Ignazio Cassis, der Tessiner Favorit auf den frei werdenden FDP-Bundesratssitz, ist gut unterwegs. Schub gab ihm am Dienstag das Hearing in der SVP. Die Fraktion der Volkspartei hebelte den FDP-Fraktionschef mit 45 Stimmen in die Poleposition für die Nachfolgewahl für Didier Burkhalter vom nächsten Mittwoch.

Die Waadtländer FDP-Nationalrätin Isabelle Moret erhielt immerhin noch 11 Stimmen und darf sich damit Hoffnungen machen, zumindest in den Schlussgang zu kommen. Düster sieht es für den Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet aus. Er erhielt von der SVP nur gerade eine Stimme und die erst noch nur im ersten Wahlgang.

Aber das Resultat in der SVP, die ihre Präferenzen als bisher einzige der sechs nicht-freisinnigen Fraktionen festlegte, könnte täuschen. Geht es nach dem Luzerner SVP-Nationalrat Felix Müri, ist Cassis noch lange nicht gewählt. Seine Analyse: «Ich gehe davon aus, dass Bundespräsidentin Doris Leuthard in der CVP-Fraktion ihren Einfluss spielen lässt.» Und für SVP-Schwergewicht Müri ist naheliegend, was die Bundespräsidentin im Schilde führt: «Leuthard dürfte sich in der CVP für den Genfer Pierre Maudet einsetzen.»

Kippen Cassis und Moret Bundesrat?

Die Überlegung, die Müri zu diesem Schluss führt: Sowohl mit Ignazio Cassis als auch mit Isabelle Moret kippten die Kräfteverhältnisse im Bundesrat. Heute seien vier Mitglieder der Regierung klar Mitte-Links positioniert: Die beiden SP-Leute Alain Berset und Simonetta Sommaruga, der abtretende Freisinnige Didier Burkhalter und eben CVP-Frau Doris Leuthard.

Diese habe faktisch das Sagen im Bundesrat. Mit den rechts positionierten Cassis oder Moret, so Müris Analyse, würde Leuthard ihre alles entscheidende Rolle verlieren. Weil die neue Vierermehrheit klar bürgerlich-rechts ticke. Würde aber der in vielen Fragen vergleichsweise Richtung links und Mitte orientierte Genfer Maudet Bundesrat, könnte Leuthard ihre Rolle als Leaderin im Bundesrat behalten.

Als Indiz, dass die CVP etwas im Schilde führt, werten Müri und andere SVP-Strategen den Umstand, dass die CVP-Fraktion am Dienstag zwar ebenfalls Hearings durchführte, sich aber danach nicht auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin festlegte. Die Mittepartei wolle ihre Karten nicht aufdecken und sich im letzten Augenblick in Stellung bringen.

Pfister: «Leuthard hält sich raus»

Entscheidet also die einflussreiche Doris Leuthard die Bundesratswahl? CVP-Präsident Gerhard Pfister wehrt kurz und bündig ab: «Frau Leuthard hält sich bei Bundesratswahlen raus.» Auch CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) verweist solche Überlegungen ins Reich der Fantasie: «Doris Leuthard ist sich ihrer Rolle als Bundespräsidentin sehr wohl bewusst und überlässt die Wahl des Bundesrats dem Parlament.»

Was gestern im Gespräch mit Bundesparlamentariern deutlich wurde: Das Resultat der SVP-Fraktion gilt als strategisch minutiös geplant. Die SVP hält Maudet für den weit gefährlicheren Gegner für Cassis als Moret. Dass die Waadtländerin den Tessiner in einem Schlussgang schlagen kann, gilt als unwahrscheinlich. Bei Maudet ist das wegen der resultierenden politischen Mehrheiten und der Dynamik im Bundesrat anders: Da gehen Vertreter anderer Parteien mit Felix Müris Analyse einig.

Diese Angst vor Pierre Maudet ist gemäss Beobachtern auch der Grund, warum die SVP Isabelle Moret knapp ein Dutzend Stimmen gab, den Genfer Pierre Maudet aber leer ausgehen liess. Ziel dieser Strategie war demnach, Mitte-Links zu verleiten, ihre Kräfte auf Moret zu konzentrieren – in der Annahme, diese sei die stärkere der beiden Cassis-Herausforderer.

Ein Ablenkungsmanöver der SVP also? «Die Strategie der SVP ist relativ offensichtlich», nickt ein Spitzenvertreter einer anderen Partei. «Ihr oberstes Ziel ist, den unabhängigen Maudet zu verhindern.»

So oder so, es dauert noch fast eine Woche bis zu den Bundesratswahlen. Erst am Dienstag, nach den Hearings von SP, BDP und GLP, dürfte deutlich werden, wer welche Karten hat im Bundesrats-Poker.