Vor einem Jahr begann die Debatte um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Was sind Ihre Lehren aus dieser Zeit?

Abt Martin Werlen:Als bekannt wurde, dass es auch im Kloster Einsiedeln sexuelle Übergriffe gab, war für mich klar: Wir müssen uns als Klostergemeinschaft diesem Thema stellen. Das habe ich konsequent durchgezogen. Und meine Erfahrungen habe ich als Beitrag in einem soeben erschienenen Buch dargelegt.*

Welche Erfahrungen machten Sie?

Es war eine sehr harte Zeit für mich, die Belastungen gingen oft über das Erträgliche hinaus. Aber ich bin sehr dankbar, dass wir uns dem Thema gestellt haben. Und ich denke, dass auch unsere Gemeinschaft sehr dankbar dafür ist. Allerdings ist diese Arbeit noch lange nicht abgeschlossen.

Nicht alle kirchlichen Würdenträger gehen das Thema des sexuellen Missbrauchs so offensiv an.

Tatsächlich zögern die einen, während sich andere an die Aufarbeitung wagen – auch von unserem Beispiel angespornt. Meiner Meinung nach kann es nur eine offensive Aufarbeitung geben. Die Kirche betont immer wieder, wie wichtig ihr Wahrheit, Versöhnung und Heilung sind. Da können wir uns beim Thema der sexuellen Übergriffe nicht ausklinken und so tun, als ob uns dies nichts angehen würde.

Das sehen nicht alle so in der katholischen Kirche.

Auch ich bin einen weiten Weg gegangen. Ich bin aber überzeugt, dass das letzte Jahr ein segensreiches für die katholische Kirche war, gerade weil in unseren Kreisen sexuelle Übergriffe aufgedeckt wurden. Endlich konnte das Thema angegangen werden, das viele Menschen schon seit Jahrzehnten mit sich herumgetragen haben.

Hat die katholische Kirche genug getan, um Missstände aufzudecken?

Nein, auf keinen Fall. Die katholische Kirche hat die Chance nicht gepackt. Es wäre eine Herausforderung gewesen, der ganzen Weltöffentlichkeit zu zeigen, was uns wichtig ist: Sich um die Opfer kümmern, die Täter korrekt behandeln, das Schlechte aufarbeiten. Das wäre ein grosser Beitrag gewesen, die Problematik von sexuellen Übergriffen auch in anderen Kontexten offensiv anzugehen. Zudem ist eine umfassende und transparente Aufarbeitung die beste Voraussetzung für die Prävention. Für unser Kloster aber war die Aufdeckung von sexuellen Übergriffen ein grosser Segen. Und das letzte Jahr war die wichtigste Zeit in meinen bisherigen neun Jahren als Abt.

Ein Segen? War es nicht eine schlimme Zeit für die katholische Kirche?

Die Erfahrungen dieser Zeit waren im Moment bedrückend, im Nachhinein aber ein Segen. Sie haben uns weitergebracht: Die Opfer trauten sich plötzlich, an die Öffentlichkeit zu gehen, und merkten, dass sie nicht alleine sind. Es war ein Segen für die Täter, denn ohne Aufarbeitung gibt es keine Heilung. Und es war ein Segen für die Kirche, weil uns diese Erfahrung demütiger und wahrhaftiger gemacht hat.

Weniger offensiv als Sie ging die Weltkirche das Thema an, der Papst schwieg sehr lange.

Papst Benedikt hat klar Stellung bezogen. Aber tatsächlich erst sehr spät. Er hat den richtigen Zeitpunkt verpasst. Das holt ihn nun immer wieder ein. Das anfängliche Schweigen und die Stellungnahme von Kardinal Sodano am Ostergottesdienst waren verhängnisvoll.

Ist dieses Schweigen symptomatisch dafür, dass die Kirche auch sonst zu spät auf Trends reagiert?

Es geht hier nicht um Trends. Es geht darum, das Evangelium in der jeweiligen Zeit und in allen Situationen zu verkünden. Ich bin überzeugt: Wir leben als Kirche weit hinter unseren Möglichkeiten. Die Menschen interessieren sich für unsere Botschaft. Aber in der Kirche fehlen Visionen und der Mut, den Menschen und Situationen von heute auf Augenhöhe zu begegnen und bei Schwierigkeiten angemessen zu reagieren. Die Kirche – auch die Weltkirche – fährt mit angezogener Handbremse. Und das ist primär das Problem der Führung.

Sind auch die Medien schuld an dieser Krise der Kirche, weil sie zu sehr auf deren Problemen herumreiten?

Nein, ganz und gar nicht. Medien nehmen Themen auf, die ohnehin präsent sind. Klar machen auch Medienleute Fehler. Aber ich bin den Medienschaffenden sehr dankbar für die Berichterstattung über sexuelle Übergriffe in der Kirche, weil sie uns unter Druck gesetzt haben, uns diesem Thema zu stellen.

*Aus dem Dunkel ans Licht – Fakten und Konsequenzen des sexuellen Missbrauchs für Kirche und Gesellschaft. Hg. W. Müller, M. Wijlens. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach.