Abstimmung
Bald stimmen wir über ein Verbot von Tierversuchen ab - worum es genau geht

Am 13. Februar kommt die Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» zur Abstimmung. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Maja Briner
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Ein Grossteil der Versuchstiere sind Mäuse - wie hier in einem Labor für Tierversuche.

Ein Grossteil der Versuchstiere sind Mäuse - wie hier in einem Labor für Tierversuche.

Robert F. Bukaty / AP

Was fordert die Initiative?

Ihr Kernsatz lautet: «Tierversuche und Menschenversuche sind verboten.» Jegliche Art von Tierversuchen würden bei Annahme der Initiative untersagt. Alternativen dazu müssten vom Staat stärker finanziell gefördert werden. Ein weiteres zentrales Element der Initiative ist das Einfuhrverbot: Produkte, die mit Tierversuchen entwickelt wurden, dürften nicht mehr importiert werden. Eine Ausnahme gäbe es für bestehende Produkte – sofern für die Herstellung keine Tierversuche durchgeführt werden.

Was heisst das konkret?

Ein Beispiel: Bei einem Ja zur Initiative dürfte ein neues Medikament, für dessen Entwicklung Tierversuche gemacht wurden, nicht mehr in die Schweiz importiert werden. Es könnte hierzulande also nicht mehr gekauft und angewendet werden. Neben Arzneimitteln wären auch andere Produkte wie etwa Pflanzenschutzmittel und Chemikalien betroffen.

Wie viele Versuchstiere werden in der Schweiz eingesetzt?

Im Jahr 2020 waren es gemäss Tierversuchsstatistik rund 556000. Die Gegner der Initiative betonen, es seien viel weniger als vor vierzig Jahren. Das stimmt, allerdings ist dies vorab der starken Abnahme in den 1980er und 1990er Jahre geschuldet: 1983 waren es noch fast zwei Millionen Versuchstiere; 1995 dann noch rund 740000. Seither ist die Zahl nicht mehr so stark gesunken.

Im Jahr 2020 wurden gemäss Bund etwa zwei Drittel der Versuchstiere für die Erforschung von Krankheiten beim Menschen verwendet. Rund 70 Prozent waren Mäuse und Ratten.

Welche Regeln gelten heute für Tierversuche?

Das Tierschutzgesetz schreibt vor, dass Tierversuche «auf das unerlässliche Mass» beschränkt werden müssen. Forscher, die Tierversuche durchführen wollen, brauchen eine Bewilligung. Sie müssen belegen, dass keine alternativen Methoden möglich sind. Und: Der erwartete Nutzen für die Gesellschaft muss die Belastung der Tiere rechtfertigen. Nach Einschätzung des Bundesrats ist die Schweizer Gesetzgebung in diesem Bereich weltweit eine der strengsten.

Wie stark leiden die Versuchstiere eigentlich?

Das kommt sehr darauf an. Die Tierversuche werden in vier verschiedene Schweregrade eingeteilt. 2020 wurden 42 Prozent der Tiere bei Versuchen eingesetzt, bei denen ihnen kein Schmerz zugefügt wurde (Schweregrad 0). Am anderen Ende der Skala stehen die am stärksten belastenden Versuche (Schweregrad 3), bei denen die Tieren schwere Schmerzen oder Schäden erleiden, zum Beispiel durch das Verpflanzen von aggressiven Tumoren. 2020 fielen 3,5 Prozent in diese Kategorie – mehr als in den Vorjahren.

Die Initiative will auch «Menschenversuche» verbieten. Was ist damit gemeint?

Das ist nicht ganz klar. Je nach Auslegung könnte dies als «Forschung am Menschen» verstanden werden, schreibt der Bundesrat. Damit wären selbst Schlafstudien verboten, sagen die Gegner. Die Initianten kritisieren explizit die klinischen Studien, bei denen in definiertem Rahmen Medikamente oder Impfstoffe an freiwilligen Probanden getestet werden. Ihnen würden «experimentelle Wirkstoffe» zugemutet, so die Initianten.

Wer hat die Initiative lanciert?

Eine Gruppe von Einzelpersonen und lokalen Politikern. Treibende Kraft war laut den Initianten Irene Varga. Die ehemalige Grüne hat an der ETH studiert, ist heute beim Netzwerk «Parteifrei SG» aktiv und bezeichnet sich als «freie Künstlerin und Denkerin». Im Initiativkomitee ist unter anderen auch der Arzt und lokale SP-Politiker Renato Werndli, der 2019 mit der Eröffnung einer veganen Arztpraxis Schlagzeilen machte. Unterstützung durch grosse Parteien oder Organisationen haben die Initianten nicht.

Die Befürworter der Initiative beim Kampagnenstart: Urs Hans, Andreas Graf, Regina Moeckli, Renato Werndli und Luzia Osterwalder (v.l.n.r).

Die Befürworter der Initiative beim Kampagnenstart: Urs Hans, Andreas Graf, Regina Moeckli, Renato Werndli und Luzia Osterwalder (v.l.n.r).

Adrian Reusser / KEYSTONE

Wer ist dagegen?

Die Gegnerschaft ist breit: Grüne und SP lehnen die Initiative ebenso ab wie GLP, Mitte, FDP und SVP. Im Parlament stimmte niemand dafür – was sehr aussergewöhnlich ist. Wirtschaftsverbände und Forschungsinstitutionen stellen sich ebenfalls gegen die Initiative. Auch der Schweizer Tierschutz ist dagegen; er hält sie für zu radikal.

Was sind die Argumente der Initianten?

Sie kritisieren, mit Tierversuchen werde den Tieren viel Leid zugefügt – aus ihrer Sicht ein «brachiales Massaker». Dabei seien die Tierversuche weder nötig noch nützlich, sondern gaukelten gar eine falsche Sicherheit vor. Die Initianten sagen, die Ergebnisse von Tierversuchen liessen sich zu wenig zuverlässig auf den Menschen übertragen, und behinderten so den Fortschritt. «Gut ausgearbeitete Modellsysteme» führten schneller und besser zum Ziel.

Was sagen die Gegner?

Sie warnen, bei einer Annahme der Initiative wäre die Versorgung mit Arzneimitteln nicht mehr gewährleistet. Neue Medikamente für Menschen und Tiere könnten nicht mehr importiert werden. Schweizerinnen und Schweizer hätten beispielsweise auch keinen Zugang mehr zur Grippeimpfung, da diese in klinischen Studien getestet wird. Sie müssten für neue Medikamente und Therapien ins Ausland ausweichen. Zudem würde laut den Gegnern der Forschungsstandort Schweiz massiv geschwächt.

Gibt es Alternativen zu Tierversuchen?

Nur teilweise, heisst es aus der Forschung und Industrie. Gewisse Tierversuche seien unerlässlich, sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Prüfung von Produkten zum Wohl von Mensch und Tier. Es werde versucht, soweit wie möglich auf Tierversuche zu verzichten und die Belastungen für die Tiere zu minimieren. Im wissenschaftlichen Jargon ist von den 3R-Prinzipien die Rede: replace, reduce, refine – vermeiden, verringern, verbessern. Der Bundesrat lancierte im Februar das Forschungsprogramm «Advancing 3R», das die Anzahl Tierversuche reduzieren soll.

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