Las Vegas
58 Menschen starben in Las Vegas – jetzt verkauft die Ruag ganz in der Nähe ihre Munition

Im Oktober 2017 wurden bei einem Amoklauf in Las Vegas 58 Menschen erschossen. Nur Monate später nimmt der Schweizer Rüstungskonzern Ruag an einer Waffenmesse in unmittelbarer Nähe teil.

Lorenz Honegger
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Schiesserei: Stephen Paddock tötet in Las Vegas 58 Menschen
32 Bilder
Paddock zielte aus dem Mandalay Bay Hotel auf die Besucher des Route 91 Harvest Festivals.
Stille Zeugen der Bluttat.
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Das Konzertgelände am Morgen nach der Tat.
Überbleibsel der grauenvollen Nacht.
Aus diesen Fenstern schoss...
... der Täter: Stephen Paddock, 64-jährig.
Dieses Bild zeigt die Nähe von Hotel und Festivalgelände. Paddock hatte freie Schussbahn.
Ein Ermittler schaut aus dem Hotelzimmer des Grauens.
Der Ort des blutigen Anschlags in Las Vegas.
Die Polizei drang nach 75 Minuten in das Hotelzimmer des Todesschützen ein. Das Bild entstand, als der Schütze noch immer aktiv war.
Zuvor war nicht klar gewesen, ob mehrere Schützen in die Menge feuerten.
Wer im Hotel war, musste im Zimmer bleiben. Andere flüchteten in grosser Not dahin.
Diese Frau ist mit dem Schrecken davon gekommen.
Studenten der Universität von Nevada Las Vegas gedenken der Toten.
Grosse Trauer in der Nacht nach den Anschlägen.
Eine Reihe aus Kreuzen erinnert an die Opfer der Massenerschiessung.
Jedes Kreuz trägt den Namen eines Toten.
Menschen legen in Las Vegas Blumen nieder.
Auch beim NFL-Spiel zwischen den Washington Redskins und Kansas City wurde an das schreckliche Ereignis in der Glücksspielstadt erinnert.
Er hat überlebt: Mike Kordich, Feuerwehrmann aus Kalifornien. Er leistete erste Hilfe, als er selbst eine Kugel abbekam.
Auch Natalie Vanderstay wurde getroffen, im Bauch. Auch sie überlebte.
Donald und Melania Trump reisten wenige Tage nach dem Amoklauf nach Las Vegas.
Sie besuchten Überlebende im Universitätsspital.
Die Massenerschiessung löste eine neuerliche Diskussion über die laschen Waffengesetze in den USA aus. Es kam auch zu Protesten.
In diesem Haus in Mesquite (Nevada) wohnte Paddock.
Die Freundin des Schützen war zum Zeitpunkt der Tat auf den Philippinen. Sie gab an, nichts von den Plänen Paddocks gewusst zu haben.
Paddock feuerte Hunderte Schüsse auf die Festivalbesucher.
Mediziner behandeln Opfer des Amoklaufs.

Schiesserei: Stephen Paddock tötet in Las Vegas 58 Menschen

Getty Images

Die Reaktion der amerikanischen Waffenlobby nach Amokläufen wie diese Woche in Florida ist immer die gleiche: «Thoughts and Prayers». Der Ausdruck beinhaltet zwei Botschaften. Erstens: In «Gedanken und Gebeten» sind wir bei den Opfern. Zweitens: Mehr als Beileid gibts nicht. Eine Verschärfung der Waffengesetze steht ausser Diskussion. Das Milliardengeschäft mit Gewehren, Pistolen und Munition muss weitergehen. Und mittendrin ist auch die Schweiz mit ihrem Rüstungskonzern Ruag, dessen Aktien zu 100 Prozent der Eidgenossenschaft gehören.

Recherchen zeigen: Das Unternehmen hat mit seiner amerikanischen Tochterfirma Ammotec USA nur dreieinhalb Monate nach dem schlimmsten Amoklauf der US-Geschichte an der Waffenmesse Shot Show in Las Vegas teilgenommen. Zehn Fahrminuten vom Gelände des Mandalay Bay Hotel entfernt, das Anfang Oktober 2017 weltberühmt wurde. Aus dem 32. Stock des Hotels erschoss der 64-jährige Stephen Paddock 58 Menschen und verletzte 851 Personen zum Teil schwer. Nie zuvor hat ein Einzeltäter in den USA mehr Menschen umgebracht. Die Opfer waren für ein Country-Festival nach Las Vegas gereist.

