Zur Strafe kostete es gleich nochmals einen Kasten Bier. Die erste Kiste war geschenkt: die Laune spendabel, die Stimmung gut. Eben hatte der Kumpel einen «Seemannsgruss» bekommen, über Kurzwelle.

Kurzwelle war mal ein menschenfreundlicher Dienst, vor Satellitentelefon und PC. Ist erst einen Wimpernschlag her, verglichen mit einem Ozean: rauschknackendes Stimmstakkato aus Schleinikon oder Hermetschwil, über tausend Seemeilen hinweg. Feste Heimat im dunkel rollenden Meer, ach, für diese einsamen Schweizer in ihren stampfenden Pötten auf See.

Seebären weinen nicht. Grüsst die Heimat, schmeissen sie einen Kasten Bier. War dem «Seemannsgruss» allerdings Musik angehängt, passten alle auf. Und dem Gegrüssten wurde bang ... Die ersten Töne, eine Stimme setzte ein, die Stimme eines Weicheis, auf harter Kerl gebrummt ... in der Messe heulte alles auf. Es war der olle Quinn, Freddy Quinn, der Teufel hat’s gesehen! Und weil der einem nix erspart, wars «Junge, komm bald wieder» oben drauf. Her mit dem zweiten Kasten Bier! Zur Strafe. Und um diesen Badewannen-Matrosen wieder wegzuspülen: «Junge, komm nie wieder!»

«Auf dem Schiff besserte sich noch mancher verzogene Grind»

Im Raum heulte noch einmal alles auf, als diese Anekdote mit der richtigen Pointe geendet hatte: vier Männer an einem Tisch. Viel Seemanns-Deko um sie her. Fischernetze, Schiffsglocken, Schiffsmodelle, Muscheln, Seemannsknoten, eine Nixe? Keine Nixen. Vereinsfotos, Veteranen wie in vielen Schweizer Vereinslokalen sonst.

Das Lokal im Parterre der ehemaligen Ballyfabrik ist seit zwanzig Jahren der Heimathafen der Aargauer Sektion des Schweizer Seemannsclubs, der zirka 800 Mitglieder umfasst. Stark war einst die Schweizer Mannschaft auf See, mehrere Hundert, während heute nurmehr sechs Nasen den harten, schlecht bezahlten Job machen.

Die Billigkonkurrenz ist zu gross, an Bord und ums Schiff alles automatisiert, die Liegefrist in den Häfen elend kurz. Man sieht nichts mehr von der Welt, weit weniger als Rucksack-Touristen heute, die überall hinfliegen für ein Selfie und ein Butterbrot. Doch eben das, die grosse Welt, hatte die vier einst zwischen den Alpen hervor und auf die endlose Fläche gelockt.

Keine Reue – das sagen alle vier. Im Gegenteil: «Hätte ich gewusst, wie das Seeleben war, ich wäre noch früher gegangen», sagt der Erste. «Eine Lebensschule» nennt’s der Zweite. «Mir tut es richtig gut, zurückzugehen in der Erinnerung», sagt der Dritte, «ich hatte lange Mühe mit dem Landleben.» Und der Vierte: «Auf dem Schiff ist alles geregelt. Was als Frass auf den Tisch kommt, das frisst du auch. Zu Hause bist du gezwungen, allem nachzurennen, indem du hierfür überall Schlange stehst. So schizophren ist das Schiffsleben nicht, vielleicht manchmal etwas primitiv. Da besserte sich noch manch ein verzogener Grind.»

Wie holt man ein verpasstes Schiff wieder ein? Vor allem wo?

Und das sind die vier, die erzählen, was ihrer Meinung nach breiter hätte erzählt werden dürfen dieses Jahr: Arno Pellanda (66), Sektionspräsident, zweieinhalb Jahre auf See, «zweitwichtigster Mann an Bord», also Koch. Erich Strebel (75), zwölf Jahre auf See, Bootsmann. Ernst Bucher (62), siebzehn Jahre auf See, zuletzt Chefingenieur. Und Willy Schwegler (73), «leider nur zwei Jahre auf See», Maschinist.

Etwas bitter macht die Männer das: Im April dieses Jahr wurde die Schweizer Hochsee-Schifffahrt 75 Jahre alt (siehe den historischen Abriss nebenan). Kaum jemand nahm davon Notiz.

Die Schweiz ist immer noch jene Binnennation mit der grössten Hochseeflotte (aktuell 49 Schiffe). Auf See schielt man auf Nachbarn wie auf Schnee: «Die Österreicher», sagt Strebel, «hatten mal zwei Schiffe. Heute gar nichts mehr.» Pellanda fügt an, mit unmerklichem Lächeln, weil verdeckt durch einen seegrauen Schnauz: «Die Schweizer Post brachte zum Jubiläum eine Sondermarke heraus. Freilich mit einem Schiff als Sujet, das nie unter Schweizer Flagge fuhr.»

