Ukraine
380 Franken im Monat müssen reichen

Vor fünf Jahren galt die Ukraine politisch und wirtschaftlich als Musterbeispiel unter den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Doch heute leidet das Land unter der Wirtschaftskrise. Ein Augenschein in Kiew zeigt, wie sich die Wirtschaftskrise zum Beispiel auf das Leben der 24-jährigen Ukrainerin Christina Lohvynenko auswirkt.

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Christina Lohvynenko

Christina Lohvynenko

Aargauer Zeitung

Fabian Hägler, Kiew

Okean Elzy, die bekannteste Rockgruppe der Ukraine, gibt ein Konzert im Palats Ukraina in Kiew. «Das ist meine Lieblingsband, ich wäre sehr gerne bei ihrem Auftritt dabei gewesen, aber die Tickets waren einfach zu teuer», sagt Christina Lohvynenko. 300 Hryvnia, rund 45 Franken, hätte das Konzert gekostet - zu viel für die 24-jährige Ukrainerin mit Universitätsabschluss. «Ich verdiene seit Februar 2500 Hryvnia im Monat», erklärt sie. Die junge Sprachwissenschafterin kommt so auf einen Monatslohn von rund 380 Franken. Seit September ist sie als Assistentin des Geschäftsführers beim ukrainischen Tochterunternehmen einer internationalen Gerüstbaufirma angestellt.

Lohn in Hryvnia, Miete in Dollar

«Als ich die Stelle antrat, vereinbarten wir einen Lohn von 600 Dollar, der nach einer Probezeit auf 800 steigen sollte», erinnert sie sich. Dieser Betrag wurde ihr seither nur einmal ausbezahlt - «im Oktober, aber nicht in Dollar, sondern in Hryvnia.» Für die junge Frau, die sehr gut Deutsch und Englisch spricht, ein grosses Problem. «Die Vermieter meiner Wohnung akzeptieren die Miete konsequent nur in Dollar», erklärt Christina.

Im Moment bezahlt sie 250 Dollar im Monat für eine kleine Einzimmerwohnung in einem alten Plattenbau weit draussen am Stadtrand. Weil die ukrainische Hryvnia im letzten halben Jahr gegenüber dem Dollar drastisch an Wert verlor, bekommt die Ukrainerin in den Wechselstuben immer weniger harte Währung für ihren Lohn. «Immerhin konnte ich die Besitzerin meiner Wohnung dazu bringen, die Miete zu senken», sagt sie.

Möglich war dies, weil der Wohnungsmarkt im Moment auch stark von der Krise betroffen ist. «Viele Menschen aus anderen Städten, die nach Kiew kamen, um hier eine Arbeit zu finden, verlassen die Hauptstadt wieder», schildert Christina ihre Eindrücke. Besonders stark von der Krise betroffen ist der Bausektor, also jene Branche, in der Lohvynenkos Firma aktiv ist. Auf vielen Baustellen in Kiew ruht die Arbeit seit Monaten. «Es gibt Massenentlassungen, die Leute sind deprimiert und trinken viel», erzählt die Sekretärin.

Bürgermeister als Politclown

Über Politik mag die junge Frau nicht reden, der ständige Streit zwischen Präsident Juschtschenko und Ministerpräsidentin Timoschenko interessiert sie nicht mehr. Kommt dazu, dass sich in der ukrainischen Politik zahlreiche zweifelhafte Figuren tummeln. Der amtierende Bürgermeister von Kiew, Leonid Tschernowetski, ist eine davon. Früher oft mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert, gewann der Finanzexperte und Privatbankier zuletzt zweimal die Wahlen gegen den bekannten Boxer Vitali Klitschko.

Tschernowetski, dem Drogenabhängigkeit nachgesagt wird, gebärdet sich als veritabler Politclown. Vor zwei Jahren prügelte er sich mit Innenminister Juri Luzenko, der letzte Woche für einen Zwischenfall am Flughafen Frankfurt sorgte: Zusammen mit seinem 19-jährigen Sohn randalierte er, offenbar massiv alkoholisiert, an einem Gate. Inzwischen hat der Minister seinen Rücktritt eingereicht.

«Das Ausland lockt mich sehr»

Um die leere Stadtkasse zu füllen, schlug Tschernowetski unlängst vor, Eintrittsgebühren für Friedhofbesuche zu erheben. Als weitere Möglichkeit wollte er selbst gesungene Lieder verkaufen, und auch eine Teilnahme am Eurovision Song Contest zog der Bürgermeister in Erwägung. «Wie soll sich unsere Stadt positiv entwickeln mit einer solchen Führungsfigur?», fragt Christina Lohvynenko ernüchtert.

Auch in Kiew ist es Frühling geworden, doch optimistischer schaut die 24-Jährige dennoch nicht in die Zukunft. «Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiss, wie es weitergehen soll», sagt sie. Den Glauben daran, dass sie in der Ukraine etwas erreichen kann, hat sie fast verloren. Während ihrer Studienzeit war Christina für mehrere Monate als Au-Pair in Deutschland und in Österreich. «Das Ausland lockt mich sehr», räumt die hübsche junge Frau ein. Und leise ergänzt sie: «Früher habe ich fest an die Ukraine geglaubt, doch heute sehe ich hier kaum noch Perspektiven für mich.»

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