Aarau
Aarau: Bürgerlich oder Rot-Grün?

Kehrt Aarau zu einer bürgerlichen Regierung zurück oder stürmt das rot-grüne Bündnis im Herbst das Rathaus? Links wie rechts hofft auf die «neuen» Stimmberechtigten aus Rohr. Gefordert ist vor allem der Freisinn, der in die Offensive gegangen ist.

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Gedränge vor dem Rathaus

Gedränge vor dem Rathaus

Zur Verfügung gestellt

Hermann Rauber

Aarau galt über Jahrzehnte als freisinnige Hochburg, die FDP war die «stadttragende» Partei, der Rest musste sich in den meisten Fällen mit der Oppositionsrolle begnügen. Das galt nicht zuletzt bei der Wahl zum Aarauer Stadtammann, einem Amt, das seit mehr als hundert Jahren fest in freisinnigen Händen ist. Die jeweiligen Wahlresultate erinnern heute fast an jene im ehemaligen Ostblock. Die Stadtoberhäupter aus der FDP schafften den Sprung ins Amt mit einem Wähleranteil von 90 oder mehr Prozent. Allerdings waren solche Traumresultate abhängig vom einstigen Wahlmodus, musste der Stadtammannkandidat doch an getrennten Terminen vorerst die Hürde in den Stadtrat nehmen. Mit dem revidierten Gesetz ist es seit acht Jahren zwingend, gleichzeitig als Stadtrat und als Stadtammann zu kandidieren, auch als Neueinsteiger.

Gedränge vor dem Rathaus Zur Wiederwahl in den Aarauer Stadtrat stellen sich am 27. September Beat Blattner (SP), Jolanda Urech (SP), Marcel Gui-gnard (FDP), Michael Ganz (Pro Aarau), Carlo Mettauer (CVP) und Lukas Pfisterer (FDP). Neu kandidieren werden Regina Jäggi (SVP) und Hanspeter Hilfiker (FDP). Grüne und die Gruppe Jetzt! werden über eine eigene Kandidatur am nächsten Dienstag entscheiden. Herausgefordert wird Stadtammann Marcel Guignard, und zwar vom jetzigen Vizeammann Beat Blattner. Es ist durchaus möglich, dass noch eine dritte Kandidatur erfolgt. (hr)

Gedränge vor dem Rathaus Zur Wiederwahl in den Aarauer Stadtrat stellen sich am 27. September Beat Blattner (SP), Jolanda Urech (SP), Marcel Gui-gnard (FDP), Michael Ganz (Pro Aarau), Carlo Mettauer (CVP) und Lukas Pfisterer (FDP). Neu kandidieren werden Regina Jäggi (SVP) und Hanspeter Hilfiker (FDP). Grüne und die Gruppe Jetzt! werden über eine eigene Kandidatur am nächsten Dienstag entscheiden. Herausgefordert wird Stadtammann Marcel Guignard, und zwar vom jetzigen Vizeammann Beat Blattner. Es ist durchaus möglich, dass noch eine dritte Kandidatur erfolgt. (hr)

Aargauer Zeitung

In Aarau hat Stephan Müller 2001 das neue System getes-tet. Der alternative Lokalpolitiker der linken Gruppe Jetzt! scheiterte und versuchte es 2005 ein zweites Mal. Er kam den Gewählten zwar stimmenmässig näher, schaffte es aber erneut nicht. Besser erging es Michael Ganz, dem vor acht Jahren als Vertreter der neu gegründeten Vereinigung Pro Aarau der Überraschungscoup mit einem Sitz im Aarauer Rathaus gelang. Damit waren die traditionellen Parteien herausgefordert, die sich früher den Wählerkuchen aufteilen konnten. Mit lokalen Gruppen fransten die bisherigen Machtverhältnisse aus, auf Kosten der SP und der Freisinnigen. Und der SVP, die zwar in Aarau dem allgemeinen Trend folgend ebenfalls zulegen konnte, mit ihren Kandidaturen für die Exekutive aber kein glückliches Händchen hatte und seit acht Jahren nicht mehr in der Stadtregierung vertreten ist. Damit ist 2001 auch die komfortable bürgerliche Mehrheit von 3 Freisinnigen und 1 SVP-Vertreter verloren gegangen.

Die «Urbanisierung» der lokalen Politik stärkte das Spektrum links von der Mitte und schadete damit vor allem der klassischen Sozialdemokratie, während das Erstarken der SVP auf Kosten des leicht verstaubten Freisinns ging. Vor 25 Jahren verfügte die FDP-Fraktion im Einwohnerrat noch über 18 Sitze, heute sind es noch 12. Der Wähleranteil sank von 34 auf noch knapp 20 Prozent. Das entspricht dem Stand der SP, wobei die Freisinnigen bei den letzten Parlamentswahlen noch ganz knapp die Nase vorn hatten.

Wann fällt in der Kantonshauptstadt die bürgerliche Festung? Wann kommt die schon vor acht Jahren prognostizierte «rot-grüne» Wende? Seit zwei Amtsperioden entscheiden Stadt- und Einwohnerrat ohne klare Mehrheiten und vielfach knapp. Zünglein an der Waage ist an beiden Orten die CVP. Aarau ist damit erstaunlicherweise und entgegen gewissen Befürchtungen gar nicht so schlecht gefahren, ist doch das Volk den Beschlüssen des Parlaments meistens deutlich gefolgt. Doch nun ist der Aarauer Freisinn erwacht. Dank Sukkurs aus der Fusionsgemeinde Rohr hat die FDP beschlossen, an einer Dreiervertretung in der Exekutive festzuhalten. Die SVP ihrerseits hat frühzeitig Regina Jäggi, Frau Gemeindeammann von Rohr, ins Rennen geschickt. Die Vision einer Rückkehr zu klaren bürgerlichen Verhältnissen kann allerdings nur gelingen, wenn sich FDP und SVP zu einer Wahlallianz zusammenraufen, was noch keineswegs sicher zu sein scheint. Die Parteien links der Mitte hingegen wollen diesmal vereint marschieren.

Hüben wie drüben ruhen die Hoffnungen auf den rund 2150 Stimmberechtigten aus Rohr, die nach beschlossener Gemeindefusion im Herbst erstmals an den städtischen Wahlen teilnehmen werden. Volkspartei und Freisinn versprechen sich Erfolg dank der bisher ausgewiesenen bürgerlichen Stimmkraft in Rohr. Linke und alternative Kandidatinnen und Kandidaten hingegen setzen auf ein «urbanes» Wahlverhalten der heutigen Agglomerationsgemeinde, in der bisher die traditionellen Parteien SVP, SP und FDP mangels anderer Möglichkeiten mindestens in der Lokalpolitik den Kuchen praktisch im Alleingang unter sich aufteilten.