Bundehaus
61 neue Köpfe und ein Ehepaar: Die Neo-Nationalräte

Sie wissen noch nicht, wo die Toiletten sind und in welchen Kommissionen sie sitzen. Den Neo-Nationalräten an ihrem ersten Tag über die Schulter geschaut.

Sven Altermatt
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Im Nationalratssaal spielte das «Bundeshaus-Quartett» mit Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (r.) die Nationalhymne.

Im Nationalratssaal spielte das «Bundeshaus-Quartett» mit Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (r.) die Nationalhymne.

Keystone

Die letzten Meter auf dem langen Weg zum grossen Ziel sind dann ganz leicht. An den drei Eidgenossen vorbei in das Vorzimmer und von dort in die Wandelhalle. Der hagere Mann mit den rotbraunen Haaren steigt die Treppe hoch, bleibt stehen und wendet den Kopf zur Seite. Jonas Fricker hält Ausschau nach bekannten Gesichtern. Kein Parteikollege weit und breit? Es ist sein erster Tag im Bundeshaus. Der Aargauer Grüne ist am 18. Oktober in den Nationalrat gewählt worden.

Markwalder und Comte gewählt

Christa Markwalder (FDP/BE) wurde zur neuen Präsidentin des Nationalrats gewählt. Sie erhielt 159 von 183 möglichen Stimmen. Sie will ihr Amtsjahr unter das Moto «Respekt» stellen. Ihr Neuenburger
Parteikollege Raphaël Comte präsidiert den Ständerat. Er erhielt 44 von 45 möglichen Stimmen – und verwies «auf die Vielfalt der Schweiz». (sva)

In der Wandelhalle wird an diesem Montagnachmittag schnell klar, wer schon seit Jahren dabei ist – und wer nicht. Der Raum gleicht einem Taubenschlag. Um die alten Bekannten scharen sich die Journalisten, die Spitzenpolitiker schütteln Hände im Sekundentakt. Das Bundeshaus scheint zu vibrieren vor Aufregung.

Jonas Fricker steht ein wenig abseits vom Trubel, er wischt sich eine Fussel von seinem Hemd. Die Co-Präsidentin der Grünen, Adèle Thorens, läuft ihm entgegen, ein Strahlen im Gesicht. Die beiden begrüssen sich mit Küsschen. Von ihr erfährt Fricker auch gleich, wo er im Nationalratssaal sitzen wird: zwischen der Bernerin Regula Rytz und der Baslerin Sibel Arslan. «Dann suche ich mal mein Pult», sagt Fricker und verabschiedet sich.

Ein rot-grünes Ehepaar

Zur gleichen Zeit begibt sich auch Christian Imark auf seinen Platz im Ratssaal. Der Solothurner sitzt vorne rechts zwischen Erich von Siebenthal und Walter Wobmann, denn Neulinge werden bei der SVP gerne neben erfahrenen Nationalräten platziert. «Ich muss jetzt viel lernen», sagt Imark, «da kommt mir jede Hilfe recht.» An der ETH Zürich besuchte er kürzlich gar ein Seminar für neugewählte Parlamentarier.

Noch weiss er nicht, in welchen Kommissionen er politisieren wird. Die Wirtschaft interessiere ihn besonders, vorgenommen werden die Zuteilungen in den kommenden Tagen. Bis dann bleibe ihm eine Schonfrist, sagt Imark: «Vorerst kann ich mich nicht tief in ein Dossier einarbeiten.»

Gemeinsam mit 60 anderen Köpfen ist Imark zum ersten Mal im eidgenössischen Parlament. Die beiden Räte wurden ordentlich durchgemischt: Jeder vierte der 246 Parlamentarier muss sich neu unter der Bundeshauskuppel zurechtfinden.

Parlamentarier, Journalisten und Lobbyisten wuseln in der Wandelhalle durcheinander. Den feinen Unterschied, das Symbol der Macht, ist ein Pager am Gürtel. Erst dieser lässt die Besucher als Parlamentarier erkennen. Der Kasten blinkt und vibriert, wenn drinnen im Saal die nächste Abstimmung ansteht.

Der Neuenburger FDP-Nationalrat Philippe Bauer verstaut den Pager in seiner Hosentasche und fragt eine Weibelin nach der Toilette. Auf der Raucherterrasse stecken der Grüne Balthasar Glättli und die Sozialdemokratin Min Li Marti derweil ihre Köpfe zusammen. Mit der Neugewählten und dem Bisherigen sitzt künftig ein Ehepaar im Nationalrat. Angst vor Interessenkonflikten, sagen die beiden Zürcher, hätten sie keine. Den Ratssaal betreten sie durch verschiedene Eingänge.

Von Pulten und Privilegien

Um halb drei lässt Luzi Stamm dann die Glocke erklingen. Der amtsälteste Nationalrat erklärt die 50. Legislatur für eröffnet und vereidigt die 200 Nationalräte. Vor 24 Jahren ist der Aargauer SVP-Politiker erstmals gewählt worden. An die erste Wahl erinnere er sich, als sei sie gestern gewesen.

Stamm verweist auf einige der wichtigsten Ereignisse seit 1991. Was der Nationalrat zu hören bekommt, ist eine emotionale und etwas konfuse Rede. Immer schneller hüpft Stamm zum nächsten Thema, vom tragischen Attentat im Zuger Kantonsrat zum legendären Lachanfall von Hans-Rudolf Merz. Alles spreche dafür, dass die Zeiten härter werden. Seine Ratskollegen mahnt er: «Wir haben die Verantwortung, das Optimum für dieses Land zu machen.» Nach Stamms Worten wirkt es fast kühn, wie die 27-jährige Genferin Lisa Mazzone darauf antwortet.

Die Grüne darf als jüngste Neugewählte ebenfalls eine Rede halten. Sie betrachtet die Schweiz als Teil eines grossen Ganzen. Im Parlament gehe es um die Zukunft des Planeten, sagt Mazzone. Deshalb dürfe sich die Politik nicht nur mit den «Problemen von heute» beschäftigen.

Immerhin sind die «Probleme von heute» an diesem Nachmittag allein praktischer Natur. Die Zürcher FDP-Frau Regine Sauter lässt sich zeigen, wie sich ihr Pult öffnen lässt. Der Berner SVP-Mann Erich Hess sucht verzweifelt ein ruhiges Plätzchen zum Telefonieren. Und die Bündner SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher tritt noch während der ersten Ratssitzung vor die Fernsehkameras. Es ist das Privileg einer Gefragten.