Abstimmung
Abstimmung über Fortpflanzungs-Medizin: Bleiben Designerbabys verboten?

Am 14. Juni steht die eidgenössische Abstimmung zur Präimplantationsdiagnostik an. Die «Nordwestschweiz» beantwortet die acht wichtigsten Fragen.

Anna Wanner
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Zur Stammzellengewinnung wird einem menschlichen Embryo eine einzelne Zelle entnommen.

Zur Stammzellengewinnung wird einem menschlichen Embryo eine einzelne Zelle entnommen.

Keystone

Nicht alle Paare können sich ihren Kinderwunsch erfüllen. Deshalb soll künftig unter bestimmten Bedingungen ein Embryo untersucht werden dürfen, bevor es in den Mutterleib eingepflanzt wird. Um Ärzten die Präimplantationsdiagnostik (PID) zu erlauben, bedarf es einer Verfassungsänderung. Am 14. Juni entscheidet darüber das Volk.

1Wenn die Verfassung geändert wird, entstehen dann in Zukunft Kinder nur noch im Reagenzglas?

Nein. Die PID darf ausschliesslich von Paaren in Anspruch genommen werden, die mit einer schweren Erbkrankheit vorbelastet sind und auf eine Familie verzichten, weil sie die Krankheit nicht an die Kinder vererben wollen. Zugelassen sind ausserdem auch Paare, die an Unfruchtbarkeit leiden und deshalb auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können.

2Wie funktioniert PID?

Voraussetzung ist die Gewinnung und Befruchtung von Eizellen. Künftig können Ärzte mittels PID die defekten Embryonen eruieren und die lebensfähigen in den Mutterleib einpflanzen. Das Risiko einer Fehlgeburt sinkt.

3Schon heute ist die Befruchtung im Reagenzglas (in vitro) möglich. Was ändert sich?

Heute dürfen Eizellen zwar ausserhalb des weiblichen Körpers befruchtet werden (In-vitro-Fertilisation). Doch der Arzt darf sie nicht untersuchen. Zudem dürfen heute nur so viele Embryonen entwickelt werden, wie der Frau sofort eingepflanzt werden können. Neu soll der Arzt so viele Embryonen entwickeln dürfen, wie er für eine erfolgreiche Behandlung braucht. Weil nur ein Embryo aufs Mal eingepflanzt wird, dürfen Embryonen eingefroren und aufbewahrt werden. Wenn Embryonen nicht mehr sofort gebraucht werden müssen, sinkt das Risiko einer (ungewollten) Mehrlingsschwangerschaft.

4Können sich Paare künftig ein
Designerbaby mit roten Haaren und grünen Augen kreieren?

Nein. PID darf nur bei schweren Erbkrankheiten und Unfruchtbarkeit angewendet werden. Explizit verboten ist sowohl die Forschung an Embryonen, als auch das «Herbeiführen bestimmter Eigenschaften des Kindes» wie Geschlecht, Haar- oder Augenfarbe.

5Neben Gentests geht es auch um Chromosomentests, über welche Trisomie 21 zu erkennen ist. Sind solche Tests ethisch vertretbar?

Die Gegner der PID wollen die Tests vor allem aus ethischen Gründen nicht zulassen. Sie befürchten, dass Eltern oder im Extremfall sogar Laboranten über wertes und unwertes Leben entscheiden können – oder müssen. Sie sagen, dass nicht alles, was technisch machbar, auch gesellschaftlich wünschbar sei. Behinderte Menschen dürften nicht aus der Gesellschaft verdrängt werden.

6Wieso will die Mehrheit des Parlaments die Tests erlauben?

Zunächst geht es darum, Paaren den Kinderwunsch zu erfüllen. Des Weiteren sind die heutigen Regeln inkohärent: Für die PID sollen dieselben Tests möglich sein wie für die Pränataldiagnostik (PND). Die Untersuchung vor der Schwangerschaft (PID) hat gegenüber der Untersuchung während der Schwangerschaft (PND) den Vorteil, dass die Resultate bekannt sind, noch bevor der Embryo eingepflanzt und entwickelt ist. Das Paar muss nicht über eine Abtreibung entscheiden und die Frau muss künftig nicht mehr eine «Schwangerschaft auf Probe» ein-
gehen.

7Wie viele Paare sind von der Verfassungsänderung betroffen?

Der Bundesrat schätzt, dass pro Jahr 50 bis 100 Paare von PID Gebrauch machen, die mit einer Erbkrankheit vorbelastet sind. Hinzu kommen jene, die auf natürlichem Weg keine Kinder kriegen können. Als Anhaltspunkt dienen die rund 2000 Babys (von insgesamt 80 000 Geburten), die jährlich in vitro gezeugt werden. Unfruchtbare Paare haben aber nur dann Anspruch auf PID, wenn andere Behandlungen nachweislich nicht zu erfolgreicher Schwangerschaft geführt haben. Dass aufgrund der PID mehr Paare In-vitro-Fertilisationen verlangen, kann nicht ausgeschlossen werden, ist aber unwahrscheinlich. Künstliche Befruchtungen sind nicht nur kostspielig, sondern für Frauen auch belastend (Hormontherapie). Ausserdem liegt das Risiko einer Fehldiagnose zwischen 5 und 10 Prozent.

8Zusammen mit der Verfassungsänderung wurde ein Gesetz verabschiedet, das inhaltlich weiter geht als die Verfassung. Was bedeutet das für den Stimmbürger?

Bei der Verfassungsänderung geht es um den Grundsatz, ob das PID-Verbot nach zehnjähriger Debatte im Parlament aufgehoben werden soll. Darüber stimmt das Volk am 14. Juni ab. Falls es abgelehnt wird, ist auch das Gesetz vom Tisch. Falls nicht, haben die Gegner (darunter die EVP und Teile der CVP, SVP und SP) bereits angekündigt, ein Referendum gegen das Gesetz zu ergreifen. Das Gesetz ist der zweite Schritt, den es zur Aufhebung des Verbots braucht. Es geht um die Details, etwa wie viele Embryonen eingefroren werden dürfen, was die Strafe bei falscher Anwendung ist und wer die behandelnden Ärzte beaufsichtigt. Wird das Gesetz abgelehnt, müsste das Parlament ein neues ausarbeiten.