50 km Mauer in einem einzigen Bild

Der Fotograf Stephan Kaluza hat «Die (unsichtbare) Mauer» fotografisch festgehalten in einem schier unendlichen Bild. Das Monsterprojekt illustriert rasanten Wandel augenfällig.

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Mauer

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Sabine Altorfer

Ein Spaziergang durch Berlin entlang der ehemaligen Mauer - 50 Kilometer von Nord nach Süd, von Köppchensee bis Schönefeld - liefert uns der Fotograf Stephan Kaluza aufs Sofa. Der ehemalige Todesstreifen ist zum Bildstreifen geworden. Die Mauer findet sich darauf nur noch selten, wir wissen: Die Planierraupen haben nach der Freude über den Mauerfall schnelle Arbeit geleistet, und die Euphorie der Souvenirjäger hat tatkräftig mitgeholfen.

30 000 Fotos hat Stephan Kaluza in den letzten beiden Jahren aufgenommen - die Kamera von West gen Ost gerichtet - und sie zu einem einzigen Bild verschmolzen. «Horizontale Darstellung von komplexen Objekten» nennt der 45-jährige Deutsche seine Arbeitsweise. Angewendet hat er sie zuvor schon bei einem anderen urdeutschen Grenz-Thema, beim Rhein (ebenfalls im Dumont-Verlag erschienen).

So sitzt man also auf dem Sofa, blättert und blättert, schaut, versucht sich zu orientieren (eine Karte fehlt leider) und macht sich Gedanken. Etwa darüber, dass auf diesem Bild so viel gebaut wird. Ist das nun typisch Berlin oder doch beispielhaft für die Mauerzone, für dieses einstige Niemandsland, für diese Lücke, die man schnellstmöglich schliessen wollte?

«Der Geist des Abwesenden» werde in Kaluzas Bild spürbar, schreibt der deutsche Kunstpublizist Heinz-Norbert Jocks im Buch. Er attestiert dem Fotografen, dass er mit seiner Arbeitsweise die übliche Zerlegung der Welt in Segmente aufhebe. Der Verlauf der Mauer wäre ja nur in langen Märschen zu erleben.

Was aber unterscheidet dieses Projekt von einer Querung einer anderen Stadt? Was ist von der Mauer spürbar geblieben, die 1961 mitten durch Berlin gezogen worden ist? Was wir überall finden würden: den allmählichen Verlauf von grünen Vororten zum verdichteten Zentrum oder den Mix von Dichte und Restfläche. Aber man konstatiert, dass man auf diesem Bild mehr Abschrankungen - Zäune, Bauschutzwände, Mauern, geschlossene Fassaden - antrifft als anderswo. Oft in liebloser Umgebung. Als Kontrast dazu gibts auch mehr Neubauten, nicht nur beim Potsdamer Platz. Die vereinzelten Relikte der grauen Betonelemente und die Mahnmale sind deshalb wichtig. Sie erinnern: Hier war sie. Und das ist gut so.

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