385 Millionen mit Munition

Für die Ruag geht es nach dem Amoklauf weiter wie bisher. Im Sands Expo and Convention Center, vier Kilometer Luftlinie vom Tatort, hat die Munitionsherstellerin Ruag Ammotec USA Ende Januar während knapp einer Woche Verkaufsgespräche mit Geschäftskunden geführt. 64'000 Besucher nahmen an der Waffenmesse teil. Auf die Frage, ob das Unternehmen erwogen habe, aus Pietätsgründen auf eine Teilnahme an der Shot Show zu verzichten, schreibt die Pressestelle: «Nein.»

«Business as usual»: Vertreter der Munitionssparte der Ruag an der Waffenmesse Shot Show in Las Vegas im Januar 2018.

«Business as usual»: Vertreter der Munitionssparte der Ruag an der Waffenmesse Shot Show in Las Vegas im Januar 2018.

Ein Blick in den Geschäftsbericht erklärt warum. Die Ruag verdiente 2016 mit ihrer Munitionssparte 385 Millionen Franken. Sie betont: Bei den Vereinigten Staaten handle es sich um «den grössten Munitionsmarkt der Welt». Die Umsätze sind aber seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump unter Druck: Nur wenn sich Gewehr- und Pistolenbesitzer fürchten, dass die Regierung die Gesetze verschärft, kaufen sie besonders viel ein. Der waffenfreundliche Trump ist laut dem Ruag-Jahresbericht schlecht für den Absatz: Das US-Geschäft dürfte «vor dem Hintergrund des Regierungswechsels schwieriger werden». Auf viel Verständnis stösst sie damit nicht.

«Ein Hohn für die Opfer»

In Bundesbern sorgt der Auftritt des Schweizer Rüstungsherstellers in Las Vegas für Kopfschütteln. Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) spricht von «einem Hohn für die Opfer». Es sei absolut fragwürdig, wenn ein staatliches Unternehmen so kurz nach einem Amoklauf in unmittelbarer Nähe des Tatorts an einer Waffenmesse teilnehme, sagt GSoA-Sekretär Lewin Lempert. Der Konzern werde «je länger, desto skrupelloser» in wirtschaftsethischen Fragen. Als weitere Beispiele nennt Lempert die Eröffnung eines Ruag-Büros im Nahen Osten oder die Expansion der Munitionssparte nach Brasilien, «einem Land mit extrem vielen Schusswaffentoten».

SaW

Auch Beat Flach, Nationalrat und Sicherheitspolitiker der Grünliberalen Partei, stellt die «ethische Grundausrichtung» der Ruag infrage. Der Konzern hätte sich seiner Meinung nach überlegen müssen, auf die Teilnahme an der Waffenmesse zu verzichten. SP-Nationalrat Cédric Wermuth bezeichnet das Verhalten der Ruag als «unglaublich unsensibel».

Ähnlich äussern sich einige bürgerliche Politiker. Mit Namen hinstehen will allerdings keiner von ihnen. Etli- che werfen aber die Frage auf: Wie sehr soll sich die Ruag mit ihren internationalen Tochtergesellschaften in Bereichen wie dem US-Munitionsgeschäft bewegen, die nur wenig mit den sicherheitspolitischen Interessen der Schweiz zu tun haben?

Wunsch nach Teilprivatisierung

Im Parlament mehren sich die Stimmen, die einen Verkauf aller Ruag- Gesellschaften ohne Bezug zur Schweiz anstreben. Die Geschäftsprüfungskommissionen werden dieses Szenario voraussichtlich Anfang Sommer in einem Bericht zur Diskussion stellen.

Die Ruag selber hätte kaum etwas gegen eine teilweise oder vollständige Privatisierung: Ihr Führungspersonal beklagte sich in der Vergangenheit wiederholt über die hohen Anforderungen, welche das Unternehmen wegen seines Status als Staatsbetrieb beim Waffenexport zur erfüllen habe.

Vorerst bleibt alles beim Alten. Bundesrätin Doris Leuthard, die 2017 als Bundespräsidentin den Opfern von Las Vegas im Namen der Schweiz ihr Beileid aussprach, teilt auf Anfrage mit: «Die Schiesserei von Las Vegas ist nach wie vor abscheulich. Die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden lei- den immer noch. Wie diese verurteile ich auch alle anderen Taten, die auf den missbräuchlichen Waffengebrauch zurückzuführen sind.» Für weitere Fragen sei das Verteidigungsdepartement zu kontaktieren. Dort heisst es brüsk: Man bedaure und verurteile «jeglichen Missbrauch» einer Waffe. «Thoughts and Prayers». Auch in der Schweiz.