Der Ganzkörperschleier reichte bis zu den Knöcheln. Aber das Gesicht war erkennbar. Die 31-jährige F. S.* trug einen türkisfarbenen Tschador, als sie gestern vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona erschien, um sich wegen Verstosses gegen das Bundesgesetz über das Verbot der Gruppierungen al-Kaida und IS zu verantworten. Die radikalisierte und zum Islam konvertierte Frau aus Winterthur hatte zwischen Dezember 2015 und Januar 2016 versucht, mit ihrem vierjährigen Knaben nach Syrien in das vom sogenannten Islamischen Staat (IS) besetzte Gebiet zu gelangen.

Der Einzelrichter verurteilte die Beschuldigte wegen versuchter Widerhandlung gegen dieses Bundesgesetz zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. 6 Monate muss sie ins Gefängnis, 12 Monate sind zur Bewährung ausgeschrieben, für eine Probezeit von drei Jahren. Ausserdem muss sie sich einer psychiatrischen Behandlung unterziehen. Besonders verwerflich sei der Umstand, dass sie den kleinen Sohn auf die Reise mitgenommen habe, sagte der Richter. Aus egoistischen Motiven und gegen den Willen des Kindsvaters habe sie seine Gefährdung in Kauf genommen. Der Richter blieb leicht unter dem Strafantrag der Bundesanwaltschaft, die zwei Jahre Freiheitsstrafe unbedingt gefordert hatte. Der Verteidiger hatte auf Freispruch plädiert und sprach von einem Gesinnungsprozess. Diesen Vorwurf wies der Richter zurück.

Weder reuig noch einsichtig

Die Beschuldigte nahm das Urteil regungslos auf. Während der Befragung am Vormittag hatte sie die Aussage weitgehend verweigert, zeigte sich in ihren wenigen Sätzen aber weder reuig noch einsichtig, eine Straftat begangen zu haben. Insbesondere stritt sie hartnäckig ab, den IS unterstützt zu haben oder sich diesem anzuschliessen habe wollen, als sie nach Griechenland geflohen war. «Ich wollte einfach nur unter dem islamischen Gesetz leben», so die junge Frau, die mehrere Ausbildungen absolviert hat, unter anderem als Tourismusfachfrau, aber mittlerweile vereinsamt in Winterthur von Sozialhilfe lebt. «Ich sitze einfach zu Hause, bete, mache manchmal einige Handarbeiten und surfe im Internet», sagte sie. Kontakt zu religiösen Gruppen habe sie nicht, auch zur Familie kaum. Den Sohn höre sie selten am Telefon. Manchmal lachte sie, wenn ihr eine Frage des Richters nicht gefiel.

Für die federführende Bundesstaatsanwältin war die Sache hingegen klar. «Selten hat eine Beschuldigte so klar zugegeben, den IS zu unterstützen», sagte sie in ihrem Plädoyer. Sie sei nicht einmal davor zurückgeschreckt, ihren kleinen Jungen zu entführen, um diesen in einer «barbarischen Horde» als Kämpfer ausbilden zu lassen. Die Bundesanwaltschaft reagierte zufrieden auf das Urteil, weil das Gericht im Grundsatz der Anklage gefolgt sei. «Das heisst: Auch wer im vom IS propagierten Sinne aktiv wird, macht sich in der Schweiz strafbar», sagte BA-Sprecher André Marty. Das Urteil kann noch vor Bundesgericht angefochten werden.

* Name der Redaktion bekannt.