März 2016

  1. Politisches Vorspiel: «Der Bund» schreibt am 2. März, die Reitschule fürchte sich um die Sicherheit der Besucher. Die Veranstalter beklagen eine Häufung von Vorfällen und erhöhen das Sicherheitsdispositiv. Polizeichef Manuel Willi seinerseits beschuldigt die Reitschule, Opfern von einer Anzeige abzuraten. Es brauche eine erhöhte Präsenz der Polizei, doch diese könne kaum auf der Schützenmatte anrücken, ohne angegriffen zu werden.
  2. Scharmützel: Zwei Tage später, am Freitag 4. März, fährt die Polizei mit rund 30 Einsatzkräften in orangen Westen und Schutzhelmen auf der Schützenmatte auf, markiert Präsenz, kontrolliert Personen. Die Reitschule ist über den Einsatz informiert, jedoch nicht begeistert: Sie warnt vor allfälligen Provokationen vonseiten der Polizei. Der Einsatz verläuft zunächst ruhig, gegen 23 Uhr formiert sich aber ein Gegenprotest. Die Demonstrierenden tragen Transparente («Rassisten aufs Maul») bei sich. Die Polizei bestellt Verstärkung ein, sperrt einen Teil der Schützenmatte ab und setzt Gummischrot ein.
  3. Eskalation: In der Nacht darauf errichtet eine Gruppe Unbekannter am Bollwerk Strassenbarrikaden und zündet sie an. Polizei und Feuerwehr rücken an und werden umgehend angegriffen. Im Gegenzug setzt die Polizei Gummischrot und Tränengas ein. Elf Polizisten werden verletzt.
  4. Fokus Reitschule: Die Meldung über die Proteste am Freitag wird nicht über die Grenzen Berns getragen. Erst als es am Samstag klöpft und die Polizei mitteilt, die Chaoten hätten sich in die Reitschule zurückgezogen, gerät das Kulturzentrum in den Fokus.
  5. Politisches Nachspiel: Auf der linksautonomen Politplattform Indymedia kritisieren die Aktivisten den «Präventiveinsatz» der Polizei: Zum wiederholten Male hätten «behelmte, vermummte und mit Gummischrotgewehren bewaffnete Cops» auf der Schützenmatte und vor der Reitschule «provoziert». Die Polizei ihrerseits kritisiert die Reitschule. Die Vermummten hätten Zuflucht im Innern des Clubs gefunden, beklagt Polizeichef Willi. SVP-Nationalrat Erich Hess rührt die Trommel für seine Anti-Reitschul-Initiative.
Aufnahmen aus dem Film «Welcome to Hell»

Aufnahmen aus dem Film «Welcome to Hell»

 

Oktober 2015

  1. Politisches Vorspiel: Es geht um die Durchführung der Chilbi auf der «Schütz»: Die Stadt will den Schaustellern Geld überweisen, damit diese selber für ein Sicherheitsdispositiv sorgen können. Es hagelt Kritik: Die Stadt wolle sich freikaufen, Sicherheitsdirektor Reto Nause kapituliere. Gegenüber der «Berner Zeitung» signalisiert dieser Frustration. Theoretisch wäre eine 24-Stunden-Polizeipatrouille nötig, doch diese «würde dann wieder von manchen Leuten als Provokation angesehen werden.» Der Sicherheitsdienst der Reitschule müsse die Verantwortung übernehmen.
  2. Scharmützel: Als die Antifa Bern einen «Abendspaziergang» ankündigt, ist die Polizei mit einem Grossaufgebot zur Stelle. Die Demonstration wird im Keim erstickt – einzelne Petarden werden gezündet.
  3. Eskalation: Wenige Tage später, es ist Freitagabend, kommt es in der Neubrückstrasse zu einer Graffiti-Attacke auf einen Bernmobil-Bus. Im Januar 2016 wird die Sprayer-Gang 031 mit einem Bekennerschreiben die Verantwortung dafür übernehmen. Gemäss Mitteilung der Polizei werden die Einsatzkräfte bei ihrem Eintreffen unverzüglich angegriffen. Die Polizei antwortet mit Gummischrot.
  4. Fokus Reitschule: Die Vermummten hätten sich nach dem Angriff auf den Bus rasch ins Innere der nahen Reitschule zurückgezogen, teilt die Polizei mit. Auch für die Antifa-Aktivisten wurde das Kulturzentrum als Rückzugsort genutzt.
  5. Reaktion: Erich Hess' Stunde schlägt: Für den SVPler ist klar: Wer solche «Attacken» in Zukunft verhindern will, muss sofort die kantonale Initiative gegen die Reitschule unterschreiben. Der linke Stadtrat Manuel C. Widmer kritisiert die Sprayer massiv: Sie würden sich wie mittelalterliche Wegelagerer mit einem massiven Testosteronüberschuss verhalten. Natürlich könne man nachher in der Menge des Vorplatzes untertauchen.
Erich Hess' Lieblings-Sorgenkind: die Reitschule

