer Mitbrüder übernommen hätten.

Werlen, der einsame Kämpfer? Nicht nur.

Im April 2010 verschickte das Kloster einen offenen Brief an alle ehemaligen Zöglinge der Schule und des Internats. «Mit diesem Schritt zeigten wir unseren Mut», so Werlen. «Ich ermuntere jede Gesellschaft, auch nicht-kirchliche, einen ähnlichen Weg einzuschlagen.»

Kurz danach forderte Werlen ein zentrales Register für kirchliche Täter, eine Art schwarze Liste, sowie eine zentrale Anlaufstelle für Opfer. Dieser Vorstoss hat laut Hintergrundinformationen der az in der Bischofskonferenz keine Mehrheit gefunden. Werlen dazu: «Die Argumente dagegen haben mich überzeugt.

Was im Vordergrund steht, ist die Aufarbeitung der Übergriffe, nicht die Meldungen als solche.»

Dass Werlen mit seiner forschen Art, die unliebsame Dinge anzugehen, nicht bei allen Mitbrüdern aus Anerkennung stosst, ist bekannt.

Wie die az weiss, sollen hinter den kirchlichen Kulissen nicht alle ganz glücklich damit sein, dass das Thema der sexuellen Übergriffe erneut offensiv in die Öffentlichkeit gelangt ist, auch wenn der Mut Werlens zur die Bildung einer externen, kirchlich unabhängigen Untersuchungskommission insgeheim bewundert wird.

Dass nicht alle Verantwortungsträgern der Kirche ähnliche kommunikative Talente haben, ist Werlen bekannt. «Es gibt immer solche, die sich an die Spitze einer Sache stellen, und andere, die es lieber langsam angehen. Für mich ist die gemeinsame Sache klar, für andere nicht. Es braucht Geduld. Auch ein Grashalm wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.»

Offiziell jedoch stellt man sich hinter den wachsamen Abt der Schwyzer Diözese.

Der Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz, Thomas Müller liess in einem Statement an die az verlauten, «die von der Abtei Einsiedeln durchgeführte und heute öffentlich gemachte Untersuchung folgt der Politik der Schweizer Bischöfe in dieser Sache.

Wenn jetzt religiöse Orden und Klöster, die wie die Abtei Einsiedeln keinem Bischof unterstellt sind, für ihren Bereich ebenfalls gründliche Untersuchungen durchführen und die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorlegen, so liegt das ganz auf der Linie der Schweizer Bischöfe.»