Eigentlich könnte Paul Meier die Volksinitiative der Jungsozialisten egal sein. Der grossgewachsene, 69-jährige Ex-UBS-Banker aus Bergdietikon AG hat finanziell ausgesorgt. Statt wie andere pensionierte Banker weiter an der Börse zu spekulieren, reist er mit seiner Frau um die Welt, nach Asien, Amerika, Südafrika. «In meinem Alter weiss man nicht, wie lange man noch hat. Man muss die Zeit geniessen.» Und doch kann er nicht ganz abschalten. Die Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» der Juso lässt ihm keine Ruhe. «Ich habe mein Herzblut im Rohstoffhandel. In meinen Augen ist das ein sauberes Geschäft, ein Geschäft, das die Welt braucht. Und da braucht es in Gottes Namen auch Spekulanten.» Er muss es wissen, denn er ist eine Kapazität auf seinem Gebiet. 2011, als er noch Präsident der «Swiss Futures and Options Association» war, schrieb die «Neue Zürcher Zeitung» anerkennend: «Derivate haben seit den Siebzigerjahren sein Leben bestimmt.» Nun will er helfen, die Initiative am 28. Februar zu bodigen.

Schnell ins Ausland

Paul Meiers Leidenschaft für «Commodities», wie man Rohstoffe auf Englisch nennt, reicht weit zurück, sie wurde ihm quasi in die Wiege gelegt: Er wuchs als Kind einer Bauernfamilie im zürcherischen Kilchberg auf. Als ältester Sohn sollte er irgendwann den Hof des Vaters übernehmen. Aber im Alter von 20 Jahren hatte er andere Pläne. «Ich wollte raus aus der Schweiz.» Meier heuerte beim Winterthurer Handelsunternehmen Gebrüder Volkart an. Seine Bedingung war, dass er möglichst bald ins Ausland darf. Zwei Jahre später wurde er nach New York geschickt.

Dort importierte er erst Werkzeugmaschinen. Als das Geschäft wegen der Frankenstärke «kaputt ging», wie er sagt, stieg er in den Kaffee-Handel ein. Er war dafür verantwortlich, dass der Kaffee, den die Firma eingekauft hatte, rechtzeitig beim Röster ankam.

Als 1974 die Kaffeepreise aufgrund einer Frostperiode in Brasilien explodierten, war sein Moment gekommen: Die «Volkart Brothers» wollten sich fortan gegen Preisausschläge absichern, ohne dafür jedes Mal einem Broker eine teure Kommission zu zahlen. Paul Meier sollte das Geschäft mit den «Futures» aufbauen; jenen Finanzprodukten, die einem Händler das Recht geben, während einer definierten Periode zu einem festgelegten Preis eine bestimmte Menge eines Rohstoffs – zum Beispiel Kaffee – zu kaufen.

«Zu Beginn hatte ich keine Ahnung von Futures», sagt Meier. «Ich las ein Buch, ging an die Börse, ins Clearing-Haus und zum Regulator, schaute, wie die das dort machen.» Das Geschäft lief gut, der Autodidakt leitete die «Futures»-Abteilung bei Volkart bis Mitte der Achtzigerjahre. Als er in die Schweiz zurückkehrte, baute er bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (später UBS) mit einem Kollegen den Derivatehandel auf.

«Das gab es immer»

Paul Meier streitet nicht ab, dass es Nahrungsspekulation gibt, wie sie die Jungsozialisten kritisieren. «Spekulieren ist menschlich, das gab es schon immer.» Selbstverständlich würden Spekulanten auf die Preise von Mais, Soja, Weizen oder Reis wetten und dabei nie physisch mit den Rohstoffen in Kontakt kommen. Und ja, es könne sein, dass ein Hedge Fund kurzzeitig versuche, den Preis in die Höhe zu treiben. «Doch wenn die Sojabohnen statt 8 plötzlich 13 Dollar kosten, dann hat der Bauer in Omaha einen Anreiz, ein zusätzliches Feld zu bepflanzen. Das Resultat sind mehr Nahrungsmittel und letztlich tiefere Preise. Dagegen kann auch Jean Ziegler nichts haben.»

Oft seien es die Produzenten und Verarbeiter selber, die den Marktpreis zu ihrem eigenen Profit beeinflussen wollten – dagegen komme die Initiative nicht an. 1983 hätten die Kakaoproduzenten versucht, den Weltmarktpreis in die Höhe zu treiben: «Sie scheiterten brutal.» Ähnlich sei es dem italienischen Nahrungsmittelkonzern Ferruzzi ergangen, der 1989 nach einer Dürre im Mittleren Westen der USA zu Spekulationszwecken im grossen Stil Sojabohnen und «Futures» auf Sojabohnen erwarb: «Ferruzzi konnte den Preis für gefühlte fünf Minuten in die Höhe treiben, aber auch er scheiterte.» 1993 meldete das Unternehmen Konkurs an. «Solche krummen Dinger haben nie funktioniert», sagt Meier.

Natürlich gebe es auch in der Schweiz schwarze Schafe. Doch die Banken gehörten nicht dazu: Diese hätten zwecks Risikoverteilung einen konstanten Anteil an Nahrungsmittel-Positionen in ihrem Portfolio und beeinflussten den Markt somit nicht.

Kopfsalat für Europa

Ob Nahrungsmittelspekulation Hungerkrisen wie jene 2011 in Ägypten verschärft? Meier findet nein. Mehr als Banken und Hedge Funds sieht er die Länder in der Pflicht, die selber von Hungersnöten betroffen sind. Egal ob der Weltmarktpreis eines bestimmten Agrarguts hoch oder tief sei, das Problem liege meistens vor Ort. «Warum produziert Ägypten im Winter Kopfsalat für uns Europäer? Die Regierung müsste sagen: Sorry, wir exportieren keine Nahrungsmittel! Wir brauchen das Agrarland zur Ernährung unserer Bevölkerung.»

Auch in Indien sei nicht die Nahrungsmittelspekulation das Problem. «Das Problem sind schlechte Erntemaschinen, schlechte Strassen, schlechte Lastwagen und schlechte Lagerräume. 30 Prozent aller Nahrungsmittel verrotten, bevor sie am Ziel ankommen.» Auch Industrieländer trügen eine Verantwortung: «Wenn wir weniger Lebensmittel verschwenden würden, müssten wir weniger importieren. Jeden Sack Mehl, den wir nicht einführen, kann man an einen anderen Ort schicken.» Die Initiative der Jungsozialisten löse kein einziges dieser Probleme.