Eine ältere Dame, die an verschiedenen Beschwerden leidet und entsprechend unterschiedliche Medikamente erhält, ist zunehmend des Lebens überdrüssig: Ihr Zustand verschlechtert sich. Trotz Warnung der behandelnden Ärzte wünscht sie, die Medikamente abzusetzen.

Und siehe da. Der Frau geht es plötzlich wieder besser. Es war der Mix an Medikamenten, der sie krank gemacht hatte. Bei der Geschichte handelt es sich nicht um ein Schauermärchen, sie hat sich tatsächlich in einer Schweizer Institution zugetragen.

Wer den aktuellen Arzneimittelreport des Krankenversicherers Helsana liest, bezweifelt die Geschichte nicht. Im Report hat die Helsana Medikamentendaten von Heimbewohnern über 65 gesammelt und auf die Schweizer Bevölkerung hochgerechnet. Das Resultat: Mehr als neun Medikamente gleichzeitig nimmt ein Heimbewohner über 65 im Durchschnitt ein.

94 Prozent auf Beruhigungsmittel

Vier von fünf Bewohnern erhalten Medikamente mit einem «potenziell inadäquaten Wirkstoff». Das sind Arzneimittel, die ab 65 als problematisch gelten: Weil sich der Stoffwechsel mit dem Alter ändert, können die Wirkstoffe nicht mehr gut abgebaut werden. Das führt von unerwünschten Nebenwirkungen bis zu Intoxikationen. Gleichzeitig nimmt fast jeder Heimbewohner (94,1 Prozent) mindestens ein Beruhigungsmittel.

Das häufigste, Quetiapin, ist eigentlich zur Behandlung von Schizophrenie zugelassen, wird aber bei älteren Patienten (22 Prozent) bei Unruhe und Schlafstörung eingesetzt. Die Rede ist hier von «off-label»-Gebrauch, weil der Wirkstoff für die genannten Beschwerden von der Heilmittelbehörde Swissmedic gar nicht zugelassen ist.

Zu Problemen von «inadäquaten Wirkstoffen» und «off-label»-Gebrauch kommt Polypharmazie hinzu: 85 Prozent der Heimbewohner nehmen gleichzeitig fünf oder mehr Medikamente aufs Mal. Gemäss Experten der Helsana erhöht Polypharmazie nicht nur das Risiko für Wechselwirkungen von Medikamenten, es führt auch zu unnötigen Therapien: Nebenwirkungen werden als Krankheitssymptome fehlinterpretiert, weshalb ein weiteres Medikament verschrieben wird.

Aufgrund der Erkenntnisse des Berichts hat die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim gestern verschiedene Fragen an den Bundesrat gerichtet. Etwa, welche Modalitäten der Bundesrat zur Qualitätskontrolle festlege. Oder wie er dem falschen «off-label»-Gebrauch von Medikamenten entgegenwirken wolle. Oder wie zu verhindern sei, dass gefährliche Medikamente wie Quetiapin verabreicht werden.

Verantwortung bei den Ärzten?

Der Bundesrat sieht keinen Handlungsbedarf. Der «off-label»-Gebrauch könne aus medizinischer Sicht notwendig sein, sagte Alain Berset. «Die Verschreibung liegt in der Verantwortung des behandelnden Arztes.» Und die Überwachung der Ärzte obliege wiederum den Kantonen. Da in der Pflege Qualitätsindikatoren fehlten, könnten die Institutionen heute nicht kontrolliert werden.

Berset verweist auf den Heimverband Curaviva, der ein Pilotprogramm «Sichere Medikation in Pflegeheimen» macht, um praxisnahe Hilfestellungen zu entwickeln. Der Verband bestätigt dies, sagt aber klar, dass in Heimen die sichere Verabreichung von Medikamenten im Vordergrund stehe – und nicht das Problem inadäquater Medikamente und Polypharmazie. Curaviva weist die Verantwortung den Ärzten zu, welche die Medikamente verschreiben.

Bea Heim hält diese Situation für inakzeptabel: Die Qualitätskontrolle von Ärzten sei inexistent. Zudem brauche es klare Richtlinien, die vorgeben, welche Medikamente und welcher Medikamenten-Mix für ältere Personen gefährlich sind. Dass der Bereich Heime derart vernachlässigt werde, sei «diskriminierend».

Immerhin: Ab 2018 geht ein nationales Verzeichnis für Kinderarzneimittel online. Sollte sich dieses bewähren, entscheide der Bundesrat, ob eine Ausdehnung auf «weitere vulnerable Bevölkerungsgruppen» sinnvoll sei, versprach Berset. Bis dahin ändert sich wohl nichts.