Die Männer sind von verschiedenen Reedereien. Auf See hatten sie sich nie getroffen. Erstaunlicherweise aber haben sie eine gemeinsame Erfahrung, über die man sich schon einzeln wundert: Jeder hatte mindestens einmal ein Schiff verpasst. Den Zug – okay. Den Geburtstag der Frau – schlimm genug. Aber einen Ozeandampfer, worauf man Wochen verbringt? «Zwanzig Meter am Kai», sagt Bucher, «sind da halt schon zu viel.»

Einer flog mit dem Heli hinterher: «Das kostete was», sagt Strebel, «plus Busse vom Kapitän.» Einer nahm den Zug von New York nach New Orleans. Der nächste das Taxi von Rosario nach Buenos Aires (rund 400 Kilometer). Und der Letzte erzählt: «Ich verpasste das Schiff in der Ausnüchterungszelle. Für die ganze Zeche arbeitete ich dann mehr als einen Monat gratis.»

Den meisten Härdöpfelstock hamsterte der Pavian

Zwei der vier – entgegen des Klischees vom wetterfesten Haudegen im Ausguck bei Sturm – waren am Anfang fürchterlich seekrank: «Gleich wieder an Land, sagte ich mir, machst du auf den Absätzen kehrt», erzählt Bucher, «aber dann ging’s vorbei.» Er hebt das Glas, die anderen prosten zu, das Bier ist alkoholfrei: «Man verträgt’s nicht mehr. Es erträgt auch nichts mehr, bei diesen Kummerbuben überall.»

Die ausgeworfenen Netze in die Vergangenheit werden trotzdem schwerer jetzt – an Erinnerung, Gedanken und Gefühl. «Kein Seemannsgarn!», sagt Strebel bestimmt und hebt den Mahnfinger. Tatsache ist: Seeleute haben, wie die Landratte es wünscht, etwas zu erzählen. Und haben heute noch einen Vorteil gegenüber Jedermann, obwohl Jedermann inzwischen weiss Gott überall gewesen ist. Diese Veteranen haben die alten Häfen noch vor der Flut gesehen, der Touristenflut.

«Hafenluft war anders als im heutigen Nepp, auch die Preise. Die Schiffe kleiner: 1976 fuhren wir noch die Themse rauf zu den London-Docks, heute Schickimicki-Viertel wie die Handelslager in Hamburg. Wochenlang wurde Ware gelöscht, heisst: geschaufelt. Heute haben sie Bühler-Sauger, Getreideheber, Bulldozer. Es waren fantastische Erlebnisse, hätten wir es realisiert.» Warum nicht «realisiert»?

Einer veranschaulicht es mit einem Beispiel: «In den Sechzigern hatten wir auf Curaçao mal Brennstoff und Essen gebunkert. Karibik! Ehemals holländisch. 1968 hatte ich abgemustert. Neun Jahre später reiste ich mit meiner Frau nach Curaçao, und erst da sah ich: Es war wirklich traumhaft.»

Gibt es auch Geschichten, die das Quartett dem Journalisten erzählen würden, wenn der kein Journalist wäre? Die vier schauen sich an, eher so, als suchten sie nach Beispielen, als um sich zu vergewissern, jetzt den Mund zu halten. Querulanten, fragen wir, wurden an Bord nicht alt; was geschah, wenn die nicht spurten? «Sie wurden isoliert», sagt Bucher, «heute nennt man das Mobbing.» Und fern jeglicher Küste, unbeobachtet, «mal eifach eis a’d Schnurre»? «Klar», sagt Bucher, als rede man von Banalitäten.

Richtig rau waren Äquatorial-Taufen: durch verfaulte Küchenabfälle robben, Leim in die Achselhöhlen, Stromstösse ... «Nie was an den Geschlechtsteilen, das war verpönt.» In Südafrika gabelten sie einen kleinen Pavian auf. In der Seeluft wuchs er heran zu einem Kombüsen-Gorilla. «Paviane sind Hamstertiere», sagt Bucher, «er stopfte sich all unseren Härdöpfelstock in die Backen und drückte dann mit der Faust dagegen, um ihn runterzuwürgen.»

Und so weiter ... die blinden Passagiere, lebensgefährliche Brecher, wenn der Kahn stampfte, die Hafenschwalben, die Bobbys in Liverpool, die bei Ankunft der Schweizer schon früh am Pier warteten, um sich in deren Bar volllaufen zu lassen ... lange noch hätten wir dabeisitzen und zuhören können. Die Schweiz, diese wortkarge Berglernation, hätte einen grossen epischen Schatz – auf Wasser.