Erich Hess' Lieblings-Sorgenkind: die Reitschule

 

Februar 2015

  1. Politisches Vorspiel: Die FDP will einen Neujahrsapéro in der Reitschule veranstalten, wird aber abgewiesen. Auf YouTube taucht im Januar ein Video auf, das einen Aktivisten in «Revolutionskluft» zeigt: Das Tutorial – vor der Reitschule gefilmt – erklärt, wie man sich für eine Demo vermummt, um von der Polizei nicht erkannt zu werden. Ins Internet gestellt hat das Video die Revolutionäre Jugendgruppe (RJG). Sie ruft zur Anti-WEF-Demo auf.
  2. Scharmützel: Ende Januar werden Streifenwagen mit Flaschen beworfen, die Anti-WEF-Demo aber verläuft ruhig – wenig Publikum und keine Zwischenfälle.
  3. Eskalation: In der Nacht auf Samstag, 20. Februar greift eine Gruppe Unbekannter die Polizeiwache der Kapo am Berner Waisenhausplatz an. Die Angreifer werfen Farbbeutel, beschmieren das Polizei-Gebäude und demolieren Fahrzeuge.
  4. Fokus Reitschule: Die Polizei schreibt in ihrem Kommuniqué, die Angreifer hätten sich nach den Ereignissen in die Reitschule zurückgezogen.
  5. Politisches Nachspiel: Nach dem Angriff auf die Polizeiwache schlägt der Reitschule ein rauer Wind entgegen. «Wie Militante die Reitschule okkupieren», titelt die NZZ. Gleichzeitig untersucht die «Weltwoche» den «subversiven Charme der Gewalt». Beide Texte probieren, den Extremismus der Reitschule zuzuordnen. Gleichentags nimmt eine vom Gemeinderat publizierte Studie den Empörten Wind aus den Segeln: Der Basler Soziologe Ueli Mäder lobt das Verhältnis zwischen der Reitschule und der Stadt. Gleichzeitig gibt der Gemeinderat bekannt, dass das Reitschul-Dossier ab sofort nicht mehr von Reto Nause geleitet wird, sondern von Alexander Tschäppät. Am 12. März genehmigt der Stadtrat die Kulturverträge.
Die Reitschule an einem friedlichen Tag.

Die Reitschule an einem friedlichen Tag.

September 2014

  1. Politisches Vorspiel: Ein offener Brief der Reitschule an den Gemeinderat über Vandalismus und Sprayereien in der Grossen Halle sorgt für Knatsch: Der Brief wird den Medien gesteckt, bevor ihn alle Beteiligten erhalten haben. Fritz Brönnimann, Mitglied des Vorstands Grosse Halle sagt, in der Reitschule werde darüber geschwiegen, dass eine Gruppe von Personen die Arbeit im Kulturzentrum sabotiere. Häufig genannt wird in diesem Zusammenhang die Sprayer-Gang 031. Im gleichen Monat kündigen die Behörden an, den Vorplatz umgestalten und die Grosse Halle sanieren zu wollen. Kritiker vermuten dahinter eine schleichende Schliessung der Reitschule.
  2. Scharmützel: Die Stimmung ist aufgeheizt: Linke verkünden eine Kundgebung und an den Übertragungen der Europameisterschaft-Spiele sollen Besucher gegen das Abgeben einer Flagge ein Bier bekommen. Die Polizei kritisiert, die Veranstalter riefen damit zum Fahnenklau auf.
  3. Eskalation: Am 28. September schieben mehrere Unbekannte im Bereich der Unterführung bei der Schützenmatte Container auf die Strasse. Die Schützenmatte wird blockiert. Beim Eintreffen der Polizei zünden Vermummte einen Teil der Barrikaden an. Die Einsatzkräfte antworten mit Gummischrot – vier Polizisten werden verletzt, vermutlich noch weitere Personen. 
  4. Fokus Reitschule: Passiert ist der Vorfall am Rande der von der Stadt bewilligten Party «Brückenkinder» unter dem SBB-Viadukt. In den sozialen Medien bedauern die Partybesucher, dass der Anlass wegen der Angriffe auf die Polizei beendet werden musste. Der Link zur Reitschule scheint für die Behörden auf der Hand zu liegen.
  5. Politisches Nachspiel: FDP-Gemeinderat Alexandre Schmidt fordert die temporäre Schliessung der Reitschule. Er spricht von einem «gravierenden und erschreckenden» Vorfall. Die Regierung gibt sich kleinlaut – man sei sich bewusst, dass einiges verbessert werden müsse. Die Reitschule ruft Krawallmacher zur Mässigung auf.
Das «Vermummungs-Tutorial»

