Einfach war der Gang der Bundesangestellten nicht, die im Auftrag des Verteidigungsdepartements (VBS) am Donnerstagabend von Bern aus ins beschauliche Dorf Kandergrund fahren mussten.

Nachdem VBS-Chef Guy Parmelin den Bewohnern des Dorfteils Mitholz Ende Juni eröffnet hatte, dass vom alten Munitionsdepot unter ihrem Boden eine wesentlich grössere Gefahr ausgeht als bislang angenommen, ging ein Aufschrei durch die Gemeinde.

Blick ins ehemalige Munitionslager bei Mitholz

Blick ins ehemalige Munitionslager bei Mitholz

Reto Luginbühl, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Explosivstoffe und Munitionsüberwachung, erklärt, was bei der Explosion vom 19. Dezember 1947 bei Mitholz geschehen ist. "Der Berg ist in sich zusammengebrochen." Von einer kleinen Luke aus sind eine 50-kg Fliegerbombe und eine 10.5-cm Granate sichtbar.

Um die offenen Fragen der Mitholzer zu beantworten, setzte das VBS eine Arbeitsgruppe ein. Das oberste Credo: absolute Transparenz über die weiteren Entscheidungen und Schritte bezüglich der gefährlichen Last im Mitholzer Boden.

Am Donnerstag nun lud das VBS die Mitholzer erstmals zu einem «Bürgergespräch» ein. Dreieinhalb Stunden lang gingen die Munitions- und Kommunikationsexperten des Verteidigungsdepartements in Einzelgesprächen auf die Fragen der Bevölkerung ein.

Gemeindepräsident Roman Lanz war bei jedem der zehn Gespräche dabei. «Dass die Experten des VBS zu uns kamen und live unsere Fragen beantworteten, hat den Bürgern unheimlich Vertrauen geschenkt», sagt Lanz. «Dass das Verteidigungsdepartement mit Hochdruck an Lösungen arbeitet, hat viele beruhigt.»

Mitholz: Gefahr einer Explosion höher als angenommen

Mitholz: Gefahr einer Explosion höher als angenommen

Im vor 71 Jahren explodierten ehemaligen Munitionsdepot Mitholz der Armee im Berner Oberland besteht ein höheres Explosionsrisiko als bisher angenommen. Die Anlage wurde bis jetzt als Armeeapotheke und Truppenunterkunft genutzt. Der Bund hält es allerdings nicht für nötig, weitere Sofortmassnahmen zu ergreifen und die Bevölkerung zu evakuieren.

Besorgte Landwirte

Rund 99 Prozent der Mitholzer sind laut dem Gemeindepräsidenten mit dem Vorgehen des VBS zufrieden. Viele hätten Verständnis dafür, dass zwei Monate nach der Überbringung der Hiobs-Botschaft noch keine konkreten Lösungen auf dem Tisch lägen. «Die Bürgergespräche waren primär eine gute Gelegenheit, um individuellen Anliegen Gehör zu verschaffen», sagt Lanz.

Landwirte wollten wissen, wer sich um ihre Tiere und Felder kümmert, falls das Dorf für die Räumung der gut 3500 Tonnen Munitionsreste doch noch evakuiert werden müsste.

Die Hausbesitzer machten sich Sorgen um den möglichen Wertezerfall ihrer Liegenschaften. Und die jungen Mitholzer seien unsicher, ob das Dorf als Wohngemeinde überhaupt eine Zukunft habe.

Die Stimmung gegenüber den Bundesbeamten sei sehr positiv gewesen, berichtet Lanz. Beim «Ade»-Sagen hätten sich viele bedankt. «Die Mitholzer haben gemerkt, dass da vis-à-vis auch nur Leute sitzen, die Fehler aus früheren Generationen ausbaden müssen. Das hat Sympathien geschaffen», sagt der Gemeindepräsident.

Ende September will das VBS den Schlussbericht über die laufenden Untersuchungen des Munitionsdepots vorlegen. Dann tauchen vielleicht neue, drängende Fragen auf. Anfang Oktober soll es daher eine zweite Runde der «Bürgergespräche» geben – mit mehr konkreten Antworten.

Die Flucht nach der Explosion - eine Augenzeugin berichtet

Die Flucht nach der Explosion - eine Augenzeugin berichtet

Regina Trachsel ist eine von drei Augenzeugen, die die Explosion vom Munitionslager am 19. Dezember 1947 miterlebt hat. Sie war damals noch ein Kind. Sie berichtet im Interview mit Keystone-SDA, wie sie mit ihrer Schwester mitten in der Nacht das Haus verlassen und fliehen musste.