Trabanten, die um die Sonne kreisen, könnten schon mal auf die Idee kommen: Ich bin das Licht! Schliesslich werden sie Jahr für Jahr angestrahlt, gewärmt von der Quelle des Lichts. Zur Freude von vielen flimmern sie raus in die Nacht, empfangen als blau-bleicher Schein an jeder Ecke, unter jedem Dach. Fragt den Mond! Bildet der sich nicht zu viel ein auf seine Aura, die romantischen Vibes? Dabei wäre er doch, ohne Sonne, bloss ein Stück Stein. Oder die Erde: Was sonnt sich hier unten nicht alles im entlehnten Glanz – und bemerkt den Schatten nicht, der anzeigt: In Wahrheit gehörst du zum Schattenreich, Scharlatan.

Ja, die Pirouetten buntscheckiger Pierrots im künstlichen Licht: Seit Jahr und Tag sehen wir ihnen zu, im Fernsehkasten. Sie machen Faxen im Licht, wir im Dunkeln glotzen sie trübe an. Wir glauben nicht an ihre Show. Aber fünfzehn Minuten Ruhm scheinen trotzdem toller zu sein als das ewige Leben hier, als Kartoffelchip auf der Couch. Crunchy wirkt jede Type nur im Schein, davon wie aufgedreht.

Aber was passiert, wenn der Scheinwerfer am Ende des Tages erlischt? Stürzt das den Pierrot in heillose Finsternis? Löscht es ihm auf einen Schlag das Leben aus? Nimmt ihm gar alle Transzendenz? Du lieber Himmel, Fernsehen mit dem ewigen Leben zu verbinden! Klingt überrissen und grotesk. So viel gibt der dumme Kasten doch gar nicht her.

Fernsehen als «Lebensschule»

Nun aber bietet sich Anlass, mal etwas gründlicher darüber nachzudenken: Wie viel Lebenssinn bringt Fernsehen? Dem erfahrensten «Talker der Nation» wird nämlich der Stecker gezogen: Kurt Aeschbacher, auf Ende Jahr. Ein Sparentscheid der SRG. Völlig überraschend kam das nicht.

Aber alles Vorbereitetsein dämpfte offenbar doch nicht alle Nebenwirkungen des Schlags. Aeschbacher äusserte sich dazu in einer bemerkenswerten «selbstkritischen Betrachtung», erschienen in der letzten «Weltwoche». Mit der «religiösen Sinngebung habe er nie viel anfangen können», schreibt er da, «meine Lebensschule war das Fernsehen».

Stationen des Doyens der Schweizer Fernsehmoderation:

Endlich stellt ein prominenter Fernsehmann mal die Sinnfrage. Ohne Kamera vor der Nase, nur mit Buchstaben. Beherzter, mutiger als der Rest. Denn bei Licht besehen, sind TV-Gesprächsleiter weniger gern Intellektuelle als Showschwätzer. Eigens für sie hat man ein Genre erfunden, den «Talk». Der funktioniert nirgendwo im richtigen Leben, das Fernsehen aber hält inflationär daran fest.

Aeschbacher betrachtet in seinem Text das Fernsehen explizit vor dem Hintergrund der Religion und ihrem Lebenstrost. Damit wirft er implizit die Frage auf, ob Fernsehen nicht auch diene als Religionsersatz. Gerade in Anbetracht, dass das Leben eine Reihe sei von Zufällen, zumindest das seine. Die Strukturierung des Zufälligen, Unausgegorenen, des Furcht Einflössenden verdanke er dem Fernsehen. In Aeschbachers Worten: «Mir half der Fernsehberuf das eigene Lebensbuch, versehen mit den beiden Deckeln Geburt und Tod, durch Erlebnisse zu füllen.»

Droge oder Lebenselixier?

Kurt Aeschbacher weilt in Südfrankreich in den Ferien. Wir hätten gern ein Gespräch geführt mit ihm über Licht und Schatten eines Fernsehlebens. Es wurde immerhin ein schriftlicher Dialog um einen Strauss von Fragen.

Was, Herr Aeschbacher, wäre gewesen ohne Fernsehen in Ihrem Leben? Nichts als der Untergang? «Oh nein», antwortet er, «Fernsehen war nicht die einzige Option zum Glück meines Daseins. Mich interessierten immer Aufgaben, deren Ausgang ungewiss war. Als frischgebackener Nationalökonom zog ich von Bern mutig nach Basel, weil ich mich à tout prix nicht als stellvertretenden Büroleiter in der Berner Steuerverwaltung sah.»

