Abt Werlen
Abt Werlen: Sexuelle Übergriffe sollen aufgeklärt werden

Bei Missbrauch in der katholischen Kirche gebe es nicht immer eine Strafanzeige, sagt Abt Martin Werlen. Und eine Suspendierung eines Priesters sei eine schwerwiegende Strafe.

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«Nicht angebracht, von einer Bombe zu sprechen»

«Nicht angebracht, von einer Bombe zu sprechen»

Abt Martin Werlen, in Deutschland und Österreich brodelt es. Soeben ist in Österreich ein weiterer Fall von sexuellem Missbrauch bekannt geworden. Wann explodiert die Bombe in der Schweiz?
Abt Martin: Es ist nicht angebracht, hier von einer Bombe zu sprechen. Es geht um konkrete Menschen.

Was tut die katholische Kirche in der Schweiz, um allfällige Missbräuche aufzudecken und zu vermeiden?
Abt Martin: Wir sprechen nicht von «Missbrauch», weil damit auch gesagt wird, dass man einen Menschen «brauchen» kann. Wir sprechen von Übergriffen. Seit acht Jahren sind wir intensiv daran, vergangene Fälle von Übergriffen aufzuarbeiten und eine wirksame Prävention zu betreiben. Auf der Ebene Bischofskonferenz gibt es ein Fachgremium mit klaren Richtlinien und auch jede Diözese hat ein Fachgremium.

Diesen Anlaufstellen wurden 60 Übergriffe gemeldet.
Abt Martin: Aus 60 Meldungen wurden in den Medien 60 Übergriffe gemacht. Das ist eine gewagte Schlussfolgerung. Eine Meldung muss in jedem Fall zuerst geprüft werden.

Was macht die Kirche, wenn eine Meldung wegen eines Übergriffs eingeht?
Abt Martin: Die Anschuldigungen werden in der Fachgruppe besprochen. Wenn es sich um einen strafbaren Tatbestand handelt, empfehlen wir dem Opfer, Anzeige zu erstatten.

Die Kirche macht als Institution nicht von sich aus Anzeige?
Abt Martin: Nein. Diesen Schritt überlassen wir dem Opfer. Wir finden es wichtig, dass das Opfer selbst bestimmt, welche Schritte unternommen werden sollen. Das Opfer war lange genug machtlos.

Wird bei einer Klage wenigstens der betroffene Seelsorger suspendiert?
Abt Martin: Suspendierung heisst, dass der Priester nicht mehr als Priester wirken kann, zum Beispiel dass er auch keiner Eucharistiefeier mehr vorstehen kann. Das ist eine schwerwiegende kircheninterne Strafe.

Aber die Angeschuldigten werden angesprochen?
Abt Martin: Selbstverständlich. Je nach Anschuldigung verläuft das zivile Verfahren und parallel dazu das kirchliche.

Was passiert, wenn ein Seelsorger Übergriffe beichtet? Macht der Beichtvater Anzeige?
Abt Martin: Nein – das Beichtgeheimnis wird nicht gebrochen. Aber eine Beichte entbindet den Beichtenden nicht davor, sich für seine Tat zu verantworten. Im Falle einer Straftat kann ich sogar die Selbstanzeige zur Bedingung für die Lossprechung machen.