Atomstrom
9 Fragen und Antworten: Warum der AKW-Rückbau von Mühleberg fast 20 Jahre dauern wird

Die BKW legt das Atomkraftwerk Mühleberg still. Wie sie das genau machen will, wieso es 20 Jahre dauert — und warum die Alpiq daran verdienen könnte. Wir stellen Fragen und beantworten diese.

Antonio Fumagalli und Fabian Hock
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2019 heisst es beim AKW Mühleberg Lichter löschen

2019 heisst es beim AKW Mühleberg Lichter löschen

1. Warum wird Mühleberg stillgelegt?

Am 30. Oktober 2013 gab das Energieunternehmen BKW bekannt, das Atomkraftwerk Mühleberg per Ende 2019 definitiv abschalten zu wollen. Der Entscheid hatte sich allerdings bereits in den vorhergehenden Jahren abgezeichnet – denn insbesondere nach dem Atomunglück von Fukushima wuchs der wirtschaftliche und politische Druck auf die Betreiber stetig. Hinzu kamen die tiefen Strompreise, welche einen Weiterbetrieb des drittältesten AKWs der Schweiz nicht mehr länger rechtfertigten. Es war also ein unternehmerischer Entscheid, der mit den Behörden nicht abgesprochen war.

2. Wie läuft die Stilllegung genau ab?

Ein AKW kann man nicht einfach wie ein Haus rückbauen, der ganze Prozess dauert fast zwei Jahrzehnte. Gestern hat die BKW das Gesuch zur Stilllegung öffentlich ausgelegt, die Arbeiten beginnen aber erst im Jahre 2020. Zuerst werden die Brennelemente ins Lagerbecken gebracht, wo sie schnell an Radioaktivität verlieren. Dieser Prozess dauert bis 2024 – zu diesem Zeitpunkt strahlen die Elemente bereits um den Faktor 1 Million weniger. Gleichzeitig werden die Geräte aus dem Maschinenhaus geräumt, damit dort die radioaktiv kontaminierten Materialien gereinigt werden können. Gemäss Zeitplan ist das AKW Mühleberg Ende 2030 frei von radioaktiven Gefahrenquellen. Die Behörden kontrollieren das Gelände und geben es für eine neue Nutzung frei.

3. Gab es so etwas schon mal?

Weltweit wurden bis heute etwa 150 Leistungsreaktoren in Kraftwerken, Forschungseinrichtungen und in Schiffen stillgelegt beziehungsweise befinden sich in der Stilllegung. In der Schweiz ist das Projekt jedoch beispiellos. «Wir betreten Neuland», sagt BKW-Chefin Suzanne Thoma – und meint weniger die technische Seite, sondern vielmehr die rechtliche.

4. Was passiert mit dem radioaktiven Material?

Der allergrösste Teil eines Atomkraftwerks kommt gar nie mit radioaktivem Material in Kontakt. Rund 92 Prozent des 200 000 Tonnen schweren Kraftwerks Mühleberg sind nicht kontaminiert und werden als normaler Bauschutt wiederverwertet oder deponiert. Acht Prozent, also etwa 16 000 Tonnen, sind radioaktiv verunreinigt. Davon können etwa 12 000 Tonnen gereinigt werden – Teile, die nur oberflächlich verunreinigt sind, werden einfach abgewischt oder mit dem Sandstrahler gesäubert. Diese Teile finden sich, genau wie der normale Bauschutt, irgendwann zum Beispiel im Strassenbelag oder auf der Deponie wieder. Die restlichen 4000 Tonnen, also rund zwei Prozent der Gesamtmasse des AKWs, kommen als radioaktiver Abfall ins Zwischenlager Würenlingen. Von diesem strahlenden Rest sind drei Prozent hochaktiv — das sind die Brennelemente. Sie werden nach einigen Jahren Abklingzeit im Kühlbecken ins Zwischenlager und später in ein geologisches Tiefenlager gebracht. Bis 2024 sollen alle Brennelemente aus dem Kraftwerk herausgebracht sein. Ab dann herrscht «Brennelementfreiheit».

