50 Jahre Frauenstimmrecht
Die Frauen kämpfen für die Vollendung der Demokratie – und sind zu Recht optimistisch dabei

Auch 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts ist die politische Macht in der Schweiz immer noch ungleich verteilt zwischen den Geschlechtern. Trotz Hindernissen ist die Ausgangslage der Frauen für entscheidende Veränderungen besser denn je.

Christoph Bernet
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Teilnehmerinnen am Frauenstreik 2019 in Lausanne.

Teilnehmerinnen am Frauenstreik 2019 in Lausanne.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Sophie Achermann ist diese Tage eine vielbeschäftigte Frau. Sonntag, der 7. Februar 2021, steht schon lange dick umrandet in ihrer Agenda. Für die Geschäftsführerin von Alliance F, dem Dachverband der Schweizer Frauenorganisationen, ist das 50-Jahre-Jubiläum der Einführung des Frauenstimmrechts ein grosser Tag.

Das Coronavirus verhindert zwar Feierlichkeiten, die der Bedeutung des Anlasses gerecht würden. Ganz darauf verzichtet Alliance F aber nicht: Via Zoom hält der Dachverband eine «Geburtstagsfeier 50 Jahre Demokratie» ab. Die Teilnehmerinnen werden mit einem Stück Kuchen und einem Getränk in der Hand zu Hause vor den Computerbildschirmen «Helvetia ein Ständchen singen».

Doch unter die Freude über das Jubiläum des wichtigen Meilensteins mischt sich bei der 28-jährigen Achermann auch eine grosse Portion Fassungslosigkeit darüber, wie wenig lange dieser Tag zurückliegt – und die Entschlossenheit, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. Bis zur Einführung des Frauenstimmrechts am 7. Februar 1971 sei die Schweiz keine Demokratie gewesen, hält Achermann fest. Diese Tatsache hallt nach: «In der Schweiz haben Männer während über 120 Jahren die Gesetze alleine geschrieben. Das hat bis heute Spuren hinterlassen.»

«Frauen sind politisch weiterhin deutlich untervertreten»

Dass die Gesetze nicht mehr nur ausschliesslich Väter, sondern auch möglichst viele Mütter haben, ist Achermann ein Herzensanliegen. Im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen vom Oktober 2019 war sie am Projekt «Helvetia ruft!» beteiligt. Dessen Ziel: möglichst vielen Frauen zur Wahl in den National- und Ständerat verhelfen.

Der Erfolg lässt sich sehen: Im Nationalrat stieg der Frauenanteil auf rekordhohe 42 Prozent an. Im Ständerat sitzen neu zwölf Frauen, vor den Wahlen waren es sechs gewesen. Doch damit sind weiterhin drei Viertel der Ständeratsmitglieder männlich: «Die Frauen sind in der Schweiz politisch weiterhin deutlich untervertreten», sagt Achermann.

Kantone und Gemeinden als Nachschublinien

Um das langfristig zu ändern, versuchen Alliance F und ihre Verbündeten mit «Helvetia ruft!» an der Basis anzusetzen: in den Kantonen und Gemeinden. Dort steht es um die Frauenvertretung vielerorts noch schlechter als auf Bundesebene.

Ein Videomeeting des Projekts «Helvetia ruft!»

Ein Videomeeting des Projekts «Helvetia ruft!»

Zvg / Aargauer Zeitung

Sophie Achermann bezeichnet kommunale und kantonale Ämter als «Nachschublinien» für die Bundespolitik. Mentorinnen, Infoveranstaltungen, Lobbying bei den Parteien und die Auswertungen von Wahllisten und -ergebnissen sollen möglichst viele Frauen zum Schritt in die Politik ermuntern: «Die Wahlen 2019 waren erfreulich, aber wenn wir bei diesem Thema auch nur ein bisschen nachlassen, ist der Fortschritt schnell zunichtegemacht», gibt Achermann zu bedenken.

«Repolitisierung» der Jugend

Dieser Fortschritt bei der politischen Partizipation der Frauen lässt sich wissenschaftlich belegen. Wie die Politikwissenschafterin Cloé Jans vom Forschungsinstitut GFS Bern in einem Beitrag im Sammelband «50 Jahre Frauenstimmrecht» aufzeigt, hat sich die noch bis Mitte der 2000er-Jahre im Vergleich zu den Männern durchschnittlich sechs Prozent tiefere Stimmbeteiligung der Frauen unterdessen praktisch angeglichen.

Cloé Jans, Politikwissenschatlerin beim GFS Bern.

Cloé Jans, Politikwissenschatlerin beim GFS Bern.

Fotoatelier Spring Gmbh / bz Zeitung für die Region

Das hat dazu geführt, dass sich die Frauen in jüngster Vergangenheit immer häufiger an der Urne durchsetzen konnten: Eine Mehrheit der Abstimmungsvorlagen, bei denen Frauen und Männer in ihrer Mehrheit unterschiedlicher Meinung waren, ging im Sinne der Frauen aus. Jans stellt eine «Repolitisierung» der Jugend fest. Das zeige das CS-Jugendbarometer. Themen wie Gleichheit und Feminismus seien jungen Menschen wichtig – Frauen wie Männern.

«Wenn wir zusammenhalten, haben wir die Mehrheit»

Auf die Unterstützung der Männer zählt auch Sophie Achermann von Alliance F. Aus ihrer Sicht brauchen die Frauen vor allem mehr finanzielle Unabhängigkeit. Dazu gehöre einerseits eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andererseits ein Ende der Benachteiligung von Zweiteinkommen bei den Steuern für Paare, die de facto meistens die Frauen betreffen. Und eine Verbesserung der Situation der Frauen bei der Altersvorsorge. Seien Frauen nicht mehr finanziell von einem Mann abhängig, könnten sie sich auch besser gegen Gewalt wehren: «Dann haben sie die Option, zu gehen. Auch wenn es bei der Wahl der richtigen Mittel unterschiedliche Ansichten gebe: «Was diese Ziele angeht, sind sich die Frauen aller Parteien einig.»

Der «Schweizer Illustrierten» sagte Simonetta Sommaruga (SP) bei einem gemeinsamen Interview mit ihren beiden Bundesratskolleginnen: «Wenn wir Frauen im Bundesrat zusammenhalten, haben wir faktisch immer die Mehrheit, weil wir immer einen Mann finden, der uns hilft.» Zur Vollendung der Demokratie braucht es aber mehr als ein männliches Bundesratsmitglied. Wie am 7. Februar 1971 braucht es die Unterstützung einer klaren Mehrheit der Männer für die Frauen in diesem Land.