Das «Vermummungs-Tutorial»

 

Dezember 2013

  1. Politisches Vorspiel: Vor der Reitschule wird im Oktober ein Linienbus angehalten, attackiert und versprayt. Gemäss «Bund» kommen die Täter «aus dem Umfeld von 031». Nause, der eben noch Bedenken geäussert hatte, dass die Sprayer-Gang 031 ihren Einfluss in der Reitschule vergrössern wolle, hält sich nun nicht mehr zurück: Die Schuld an der Attacke weist er dem Sicherheitsdienst der Reitschule zu. Die Kritik ist gerade erst verklungen, als das Theater im Dezember erneut losgeht.
  2. Scharmützel: Am Donnerstag, 12. Dezember, führt die Polizei im Raum Schützenmatte eine Drogenrazzia durch. Es kommt zu einzelnen Scharmützeln. Die Reitschule kritisiert die Polizei für den Grosseinsatz. Er sei unverhältnismässig und rassistisch motiviert gewesen.
  3. Eskalation: In der Nacht auf Freitag kommt es zu einem Farbanschlag auf das Regionalgefängnis. Die Polizei selbst geht davon aus, dass dies eine Reaktion auf die abendliche Kontrolle bei der Reitschule war. In der Nacht auf Sonntag errichten Jugendliche mehrere Strassensperren – laut einem anonymen Aktivisten als Reaktion auf die Drogenrazzia. Beim Einsatz werden drei Polizisten verletzt.
  4. Fokus Reitschule: Die Polizei teilt nach den Ereignissen mit, die Aktivisten hätten sich immer wieder in die Reitschule zurückgezogen und bringt den Farbanschlag auf das Gefängnis mit der Drogenrazzia in Verbindung.
  5. Politisches Nachspiel: Nause fordert eine politische Antwort. Der Gemeinderat will prüfen, ob eine Verletzung des Leistungsvertrags vorliegt. Bis die Fragen geklärt sind, werden allfällige Zahlungen eingefroren. Die Reitschule ihrerseits wirft der Polizei Grundrechtsverletzungen vor. So sei die Kontrolle nach einem «rassistisch definierten Schema» durchgeführt worden. Ferner hätten sich die Zivilpolizisten auch auf Nachfrage nicht ausgewiesen, Gäste bis auf die Toiletten verfolgt und Besucherinnen und Besucher des Restaurant Sous le Pont am Eintreten und Verlassen des Restaurants gehindert. Zudem wirft die Mediengruppe der Polizei vor, ohne Vorzeigen eines Durchsuchungsbefehls in Nebenräume der Reitschule eingedrungen zu sein.
November 2012: Video zeigt die Spezialeinheit Krokus auf der Schützenmatte

November 2012: Video zeigt die Spezialeinheit Krokus auf der Schützenmatte

 

Die Reitschul-Krawalle können beliebig weit zurückverfolgt werden – das Muster ist immer dasselbe: Das Kulturzentrum kritisiert das Auftreten der Polizei, diese den mangelnden Einsatz des Reitschul-Sicherheitsdienstes. Bei einem Einsatz der Polizei – von der Reitschule meistens als unverhältnismässig und rassistisch motiviert kritisiert – kommt es zu Auseinandersetzungen, die zwar nicht immer im Umfeld der Reitschule verortet werden können, jedoch von Polizei und Behörden dem Milieu zugesprochen werden. Die Diskussion um das Aufrechterhalten des Kulturzentrums entflammt, bis die Kritik verklingt und entweder Polizei oder Krawallbrüder den Streit von Neuem antreten. 

Verlieren tut jedes Mal die Reitschule, die sich ihre Legitimation wieder erkämpfen muss. Gewinner sind Gruppierungen wie 031, die zwar Anschläge verüben und Polizisten verletzen, jedoch im Lärm der Debatte um das Kulturzentrum vergessen gehen.

Sprayerei der Gang 031. Ihre wichtigste Botschaft: «Fuck the Police».

Sprayerei der Gang 031. Ihre wichtigste Botschaft: «Fuck the Police».

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