Interview

«Aargau hat zu tiefe Maturquote»

Das Gymnasium ist in der Öffentlichkeit unter Druck geraten, seit die ETH Zürich ihr berühmtes «Ranking» publiziert hat. Doch Hans Rudolf Stauffacher, Rektor der Kantonsschule Baden, lenkt den Blick über diese Rangliste hinaus auf andere Studien, die dem Gymnasium durchwegs gute Noten erteilen.

Hans Fahrländer

Die Gymnasien wurden in letzter Zeit ziemlich «geplagt». Die ETH Zürich hat die Ergebnisse von Basisprüfungen untersucht, die Herkunftsschulen der Prüflinge eruiert und daraus ein «Gymnasiums-Ranking» erstellt.
Hans Rudolf Stauffacher: Ich fürchte solche Ranglisten grundsätzlich nicht. Drei Dinge stören mich allerdings am ETH-Ranking. Erstens: Man liess offenbar eine gewisse Sorgfalt vermissen und musste im Nachhinein Dinge korrigieren. Zweitens: Man berücksichtigte das Profil der verschiedenen Gymnasien nicht, sondern warf alle in einen Topf. Drittens: Das Ranking erhielt für meinen Geschmack zu viel mediale Aufmerksamkeit. Im selben Zeitraum wurden nämlich noch andere Studien zum Themenkreis Gymnasium und Hochschulreife publiziert, nur hat sie neben dem Ranking kaum jemand beachtet.

Die anderen Studien kamen zu positiveren Erkenntnissen?
Stauffacher: Ja, ganz eindeutig. Zusammenfassend: Das Gymnasium funktioniert und erfüllt seinen Auftrag. Die Studierfähigkeit der Maturandinnen und Maturanden ist gegeben. Noch vor wenigen Jahren hiess es: Die Hochschulen trauen den Gymnasien beziehungsweise der Matur nicht mehr, sie haben deshalb eigene Aufnahmeprüfungen in Vorbereitung. Das tönt heute ganz anders. Das Gymnasium kann offenbar seinen grössten Trumpf auch in Zukunft bewahren.

. . . und der wäre?
Stauffacher: Die Matur gilt nach wie vor und ohne weitere Bedingungen als Garant für den freien Hochschul-Zugang. Das ist einzigartig auf der Welt. Bekannt ist das gnadenlose Ausscheidungsrennen, das Werben der Universitäten um die besten Studierenden in Amerika. Doch auch die meisten europäischen Hochschulen stellen zusätzliche Hürden vor ihre Tore.

Diese Errungenschaft führt aber auch dazu, dass hier einer mit einer Mathematik-Note 3 in der Matur Mathematik studieren kann . . .
Stauffacher: Das ist der Preis. Aber das kommt ja selten vor. Die Vorteile des breiten Zugangs zu den Studienrichtungen dominieren bei weitem.

Aber sie führt zu Misserfolgen in den Basisprüfungen, zu verbummelten Semestern und damit zu Kosten für Staat und Gesellschaft.
Stauffacher: Dank der Bologna-Reform finden die ersten Prüfungen schon bald nach Studienbeginn statt. So viel Zeit wird da nicht mehr verbummelt.

Ich insistiere punkto Kosten. Immer wieder hört man, zum Beispiel von Vertretern handwerklicher Berufe: Die akademische Ausbildung gibt es halb gratis, ich zahle zehnmal mehr bis zu meiner Meisterprüfung.
Stauffacher: Diesen Stimmen muss man entgegnen: Eltern von Gymnasiasten und Studierenden zahlen sehr hohe Vorleistungen. Und der Staat profitiert stark von den höher Gebildeten, direkt und indirekt, via Steuern. Übrigens, an diese Stelle gehört ein Werbespot für das aargauische Gymnasium: Sein Aufbau mit der späten Wahl eines Schwerpunktfaches hat sich bewährt und reduziert die Zahl der «falschen» Studienanfänge deutlich.

