Krankenkassen-Kosten
60% der Versicherten sind bereit für einen Deal: Billigere Prämien im Tausch für Daten

Apps oder tragbare Instrumente messen unsere Gesundheitswerte und füttern entsprechende Datenbanken. 60 Prozent der in der Schweiz versicherten Personen sind bereit, diese Daten zur Verfügung zu Stellen – wenn die Krankenkassen dafür die Prämie senken.

Tommaso Manzin und Jürg Krebs
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Wie viel lässt sich sparen? Für tiefere Prämien würden viele Schweizer ihre Gesundheitsdaten preisgeben.

Wie viel lässt sich sparen? Für tiefere Prämien würden viele Schweizer ihre Gesundheitsdaten preisgeben.

Gesundheit Aargau

Die Krankenkassenprämien steigen unaufhaltsam - es scheint ein Naturgesetz zu sein. Und jeden Herbst, wenn der Aufschlag für das nächste Jahr bekannt gegeben wird, geht ein Aufschrei der Empörung durch die Schweiz.

Dass es so nicht weitergehen kann, zeigt das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz in einer aktuellen Studie. Denn sonst werde das System kollabieren, schon 2030.

Dank Wearables (tragbare Datenverarbeitung), Apps und Sensoren wächst die verwertbare Menge an Gesundheitsdaten rasant. Schon heute zeichnet rund die Hälfte der Versicherten freiwillig Gesundheitsinformationen auf. Dies zeigt eine Umfrage von EY. Am häufigsten werden Schritt- und Fitnessdaten gemessen. Andere medizinisch relevante Informationen wie Blutdruck- oder Cholesterinwerte werden hingegen kaum erhoben.

Die meisten Versicherten wollen ihre sportlichen Leistungen messen. 60 Prozent seien in der Not gar bereit, die Daten mit dem Krankenversicherer zu teilen, falls sie dafür Anreize wie Prämienrabatte oder individuelle Gesundheitsberatung erhalten. «Die Versicherer könnten damit innovative Angebote lancieren und sich strategisch als Gesundheitspartner positionieren», sagt Yamin Gröninger EY Schweiz.

Heikle Datenpraxis

Doch die Sache mit den Gesundheitsapps ist eine heikle Geschichte. Denn die gesammelten Daten können an Dritte weitergegeben oder weiterverkauft werden. Nur wenige Apps zum Beispiel sind in diesem Punkt transparent.

Das Sammeln der Daten ist einfach. Blutdruck, Herzfrequenz oder Schlafzeit: Meist werden die Daten via Uhr oder Armband am Körper gemessen und auf Computer, Tablet oder Smartphone übertragen. Diese wiederum schicken die Daten zum Speichern an eine Cloud. Dem Betreiber dieser Datenwolke stehen sie somit zur Verfügung.

Davor hat der Schweizerische Datenschutzbeauftragte in einem Artikel gewarnt: "Viele Apps, die man aufs Handy herunterlädt, offenbaren nicht oder dann in schlecht auffindbaren Algemeinen Geschäftsbedingungen, dass sie ebenfalls Daten absaugen, auswerten und weiter geben."

Wie wichtig Gesundheitsdaten sind, zeigt sich auch an diesem Beispiel: Der weltgrösste IT-Dienstleister IBM vertiefte 2015 sogar seine Partnerschaft mit Apple bei der Nutzung von Gesundheitsinformationen. IBM gründete eine eigene Firma um das Wohlbefinden von Personen auf Millionen von Apple-Geräten auswerten.

Krankenkassen haben bereits viele Daten

Yamin Gröninger sagt: «Die geltenden Datenschutzvorschriften gewähren den Krankenversicherern genügend Spielraum, um die Daten zu nutzen. Sie können bereits heute die Daten der Versicherten für personalisierte Beratungen nutzen, wenn diese einwilligen.» Es es gilt auch: «Die Unternehmen müssen dabei aber höchste Sicherheitsstandards erfüllen, um die sensitiven Gesundheitsdaten zu schützen.»

Und schon heute gilt gemäss Gröninger: "Der Digitalisierung kommt bei zukunftsorientierten Strategien eine Schlüsselrolle zu." Die Krankenversicherer verfügten über umfangreiche Datenbestände, auf deren Basis sich Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten grundlegend verbessern liessen.

Ein Multi-Milliardenmarkt

Klar ist: Was unter dem Stichwort "Billigere Prämien dank Gesundheitsdaten" daher kommt, ist ein riesiges Geschäft. Hunderte, Tausende Gesundheitsapps sind im Umlauf – und die Zahl steigt. Für 2017 prognostizierten die Verfasser einer Studie der Universität Freiburg (D) einen Markt im Umfang von 24 Milliarden Euro, das legten sie gegenüber Süddeutschen Zeitung dar.

CSS belohnt Bewegung

Bewegungsmangel ist ein weit verbreitetes Problem - nicht nur in der Schweiz. Forscher hatten sogar vorgeschlagen, dass Ärzte Bewegung statt Medikamente verschreiben. Deshalb belohnt die CSS-Versicherung körperliche Aktivitäten. Unter dem Motto "Jeder Schritt zählt" erhalten Kunden Gutschriften, wenn sie sich ausreichend bewegen. Dazu können sie einen elektronischen Schrittzähler auf sich führen. Die CSS erhält so aber nicht nur gesündere Kunden, sondern auch viele Daten.

Vorsicht ist angebracht

Nicht nur der Datenschutz ist bei Gesundheits-Apps ein Thema, sondern auch deren Tauglichkeit. Fachleute weisen darauf hin, dass nur ein Arzt eine eindeutige Diagnose stellen kann. Das Magazin Der Beobachter hat in einem Test sieben Apps für gut befunden. Sie sollen Aufschluss über Depressionen, Schlaganfall oder das Hörvermögen geben.

Es gilt: Es kann höchst ungesund sein, seine Gesundheit Apps anzuvertrauen.

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