Nur einen Tag, bevor ihn die USA auf die Sanktionsliste setzten, hatte der Genfer Öl-Baron Gennadi Timtschenko seine Anteile an der Ölhandelsfirma Gunvor abgegeben. Timtschenko unterhalte enge Geschäftsbeziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin, erklärten US-Beamte gegenüber dem «Wall Street Journal» die Einfrierung seiner Vermögen.

Mit Sanktionen gegen Personen aus dem Umfeld Putins wollen sowohl die USA als auch die EU Druck auf Russland ausüben, das die vormals ukrainische Halbinsel Krim annektiert hat.

Das Ölwunder von Genf

Als Nicht-EU-Mitglied schloss sich die Schweiz den Sanktionen nicht an. Dabei hat sie einen gewaltigen Hebel zur Hand: Nicht wenige der sanktionierten russischen Oligarchen sind wie Timtschenko eng mit dem Rohstoffhandel verknüpft, der für Russland systemrelevant ist. Gerade die steuergünstige Schweiz beherbergt zahlreiche Handelsfirmen russischer Oligarchen, die selber meist Wohnsitz am Genfersee genommen haben.

In der Calvinstadt explodierte das Geschäft mit russischen Rohstoffen regelrecht. Trotzdem taucht die Russische Föderation in der Rangliste des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) über die wichtigsten Handelspartner gerade einmal an 15. Stelle auf. Das ist bescheiden und verzerrt das tatsächliche Bild schweizerisch-russischer Wirtschaftsbeziehungen.

Russisches Öl und Gas findet seinen Weg zwar in die Schweiz, nicht aber in die Aussenhandelsstatistik. Die Schweiz bezieht ihre Brenn- und Treibstoffe zu weit grösseren Mengen aus Westeuropa (Gas) sowie Afrika und vom Kaspischen Meer (Öl). Physisch findet also weder russisches Gas noch Öl seinen Weg in die Schweiz: Die Genfer Händler von Ölhandelsfirmen russischer Oligarchen wie Gunvor, Vitol oder Trafigura kaufen den Rohstoff im Ausland ein und verkaufen ihn unverändert weiter an einen ausländischen Abnehmer. Dabei beschränken sie sich auf den Handel, den Transport und das Risiko-Management.

Die Dimensionen des Genfer Ölhandelsplatzes sind beeindruckend: Gemäss Zahlen der Geneva Trading & Shipping Association läuft ein Drittel des weltweiten Ölhandels über Genf und London ab. Im Handel mit russischem Öl hat die Calvin-Stadt London jedoch längst überholt: Heute werden rund 80 Prozent des russischen Öls an der Rhone abgewickelt. Und nicht nur das: Genf hat London sogar an der Spitze des weltweiten Ölhandels verdrängt. Rund 35 Prozent werden heute über Genf abgewickelt. Über London sind es um die 25 Prozent.

Die Transaktionen aus dem Ölgeschäft finden unter dem Transithandel Eingang in die Zahlungsbilanzen, die von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erstellt werden. Im Gegensatz zur Aussenhandelsbilanz des Seco lassen sich die Zahlen aber nicht nach Ländern aufschlüsseln.

Allein 2012 beliefen sich die Einnahmen aus den Transithandelsgeschäften auf insgesamt 19 Milliarden Franken, wie der Zahlungsbilanz der SNB von 2012 zu entnehmen ist. Zu 98 Prozent ist der Transithandel deckungsgleich mit dem Rohstoffhandel. 2003 noch lagen die Einnahmen bei bescheidenen 2 Milliarden Franken.

Die Intransparenz der Branche

Organisationen wie der Erklärung von Bern (EvB) ist der boomende Rohstoffhandel längst ein Dorn im Auge. Von Sanktionen gegen einzelne russische Öl-Magnaten hält EvB-Sprecher Oliver Classen trotzdem wenig: «Zwar würde die Einfrierung ihrer Schweizer Bankkonti den russischen Ölhandel empfindlich treffen, doch letztlich dürfte die EU kein Interesse daran haben, dass die Schweiz den Ölfluss aus Russland nach Europa abstellt.»

Das Land hat also nur theoretisch einen gewaltigen Hebel in der Hand, Russland dazu zu bringen, Konzessionen in der Ukraine einzugehen. Was nichts daran ändert, dass im Rohstoffhandel ein Reputationsrisiko für die Schweiz mitschwingt. Deshalb fordert EvB-Sprecher Classen mehr Transparenz. Nicht nur, was die Geldströme betreffe, sondern auch, was die undurchsichtigen Eigentümerverhältnisse angehe.