Hat auch die neue Einheits- beziehungsweise Schulhausmatur dazu geführt, dass die Verlässlichkeit der Maturnoten in den Augen der Hochschulen grösser geworden ist?
Stauffacher: Wir stehen da ja erst am Anfang. Im Übrigen: Total vergleichbare Aussagen wird es nie geben, selbst wenn man völlig identische Prüfungen vorlegt. Wir haben da im Aargau mit der Bezirksschulabschlussprüfung so unsere Erfahrungen gemacht.

Es gibt eine gewichtige Ausnahme vom freien Hochschulzugang. In Medizin gibt es einen Eignungstest, faktisch eine Zulassungsbeschränkung, einen Numerus clausus.
Stauffacher: Das ist ein Systembruch, der nötig wurde, weil die notwendigen Ausbildungskapazitäten nicht zur Verfügung gestellt worden sind. Ob es ein guter Entscheid war, das darf man heute angesichts des Ärztemangels infrage stellen.

Zurück zu den verschiedenen Studien übers Gymnasium. Im Evaluationsbericht zur neuen Maturitäts-Anerkennung (Evamar II) stehen auch einige kritische Bemerkungen zu den Leistungen von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.
Stauffacher: Evamar II untersuchte die Leistungen in Mathematik, Biologie und Deutsch sowie überfachliche Qualitäten. Der Grossteil der Leistungen war gut, einige waren schlecht. Was hat man anderes erwartet? Ich frage mich: Was helfen solche Statistiken? Nach meinem Verständnis will man über die Gymnasien etwas erfassen, das man in Statistiken nicht findet.

Nämlich?
Stauffacher: Von den erwähnten Berichten gefällt mir am besten die Zürcher Studie «Hochschulreife und Studierfähigkeit» mit Analysen und Empfehlungen zur Schnittstelle zwischen Gymnasium und Hochschule. Sie enthält unaufgeregte Betrachtungen und zieht richtige Schlüsse. Zum Beispiel: Gymnasium und Hochschule kennen sich gegenseitig zu wenig. Sie haben sich beide reformiert - MAR 95 beziehungsweise Bologna -, ohne die andere Seite einzubeziehen. Das muss nun nachgeholt, der Reibungsverlust an der Schnittstelle reduziert werden. Wenn wir am Gymnasium besser wissen, was die Hochschulen von uns verlangen, können wir die Studierenden besser vorbereiten.

Wo orten die Hochschulen die grössten Mängel an den Gymnasien?
Stauffacher: Nicht in der fachlichen Vorbereitung, eher bei überfachlichen Qualitäten wie dem selbstständigen Lernen - und bei der Motivation.

Kritiker der neuen Maturitätsanerkennung sagen, es sei heute möglich, mit guten Noten in «weichen» Fächern wie Psychologie und Pädagogik oder musischen Fächern die Matur zu erwerben, ohne in den Kernfächern zu brillieren.
Stauffacher: Diesen Kritikern gebe ich zu bedenken: Seit der Abschaffung der Maturtypen gibt es zum Beispiel das pädagogisch-soziale Gymnasium als klassischen Zubringer zu den Lehrerberufen nicht mehr. Wir bilden heute Leute für die Eidgenössische Technische Hochschule und für die Pädagogische Hochschule aus. Was «Kernfächer» sind, ist so gesehen relativ.

Wie auch immer die aargauische Schulreform ausgeht: Das Gymnasium hat seine vier Jahre im Trockenen.
Stauffacher: Zum Glück. Auch dies haben die Berichte eindrücklich bestätigt: Ein vierjähriges Gymnasium ist den kürzeren Modellen klar überlegen.

Und das Langgymnasium?
Stauffacher: Hat nochmals besser abgeschnitten. Allerdings liegen da nicht Welten dazwischen.

Sie sind trotzdem für ein Oberstufenmodell mit Langgymnasium?
Stauffacher: Ja. Obwohl ich weiss, das es zurzeit im Aargau kaum mehrheitsfähig ist. Aber das Modell, wie es jetzt vorliegt, mit der dreiteiligen Sekundarschule unter einem Dach und ohne Progymnasium, ist bestimmt nicht mein Favorit.

Warum nicht?
Stauffacher: Es löst vielleicht das Problem der Realschule als Restschule. Aber es leistet zu wenig für die Begabten. Der Aargau hat heute schon eine tiefe Maturquote. Mit diesem Modell kann man sie kaum anheben.

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