In Basel ergab sich die Möglichkeit, an der Gartenschau Grün 80 mitzuarbeiten. Und an der Grün 80 kam das Fernsehen zufällig ins Spiel, mit dem «Karussell». Aeschbacher heuerte an als Taglöhner. Und blieb gewissermassen «Taglöhner», fast vierzig Jahre lang.

«Fernsehen», sagt Aeschbacher, «hat grosses Suchtpotenzial. Aber im Wissen darum war ich im Nebenjob phasenweise auch Antiquitätenhändler, verkaufte Weihnachtsschmuck, eröffnete in Zürich eine Suppenbeiz und bin heute – seit über fünf Jahren – Herausgeber und Mitbesitzer des Magazins 50plus.» Anderes sei kläglich versandet. «Aber alles hatte den Zweck, auch ein Leben ausserhalb des Fernsehens zu führen.»

Suchtpotenzial – oder Lebenselixier? «Das Fernsehen selber nicht. Es sind die Inhalte», antwortet Aeschbacher. «Was gibt es Spannenderes, als vor den Augen eines grossen Publikums Tabus unserer Gesellschaft zu hinterfragen – wie bei «Grell Pastell» – und sich dabei auch den Antworten zu stellen. Scheinwerfer waren für mich nie reales Licht.

Aus dem SRF-Archiv: In der Sendung «grell-pastell» nahm Kurt Aeschbacher nicht selten Stellung zu kontroversen Themen.

Mich interessierten die Geschichten, von denen ich mir erhoffte, Licht in die eigenen Lebensfragen zu bringen. Dank der Visitenkarte ‹Moderator› konnte ich Menschen mit spannenden Geschichten dafür gewinnen, sich für meine ganz persönlichen Fragen Zeit zu nehmen. Insofern halfen die Scheinwerfer. Nicht meinem Ego, sondern meiner Sinnsuche.» Jetzt stehe er vor etwas anderem: «Vor der Ungewissheit, ob ich es schaffe, ohne den Zwang der Sendung mein eigenes Leben mit Herausforderungen zu bereichern.»

Tischbomben und Zierfische

Macht Fernsehen heute generell keinen Spass mehr? Aeschbacher beklagte jüngst das aufkommende «Knallen von Tischbomben» am Schirm. «Flüchtigen Unterhaltungsdampf gab es schon immer», sagt er. «Aber mit den neuen Medien, die laufend nach Aufmerksamkeit schreien, ist die besagte Knallerei mindestens kurzfristig die effektivste Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen. Das gilt übrigens nicht nur fürs Fernsehen. Wenn Journalisten dank Klick-Statistiken Karriere machen, sind Tischbomben auch für sie der Weg zum Erfolg.»

Buchstaben garantieren weder Lebenssinn noch Seligkeit, wohl wahr, geschweige denn Reichtum – und apropos Hablichkeit ... Aeschbacher bewohnt ein Jugendstilhaus in Zürich und schuf «aus einem Steinhaufen während Jahren ein kleines Paradies» in der Provence. Da hält er auch japanische Koi-Fische. Erfüllt ein solcher Garten Eden ihn etwa nicht? Nun, da es Herbst wird und Aeschbacher im Oktober siebzig wird?

«Der Garten beglückt mich seit Jahren. Die von mir gepflanzten Bäume werden erst dann richtig majestätisch in der Landschaft stehen, wenn es mich längst nicht mehr gibt. Eine gute Lebensschule. Wie der Fischreiher, der sich mit beeindruckender Insistenz im Teich mit frischen Fischen selber bedient. Aber zwölf Monate Rosen schneiden und den Büschen beim Wachsen zuzuschauen, erfüllt mein Leben umfassend leider nicht.» Das könnten Künstler schon eher, fügt er an, deren Kunst ihn verunsichere, provoziere und die Wände seiner Wohnung «in einen gesellschaftlichen Diskurs verwandelt».

Sässe Aeschbacher sich selber gegenüber als Gast: Was würde er vom Moderator Aeschbacher halten? Hatte der irgendwelche Kniffe auf Lager? Unlautere hypnotische Fragetechniken? «Hm», sagt Aeschbacher, «wenn ich mir selber nicht mehr vertrauen würde, hätte ich wohl den grössten Verrat an mir selber und meinen Werten begangen. Alles ergab sich immer aus dem Moment der Begegnung. Auch indem ich meine Gesprächspartner nie vor der Sendung traf, trotz aller akribischen Recherchen im Vorfeld, und mich mit ihnen nie abgesprochen habe.»