5. Gibt es Alternativen zum Rückbau-Plan der BKW?

Rechtlich gibt es zwei Möglichkeiten: Die Radioaktivität für 40 Jahre einschliessen und danach mit dem Rückbau beginnen. Oder: Bereits jetzt Schritt für Schritt rückbauen. BKW will Letzteres. Suzanne Thoma begründet das so: Bereits drei Monate nach der Abschaltung sei die Radioaktivität 1000-mal kleiner als während des Betriebs. Danach gehe es immer langsamer. «Der grosse Gewinn fällt in den ersten Monaten an», sagt Thoma. Beim sicheren Einschluss warte man viele Jahre für ein paar Promille.

6. Kann die BKW das alles alleine stemmen?

Philipp Hänggi, Leiter der Geschäftseinheit Nuklear bei BKW, nennt den Rückbau des AKWs Mühleberg «das grösste Projekt des Unternehmens seit dem Bau des Kraftwerks». Finanziell sehen Hänggi und seine Chefin die BKW auf Kurs: Ein Teil der benötigten Gelder sei in die dafür vorgesehenen Fonds eingezahlt, ein weiterer Teil in der eigenen Bilanz zurückgestellt. Den Rückbau selbst führt die BKW zu grossen Teilen in Eigenregie durch. Der technische Nach- und Rückbaubetrieb, die Planung und Steuerung des Rückbaus sowie der Strahlenschutz sind Eigenleistungen. Für einige Aufgaben braucht es jedoch Hilfe von aussen. So wird etwa die Zerlegung des Reaktorbehälters von externen Spezialisten übernommen – «wir haben gar nicht das nötige Werkzeug», sagt Hänggi.

7. Was hat Alpiq damit zu tun?

Vom Rückbau des BKW-Kraftwerks könnte kurioserweise gerade die Konkurrenz aus Olten profitieren: Alpiq hat vor gut einem Jahr ein Schweizer Unternehmen zum Rückbau von Kernenergieanlagen gegründet. Die Swiss Decommissioning AG will beim Rückbau der AKW mitmischen. Bisher, sagt BKW-Projektleiter Stefan Klute, sei die Alpiq-Tochter noch nicht vorstellig geworden. Klute kann sich jedoch vorstellen, dass das Unternehmen sich um einzelne Aufträge bewirbt. Alpiq sagt dazu auf Anfrage: «Eine öffentliche Ausschreibung wird sicherlich geprüft.»

8. Was bedeutet der Rückbau für die BKW-Angestellten?

Konzernchefin Thoma sagt: «Jedem Mitarbeitenden bieten wir eine Perspektive: Von über 300 Mitarbeitern haben alle bis auf zwei das Angebot der BKW zur Weiterbeschäftigung angenommen.» Ab 2024, also sobald die letzten Brennelemente aus dem Kraftwerk abtransportiert sind, sei jedoch mit einer Reduktion der Mitarbeiterzahl bei der Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg zu rechnen, sagt Klute.

9. Gibts dann dort ein Kartoffelfeld?

Theoretisch ja, denn das Areal wird nicht mehr radioaktiv belastet sein – und die Bewässerung wäre dank der nahen Aare auch kein Problem. Dennoch wird das Gelände wohl auch danach eher im energietechnischen Bereich genutzt, da es ein Knotenpunkt für die Stromnetze ist. Zudem bleibt das Wasserkraftwerk bestehen. Konkrete Pläne für die Nachnutzung des Areals bestehen aber noch nicht. «Das ist ein Thema, das gerade auch die Anwohner, die Gemeinde und den Kanton interessiert. Wir können darüber momentan aber noch nicht entscheiden, weil die Rahmenbedingungen im Energiemarkt derzeit zu wechselhaft sind», sagt Klute. Das entsprechende Verfahren wird nicht vor 2025 eingeleitet.

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