Politik

«Abstimmungen via Smartphone würde den Zugang erleichtern»

Jugendliche mit Smartphones (Symbolbild)

Jugendliche mit Smartphones (Symbolbild)

Selbst die Einwanderungsinitiative konnte die Jugend nicht an die Urne locken – woran liegts? Ist es eine Frage der Bildung oder führen die häufigen Abstimmungen zu Desinteresse? Wir haben uns umgehört.

Wenige junge Stimmberechtigte machen sich die Mühe, den Stimmzettel auszufüllen und das Couvert einzuwerfen. Dass die 18- bis 29-Jährigen seltener abstimmen als alle anderen Altersgruppen, ist zwar nicht neu, dass aber am 9. Februar nicht einmal jeder Fünfte den Weg an die Urne fand, verlangt nach einer Ursachenforschung – zumal es sich bei der Abstimmung um eine richtungsweisende Frage für die Zukunft handelt: Wollen wir den bilateralen Weg zusammen mit der EU weiterführen oder soll es die Schweiz auf eigene Faust versuchen?

Zwar konnten frühere Abstimmungen über den biometrischen Pass oder die Invalidenversicherung noch weniger Junge mobilisieren (zwölf bis 15 Prozent). In der Regel liegt die Stimmbeteiligung der unter 30-Jährigen aber deutlich über 20 Prozent. Die Vorlage über Einbürgerungen von Ausländern in zweiter Generation vermochte sogar 45 Prozent der Jungen zu mobilisieren. Möglich wäre es also.

Auf Spurensuche an der Uni Bern

Um den Puls der Jungen zu spüren, führt der Weg unweigerlich an die Bildungsstätten. Wenige hundert Meter Luftlinie vom Bundeshaus entfernt thront das Hauptgebäude der Uni Bern über der Stadt. Dort finden sich viele politisch Interessierte. So geben von den gut 30 Befragten ausnahmslos alle an, über die Masseneinwanderungsinitiative abgestimmt zu haben. «Wenn wir das Recht haben, über Sachgeschäfte zu entscheiden, sollten wir es auch nutzen», sagt die Jus-Studentin Carla Wälty. Ihre Kommilitonin Mathura Maniyam nickt. Für beide ist die politische Teilnahme selbstverständlich.

Die Psychologinnen Carole Steinke, Leana Fischer und Elvira Suppiger halten es ähnlich. Sie kennen obendrein kaum jemanden, der nicht gestimmt hat. Dass rund 83 Prozent der Jungen der Urne fern blieben, habe sie deshalb «schockiert».

Eine Frage der Bildung?

Die rund 150 000 Schweizer Studenten sind nicht repräsentativ für das Stimmverhalten der ganzen Altersgruppe. Das wissen sie auch. Jan Krall und Maurice Lindgren philosophieren über die Stimmabstinenz der Jungen. Das Fazit des Juristen Krall (25): «Es ist nicht die Betroffenheit, es ist Desinteresse und pure Faulheit.» Sein Gegenüber ist skeptisch. Der Volkswirt, Maurice Lindgren (26), ortet ein Basis-Elite-Problem. «Ohne Bildung greifen populistische Argumente besser.» Hinzu komme eine Verzerrung: «Es gingen nur jene abstimmen, die in der Zuwanderung ein Problem sehen.» An der Berufsschule sind die Schüler nicht nur jünger, sondern die Meinungen auch vielfältiger.

Die angehende Dentalassistentin Michelle Mäusli sagt, sie hätte Ja gestimmt, habe es dann aber vergessen. Ihre Freundin Nadine Becker hätte es auch so gemacht, ist aber erst 17. Eine dritte Kollegin sagt, sie habe nicht abgestimmt, weil es genügend andere gebe, die das tun. Diese «anderen» setzten sich mit der Abstimmung auseinander. Zlata Selimovic und Ramona Aeschlimann einigten sich nach gemeinsamer Diskussion, gegen die Initiative zu stimmen. Ihre Kolleginnen wären gefolgt. Doch Ermira Ademi ist zu jung. Und Binnur Yavuz darf als Türkin «leider» nicht stimmen.

Ein schüchternes Fazit

Was als gemeinsamer Nenner übrig bleibt, ist die Kritik an den häufigen Abstimmungen und der Ruf nach E-Voting. Der angehende Anwalt Dominic Wyss fasst zusammen: «Wenn wir übers Smartphone abstimmen könnten, würde das vielen den Zugang erleichtern.»

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