Die Bauernvertreter im Bundeshaus gerieten gestern nicht gerade in Euphorie, als sie die drei FDP-Bundesratsanwärter Ignazio Cassis, Isabelle Moret und Pierre Maudet anhörten. «Offen und ehrlich» hätten die drei geantwortet, gab Bauernpräsident Markus Ritter (CVP, SG) danach bekannt. Diese Nicht-Anbiederung trug den Kandidaten zwar spürbar Respekt, aber wenig Punkte ein: Die Bauern geben keine Wahlempfehlung ab.

Die Hearings bei den Bundeshausbauern waren die ersten ausserhalb der eigenen Partei, die die Bundesratskandidaten zu absolvieren haben. Heute Nachmittag folgen Anhörungen vor der SVP, der CVP und den Grünen. Heute in einer Woche, am Tag vor der Bundesratswahl also, hat das lateinische Trio noch bei SP, BDP und GLP Red und Antwort zu stehen.

Der klare Favorit heisst vor diesen wegweisenden Konfrontationen nach wie vor Ignazio Cassis. Die Frage, die sich derzeit stellt, die aber noch nicht entschieden ist: Wer kann Cassis am 20. September schlagen – die Waadtländerin Moret oder der Genfer Maudet?

Gestern bei den Bauern punktete Moret mehr als Maudet. Dieser habe offen eingeräumt, dass Landwirtschaftspolitik bisher nicht seine Stärke gewesen sei, heisst es. Morets Auftritt fanden einige als den bauernfreundlichsten der drei. Moret habe im Nationalrat bisher immer für die Bauern gestimmt, das habe man gemerkt, sagt etwa Hansjörg Walter, ehemaliger Bauernpräsident (SVP, TG). Moret hat zudem als Präsidentin der Nahrungsmittel-Industrie naturgemäss Schnittmengen mit den Bauern.

Cassis bei Bauern siegessicher

Dagegen traten Cassis für Liberalisierung und Maudet für Grenzöffnungen ein, was die Bauern natürlich nicht goutieren. «Offenheit und Ehrlichkeit», hat auch Duri Campell (BDP, GR) bei allen drei registriert. Inhaltlich, so sein Eindruck, hätten sich die drei Freisinnigen nur in Nuancen unterschieden, fand er.

Cassis ist und bleibt der klare Favorit. Im Bauernhearing wurde das deutlich, wie ein Nationalrat sagt: Cassis habe im Hearing im Vergleich zu den beiden anderen keinen sehr grossen Elan an den Tag gelegt. «Man hatte den Eindruck, dass er sich selbst schon fast als gewählt betrachtet.»

Das sehen auch andere so. Die Sache sei relativ klar, glaubt etwa der St. Galler Sicherheitspolitiker und Bauer Jakob Büchler (CVP), der allerdings gestern nicht im Hearing war. Ab dem dritten Wahlgang, glaubt er, sei am 20. September mit der Wahl von Cassis zu rechnen.

Ist Cassis schon gewählt? Die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer sagt nur: «Nach allem, was ich im Bundeshaus höre, ist das Rennen noch offen.» Ähnlich BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti (ZH). Sie drückt sich so aus: «Die Chance ist gross für Ignazio Cassis. Aber Wahlen sind Wahlen und immer für eine Überraschung gut.»

Klar wird auch: Isabelle Moret, die zuletzt von einigen Medien und Politikern gleichsam abgeschrieben wurde, könnte noch für eine Überraschung sorgen. «Wenn schon kein Tessiner, dann eine Frau», sagt ein Vertreter des linken Spektrums. Nicht zu unterschätzen: Viele Ratsmitglieder sehen Moret öffentlich ungerecht behandelt, eine Solidarisierung könnte die Folge sein.

«Isabelle Moret erhielt von der FDP-Spitze am wenigsten Unterstützung», sagt etwa die Präsidentin der Grünen, Regula Rytz, und das meint sie als Vorwurf. Die Grünen gingen heute «unvoreingenommen» an die Hearings, kündigt sie an.

Mit dem Ziel, unter anderem, inhaltliche Unterschiede zwischen den drei herauszufiltern. Denn Rytz stellt mit Bedauern fest: «Je länger die Debatte dauert, desto mehr gleichen sich die Positionen der drei.» So seien mittlerweile alle drei gegen ein Rahmenabkommen mit der EU.

Deutlich wird im Bundeshaus: Einige haben ihre Meinung längst gemacht, da ändern auch die Hearings nichts. Und nach wie vor wollen beträchtliche Kräfte im Parlament den Durchmarsch des als Lobbyist (Krankenkassen, Leistungserbringer im Gesundheitswesen generell) geltenden Cassis verhindern.

Innerhalb der nächsten Woche wird auch mittels der Hearings ausgelotet, mit wem die Chancen dafür grösser sind: Moret oder Maudet. Sie müssen in den kommenden Hearings punkten, um in den Schlussgang gegen Cassis zu kommen.

Mail-Lawine gegen Maudet

Einige Kreise scheinen überzeugt, dass es Maudet ist, der die Wahl von Cassis gefährden kann. Gestern wurde aus dem Milieu von Schützen und Waffenfreunden eine E-Mail-Kampagne gegen den Genfer Regierungsrat losgetreten.

Die Bundesparlamentarier erhielten die gleiche französisch und auf Deutsch übersetzte Mail von 10 bis 20 verschiedenen Absendern, angeblich «besorgte Bürger» aus diversen Kantonen: Maudet sei «Euroturbo», wolle die Armeewaffe ins Zeughaus verbannen, er sei migrationspolitisch links und erst noch Doppelbürger.